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Angsterkrankungen
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Schutzmechanismus außer Kontrolle

Angst ist eine Emotion, die Menschen vor Gefahren schützt und dadurch einen starken evolutionären Vorteil bietet. Aber sie wird zur Qual, wenn sie den Alltag beherrscht. Wichtig ist eine konsequente Behandlung der Angsterkrankung, um eine Chronifizierung zu verhindern.
AutorKontaktMartina Hahn
AutorKontaktSibylle C. Roll
Datum 07.12.2025  08:00 Uhr

Beratung in der Apotheke

Das Apothekenteam kann Patienten mit Angsterkrankungen und deren Angehörige auf vielfältige Weise unterstützen. Zunächst geht es um die Krankheitsdetektion. In der Beratung muss abgeschätzt werden, ob es sich um eine Angsterkrankung handelt oder um eine angemessene Stressreaktion auf eine bestimmte, vielleicht naheliegende Situation. Bei Verdacht auf eine Angsterkrankung ist unbedingt an einen Psychotherapeuten beziehungsweise Psychiater zu verweisen, um die Diagnostik und erfolgreiche Behandlung nicht zu verzögern. Selbsthilfegruppen können ebenfalls empfohlen werden.

Eine Domäne der Apotheker ist die Beratung zu anxiolytischen Arzneimitteln. Bei der Abgabe von Antidepressiva ist der Patient darauf hinzuweisen, dass es zu einer erhöhten Ängstlichkeit (»jitterness«) in den ersten Behandlungswochen kommen kann, bevor eine Wirkung eintritt. Die Wirklatenz beträgt wie auch bei der Behandlung der Depression etwa zwei Wochen. Dabei sollten Apotheker auf mögliche Nebenwirkungen, Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sowie auf die richtige Anwendung der Medikamente eingehen.

Aber Vorsicht: Eine unbedachte Beratung kann Nocebo-Effekte auslösen. Aus der klinischen Erfahrung neigen insbesondere angsterkrankte Menschen sehr stark dazu, unter Nocebo-Effekten zu leiden. Große randomisierte kontrollierte Arzneimittelstudien zeigen, dass der Nocebo-Effekt für bis zu 97 Prozent der berichteten Nebenwirkungen verantwortlich ist (16). Die Aufklärung zu Nebenwirkungen sollte daher sehr vorsichtig und neutral (Beispiel: Nur jede zehnte Person leidet unter Übelkeit) oder positiv formuliert werden (Beispiel: Neun von zehn Personen leiden nicht unter Übelkeit) oder teilweise sogar in Rücksprache und bei Einverständnis der Patienten ganz entfallen.

Apothekenteams können ebenfalls bei der Psychoedukation mitwirken. In der Apotheke können Beratungshinweise zu ergänzenden Maßnahmen wie Entspannungsübungen und Stressmanagement gegeben oder psychotherapeutische Angebote in der Region empfohlen werden. Wichtig ist, den Patienten Mut zu machen und sie bei der Bewältigung ihrer Ängste zu unterstützen, um die Lebensqualität zu verbessern. Dazu gehört auch die Beratung von Angehörigen, die im Umgang mit den Betroffenen oft unsicher sind. Was hilft, was schadet und wie sieht eine gute Unterstützung aus?

Auf der AWMF-Internetseite ist eine Patientenleitlinie zu Angsterkrankungen zu finden, die den Betroffenen und ihren Angehörigen hilft, mehr über den richtigen Umgang mit der Erkrankung und deren die Behandlung zu erfahren.

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