Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Psychische Störungen
-
Schatten des Diabetes

Diabetes und psychische Störungen beeinflussen sich wechselseitig negativ. Ein Diabetes kann nicht nur zu körperlichen Schäden, sondern ebenso zu psychischen Störungen führen. Eine psychodiabetologische Behandlung kann den Patienten helfen.
AutorKontaktIlsabe Behrens
Datum 09.07.2023  08:00 Uhr

Belastung in allen Lebensphasen

Tritt ein Diabetes, im Allgemeinen ein Typ-1-Diabetes, im Kindesalter auf, so liegt die Belastung durch die Therapie und die Sorge um das Kind bei den Eltern und der Familie. Viele reagieren gereizter, sind ängstlicher und unsicher im Alltag und übertragen diese Reaktion auch auf ihr Kind und eventuell dessen Geschwister. Ein Kind wird durch permanente Kontrolle (Blutzuckermessung bis zu sechs oder sieben Mal pro Tag), regelmäßiges Essen genau berechneter Mengen und einen eher geregelten Tagesablauf frustriert, in seinen spontanen Aktivitäten eingeschränkt und verängstigt. Das kann zu Abwehr und Aggressivität gegenüber den Eltern, starken Stimmungsschwankungen und zum Rückzug aus der sozialen Umwelt führen.

Jugendliche können die Diabetestherapie meist selbstständig übernehmen und Verantwortung für sich selbst tragen. Dies ist eine große Last, da es eine Dauerlast ist. Hinzu kommen Stimmungsschwankungen durch die hormonellen Umstellungen in der Pubertät, die extrem verstärkt werden durch schnelle massive Blutzuckerschwankungen. Diese wiederum begünstigen Heißhunger, größere Essensmengen und Gewichtsanstieg.

Um abzunehmen, spritzen viele Jugendliche bewusst zu wenig Insulin, sodass sie weniger essen müssen. Dieses Verhalten wird als Insulin-Purging bezeichnet. Der Patient reduziert ganz bewusst die notwendige Insulinmenge oder lässt die Applikation zeitweise ganz weg. Die nicht vom Körper aufgenommenen Kohlenhydrate werden mit dem Urin ausgeschieden; so soll Gewicht reduziert werden. Insbesondere bei jungen Frauen mit Typ-1-Diabetes kommt die Diabulimie gehäuft vor. Sie essen wie in einem Anfall völlig unkontrolliert und versuchen dann, das zu viel Gegessene durch Diäten, Erbrechen und exzessive Sporteinheiten wieder loszuwerden. Dieser Teufelskreis kann in kürzester Zeit zu Essstörungen, Verweigerung von Blutzuckermessungen und Insulingabe sowie folglich einem schlechten körperlichen Zustand führen.

Jugendliche mit Diabetes leiden zusätzlich in vielen Lebenssituationen. Beispielsweise hat Alkohol ganz andere Auswirkungen und kann massive lebensbedrohliche Hypoglykämien oder extreme Hyperglykämien auslösen; dies erfordert permanente Vorsichtsmaßnahmen. Die Teilnahme an Sportveranstaltungen und Klassenfahrten sowie die Berufswahl sind eingeschränkt. Nicht möglich ist eine Anstellung bei Polizei, Feuerwehr und im Verkehrs- oder Transportwesen, um nur einige Bereiche zu nennen. Das alles erzeugt zusätzlichen chronischen Stress. Die Folgen sind vielfältig: Inaktivität, sozialer Rückzug, stark vermindertes Selbstwertgefühl, Aggressivität, psychische Störungen, ADHS und eigenständige psychische Erkrankungen.

Bei jungen Erwachsenen stabilisieren sich die Stimmungslage und die diabetische Stoffwechsellage meistens gleichermaßen. Dennoch ist der Stresspuffer geringer als bei nicht erkrankten Erwachsenen. So reagieren Menschen mit Diabetes vulnerabler auf Stressoren, bewerten diese als bedrohend und reagieren eher mit Angst oder Rückzug, geringem Selbstwertgefühl und möglicherweise auch mit körperlichen Beschwerden (Herz-Kreislauf). Depressive Menschen mit Diabetes leiden unter verminderter Lebensqualität und empfinden die Erkrankung dauerhaft als deutliche Belastung.

In späteren Lebensphasen kann sich die Dauerbelastung in Essstörungen, Depression und Angststörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Inaktivität, ungesunder Lebensweise und schlechter Therapietreue äußern. Die Mortalität verdoppelt sich durch mehr mikro- und makrovaskuläre Komplikationen im Vergleich zu nicht depressiven Menschen mit Diabetes.

Umgekehrt kann eine Depression auch einen Typ-2-Diabetes fördern (5). Ein depressiver Patient ernährt sich häufiger ungesund und ist inaktiver. Übergewicht und Rauchen sind weitere Risikofaktoren für einen Diabetes Typ 2.

Mehr von Avoxa