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Brivudin und Fluoropyrimidine

Rote-Hand-Brief warnt vor tödlicher Interaktion

Die Wechselwirkung ist seit Langem bekannt, aber wohl nicht bekannt genug: Ein neuer Rote-Hand-Brief warnt aufgrund neuer Todesfälle vor dem gleichzeitigen und zeitnahen Einsatz des antiviralen Wirkstoffs Brivudin und Fluoropyrimidinen. Die Maßnahmen zur Vermeidung potenziell tödlicher Interaktionen werden verschärft.
Daniela Hüttemann
12.05.2020  13:56 Uhr
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Bereits 2012 hatte es einen Rote-Hand-Brief gegeben, der vor der gefährlichen Wechselwirkung warnte. »Es können Todesfälle infolge einer Arzneimittelwechselwirkung zwischen Brivudin und Fluoropyrimidinen (zum Beispiel Fluorouracil (5-FU), Capecitabin, Tegafur, Flucytosin) auftreten«, heißt es heute in einem neuen Rote-Hand-Brief der Hersteller Berlin-Chemie (Zostex®), Aristo Pharma und Galenpharma. Brivudin ist zugelassen zur frühen Behandlung eines akuten Herpes zoster bei immunkompetenten Erwachsenen.

Nach Abschluss der Brivudin-Behandlung müsse eine mindestens vierwöchige Wartezeit eingehalten werden, bevor die Behandlung mit einem Fluoropyrimidin begonnen werden kann. »In vielen Fällen kam es zu Todesfällen, wenn diese vierwöchige Wartezeit nicht eingehalten wurde«, mahnt der Rote-Hand-Brief. Zum Beispiel wurde Brivudin zwischen zwei 5-FU-Zyklen eingenommen. Das Nukleosid-Analogon Brivudin hemmt über seinen Hauptmetaboliten Bromovinyluracil (BVU) die Dihydropyrimidindehydrogenase (DPD), ein Enzym, das Pyrimidin-basierte Arzneimittel verstoffwechselt. Dementsprechend können deren Wirkspiegel auf toxische Level steigen. »Zu den klassischen Symptomen dieser Wechselwirkung zählen Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö, Mukositis, Knochenmark- und Blutbildschäden; zum Teil kann diese innerhalb weniger Tage zum Tode führen«, informiert aktuell die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK).

Brivudin ist daher kontraindiziert bei Patienten, die kürzlich eine chemotherapeutische Behandlung mit Fluoropyrimidinen erhalten haben, derzeit erhalten oder innerhalb der nächsten vier Wochen erhalten sollen. Das gilt auch für topische Präparate und Kombinationspräparate. Ebenfalls kontraindiziert ist Brivudin bei Patienten, die vor Kurzem eine antifungale Therapie mit Flucytosin erhalten haben oder derzeit erhalten, denn kleine Mengen von Flucytosin werden in Fluorouracil umgewandelt. Zudem sollten immungeschwächte Patienten, zum Beispiel solche unter Chemotherapie oder anderer immunsuppressiver Therapie, kein Brivudin bekommen.

Als risikominimierende Maßnahme soll zukünftig jeder Brivudin-Packung eine Patientenkarte beiliegen, auf der die wichtigsten Informationen zu der potenziell tödlichen Wechselwirkung aufgeführt sind. Die Patienten sollen diese Karte bis mindestens vier Wochen nach dem Ende der Brivudin-Therapie zu jedem Arzttermin mitnehmen sowie auch beim Hautarzt und in der Apotheke vorzeigen, bevor ihnen ein Arzneimittel ausgehändigt wird. Ärzte erhalten eine Checkliste, um die Eignung eines Patienten für eine Brivudin-Therapie besser zu überprüfen. Fach- und Gebrauchsinformationen sowie die Umkartons Brivudin-haltiger Arzneimittel werden überarbeitet, um deutlicher auf die Gefahr hinzuweisen.

Die AMK bittet Apotheker, Patienten bei Abgabe Brivudin-haltiger Arzneimittel angemessen zum Risiko zu informieren und Neben- und Wechselwirkungen zu melden.

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