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Schleichende Gefahr
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Resistenzen jenseits von Antibiotika

Die drohende postantimikrobielle Ära betrifft auch Pilze, Viren und Parasiten. Forscher weltweit suchen nach neuen Wegen, um Resistenzmechanismen auszuhebeln.
AutorKontaktNicole Schuster
Datum 18.01.2026  08:00 Uhr

Resistenzen gegen Antiretroviralia

Auch Viren können lernen, sich zu wehren. Noch spielen Resistenzen gegen antivirale Medikamente eine geringere Rolle als gegen Antibiotika, doch sie gewinnen zunehmend klinische Bedeutung.

In der HIV-Therapie lässt sich dies seit 40 Jahren beobachten. Wegen der rasend schnellen Resistenzentwicklung wurde die Monotherapie aufgegeben, sobald es mehrere antiretrovirale Arzneistoffklassen gab. Aber auch in Kombitherapien verlieren etablierte Arzneistoffklassen ihre Wirksamkeit, sobald zu geringe Wirkstoffkonzentrationen im Körper vorliegen.

Werden die Spiegel zu niedrig, etwa weil Patienten die Einnahme vergessen, der Wirkstoff in der Leber besonders schnell abgebaut wird oder Erbrechen kurz nach der Einnahme die Resorption verhindert, kann das Virus wieder replizieren. Bei der Replikation entstehen zufällig auch Varianten, die gegen die eingesetzten Medikamente unempfindlich sind. Setzen sich solche resistenten Varianten durch, verlieren einzelne oder mehrere Arzneistoffe an Wirksamkeit (Tabelle).

Wirkstoffklasse Erreger Wichtige Resistenzmechanismen
Antimykotika Pilze (Beispiel: Candida spp.) Veränderung des Zielenzyms, zum Beispiel Ergosterolbiosynthese, ERG11-Mutationen
Überexpression von Effluxpumpen
Biofilmbildung
Antiviralia Viren (Beispiele: HIV, HSV, HCV, Influenza) Veränderungen im Targetenzym, zum Beispiel Reverse Transkriptase, Protease, Polymerase
hohe Rate viraler Mutationen (RNA-Viren)
Übertragung resistenter Virenstämme
Antiparasitika Beispiele: Protozoen, Helminthen Veränderung des Zielenzyms, zum Beispiel Veränderungen in Tubulin bei Benzimidazolen
Überexpression von Transportern/Effluxpumpen
metabolische Umgehung von Wirkstoffwirkungen
Tabelle: Überblick über Resistenzmechanismen gegen Antimykotika, Antiviralia und Antiparasitika

Die resistenten Virusformen können an andere Menschen weitergegeben werden. Manche Patienten werden daher bereits mit resistenten HI-Viren infiziert und bestimmte Medikamente sind von vornherein unwirksam.

Auf der Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections (CROI 2025) in San Francisco wurden neue Therapieansätze präsentiert. Jedoch wurde zugleich deutlich, dass das Virus anpassungsfähig bleibt: Auch bei neuen Substanzklassen wie Integrase-Hemmern können sich bereits unter kurzfristiger Monotherapie Resistenzmutationen bilden. Daher ist die Kombitherapie weiterhin der Goldstandard, um eine dauerhafte Unterdrückung der Virusvermehrung zu erreichen.

Die Entwicklung neuer Substanzen kann durch schnelle Resistenzbildung erschwert werden. Breit neutralisierende Antikörper (bnMAB) sollen eine funktionelle Heilung, also eine lange anhaltende Unterdrückung der Virusreplikation ohne dauerhafte antiretrovirale Therapie (ART), ermöglichen. Eine der großen Herausforderungen auf diesem Weg ist die Entstehung von Resistenzen.

Studien zeigen, dass bei einem schnellen viralen Rebound häufig Resistenzen gegen einzelne Antikörper entstehen, während bei langsamem Rebound eher fallende Antikörperspiegel die Ursache sind. Wenn das Virus nämlich mutiert und unempfindlich gegen die Antikörper geworden ist, kann es sich sehr rasch vermehren, weil die Antikörper zwar da sind, aber nicht mehr angreifen können. Ein langsamer Rebound weist hingegen eher auf sinkende MAB-Spiegel hin. Denn das Virus selbst ist zwar noch genauso empfindlich wie am Anfang, aber die Wirkstoffmenge im Körper ist zu niedrig, sodass die Virusvermehrung wieder einsetzt. Kombinationen mehrerer bnMAB, teils kombiniert mit lang wirksamen Substanzen wie Lenacapavir, sollen künftig helfen, diesem Problem zu begegnen.

Mit dem Kapsid-Inhibitor Lenacapavir soll auch die Prävention in Regionen mit hoher HIV-Verbreitung vorangetrieben werden. Das Medikament ist seit September 2025 zur HIV-Präexpositionsprophylaxe zugelassen. In Deutschland ist es derzeit nicht im Markt verfügbar (19–23).

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