Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Arzneimittelsicherheit
-
Resilienz bei Gesundheit und Regierung

Beim »Forum industrielle Gesundheitswirtschaft« der SPD-Fraktion betonten Vertreter von Bundesregierung, Bundeswehr und Pharmaindustrie die Bedeutung resilienter Lieferketten, einer stärkeren Arzneimittelproduktion in Europa und einer engeren Zusammenarbeit für die Versorgungssicherheit.
AutorKontaktAlexandra Amanatidou
Datum 10.07.2026  09:00 Uhr

Die Bundesregierung zeigt nicht nur bei der Rentenreform, sondern auch bei Gesundheitsveranstaltungen Geschlossenheit. So auch beim »Forum industrielle Gesundheitswirtschaft« der SPD-Fraktion, das heute im Paul-Löbe-Haus im Berliner Regierungsviertel stattfand.

Diesmal waren nicht nur Mitglieder der SPD wie die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, Tanja Machalet, und der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Christos Pantazis, dabei, sondern auch der Arzt und CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger. Ebenfalls unerwartet erschien Tino Sorge, der parlamentarische Staatssekretär des Gesundheitsministeriums (BMG). Er hielt eine kurze Rede zum Thema der Tagung: Resilienz.

»Das war so nicht geplant, aber es ist ein Zeichen dafür, wie spontan wir miteinander arbeiten«, sagte Sorge. Zwischen den Regierungsparteien schien es im vergangenen Jahr und sogar zu Beginn dieses Jahres viele Streitigkeiten zu geben. 

Pantazis: »Bei uns haben Sie Freunde«

In seiner Rede ging Tino Sorge auf das Thema Resilienz ein, das seiner Meinung nach extrem wichtig ist und angesichts der letzten Krisen »leider« ein Fokusthema der Bundesregierung darstellt. Auch im Rahmen des GKV-Spargesetzes spiele das Thema eine Rolle. Resilienz solle als Querschnittsaufgabe betrachtet werden, und die Regierung solle sich auf diverse Szenarien vorbereiten. »Wir bräuchten ein Gesundheitssystem, das auch unter Belastung funktioniert«, so Sorge.

»Das bedeutet nicht, jede Krise zu verhindern, sondern die Versorgung auch unter solchen Bedingungen zu gewährleisten«, so der CDU-Politiker. Wichtig seien in solchen Krisenfällen auch Handlungsvorgaben sowie die Stärkung der deutschen und europäischen Produktionsstandorte. »Gesundheitspolitik ist ein wichtiger Faktor der Sicherheits- und Verteidigungspolitik«, lautet sein Fazit.

Pantazis gab ebenfalls einen kurzen Impuls. Er betonte, dass seine Partei den Standort Deutschland stärken möchte und die Industrie sehr wichtig sei. »In Zeiten von Trump gilt es, nationaler zu denken«, sagte der SPD-Politiker und fügte mit Blick auf die Pharmaindustrie hinzu: »Bei uns haben Sie Freunde.« Zwar werde im Rahmen des GKV-Spargesetzes jeder seinen Beitrag leisten müssen, doch er wisse auch, dass die Branche Planungssicherheit brauche.

Wie der SPD-Politiker Matthias Mieves betonte, hat seine Fraktion vor zwei Tagen ein Positionspapier zum Thema Resilienz und Arzneimittelsicherheit beschlossen. Darin fordert die Fraktion die Regierung auf, auf mehr Diversifizierung und strategische Produktion von versorgungskritischen Arzneimitteln zu setzen. »Deutschland muss wieder zur Apotheke der Welt werden«, heißt es in dem Papier. Dieses Vorhaben soll nicht nur eine SPD-Position bleiben, sondern auch umgesetzt werden, so Mieves.

Das Papier begrüßte der Verband Pro Generika in einer Pressemitteilung. »Es ist gut, dass die SPD die strategische Relevanz unserer Arzneimittelversorgung benennt und hier offenbar in die Verantwortung geht«, sagt Bork Bretthauer, Geschäftsführer von Pro Generika. »Wer im Krisenfall sicher versorgt sein will, muss in normalen Zeiten die Voraussetzungen dafür schaffen.«

Müller: »Versorgungssicherheit muss uns etwas wert sein«

Dies war auch ein zentraler Punkt von Almut Nolte, der stellvertretenden Befehlshaberin und Stabschefin des Zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr. In ihrer Rede betonte sie, wie wichtig der Dialog sei und dass dieser intensiviert werden solle. »Viele der Herausforderungen, vor denen wir stehen, können wir nur gemeinsam bewältigen«, so ihr Fazit. Da Bundeswehr und Zivilbevölkerung auf die gleichen Lieferketten für Medikamente zurückgreifen, beeinflusst jede Schwächung des Systems und der Lieferketten auch die Bundeswehr.

Eine resiliente Arzneimittelversorgung sei im Fall einer Krise von zentraler Bedeutung, da sie nicht nur die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung stärke, sondern auch die Einsetzbarkeit der Kräfte beeinflusse. Sie warnte dabei vor einer extremen Konzentration der Produktion auf wenige Hersteller und vor der Abhängigkeit von Asien bei der Antibiotika-Produktion. Deutschland sei aufgrund seiner zentralen Lage prädestiniert, ein Knotenpunkt für Europa im Fall einer Krise zu sein, was aber auch eine Stärke sein könne. 

Auch Grit Müller, Geschäftsführerin und Site Head von Salutas Pharma (Sandoz), hielt eine kurze Rede. Sie fragte, wie viel uns in Europa eine strategische Unabhängigkeit wert sei. »Es wird immer mehr kosten als die Medikamente, die wir heute in der Apotheke finden«, warnte sie. Deutschland habe akzeptiert, dass ein großer Teil der Produktion im Ausland stattfinde, da dies günstiger sei. Zwar gebe es durch Rabattverträge Einsparungen, die generische Industrie würde dennoch darunter leiden, da der Markt unattraktiv werde und die Zahl der Anbieter sinke. Dabei seien Arzneimittel Teil »unserer kritischen Infrastruktur«.

Sie sprach außerdem von Innovationen im Pharmabereich. Diese seien kapitalintensiv und bräuchten Planungssicherheit. Sie betonte, dass die Industrie nicht allein die erforderlichen Rahmenbedingungen schaffen könne. »Versorgungssicherheit muss einen politischen Wert haben«, sagte sie. Zudem betonte sie, wie wichtig die Zusammenarbeit mit anderen EU-Ländern ist. »Versorgungssicherheit endet nicht an nationalen Grenzen, kein Mitgliedstaat wird das allein hinbekommen.«

Auch Bernd Klaubert, Oberstapotheker und Leitender Apotheker sowie Inspizient Wehrpharmazie der Bundeswehr, war vor Ort und beantwortete Fragen des Publikums. Unter anderem betonte er, dass die Unabhängigkeit Deutschlands im Arzneimittelbereich bereits bei den Grundstoffen scheitere. Er ging auch auf das Thema Blutspenden ein. Da 30 Prozent der Bevölkerung einen Eisenmangel hätten, würde Deutschland mehr Blutspenden benötigen, da nicht jede Spende verwendet werden könne. »Wir müssen die Mengen erhöhen, weil wir einen Puffer brauchen«, sagte er.

Mehr von Avoxa