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Barmer-Arztreport

Reizdarm wird oft falsch behandelt

Aktuellen Schätzungen zufolge leiden bis zu 11 Millionen Menschen in Deutschland unter einem Reizdarm-Syndrom – Tendenz steigend, vor allem bei den jüngeren. Doch viele Patienten würden falsch behandelt, kritisiert jetzt die Barmer-Krankenkasse in ihrem Arztreport 2019. Zu viele erhielten Opioide oder Säureblocker.
Daniela Hüttemann
01.03.2019
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»Reizdarm« – diese wenig erfreuliche und befriedigende Diagnose erhielten im Jahr 2017 nach Hochrechnungen der Barmer 1 Millionen Patienten in Deutschland. In der Regel diagnostizieren Ärzte ein Reizdarm-Syndrom nach sorgfältigem Ausschluss anderer Krankheiten und wenn sie mit den zur Verfügung stehenden Mitteln keine organischen Ursachen für die Symptome des Patienten finden. Hierzu gehören krampfartige, dumpfe Bauchschmerzen, Völlegefühl und Blähungen sowie Verstopfung oder Durchfall. Eine psychosomatische Ursache des Reizdarm-Syndroms wird diskutiert.

Einen Zuwachs von 70 Prozent habe die Erkrankung zwischen den Jahren 2005 und 2017 in der Altersgruppe der 23- bis 27-Jährigen erfahren, stellte jetzt die Barmer anhand ihrer Versichertendaten fest. Die Zahl der Reizdarm-Diagnosen sei von 40.000 auf rund 68.000 gestiegen. Über alle Altersgruppen verteilt könnten in Deutschland bis zu 11 Millionen Menschen betroffen sein, schätzt die Krankenkasse. »Aufgrund dieser hohen Relevanz muss die Versorgung der Betroffenen deutlich besser werden«, forderte der Barmer-Vorstandsvorsitzende, Professor Dr. Christoph Straub.

»Bei der Behandlung des Reizdarm-Syndroms ist es besonders wichtig, den ganzheitlichen Blick auf Körper und Geist zu richten«, betont der Hauptautor des Arztreports, Professor Dr. Joachim Szecsenyi, der Ärztlicher Direktor der Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Heidelberg ist und darüber hinaus auch Geschäftsführer des aQua-Instituts in Göttingen. »Eine reine Gabe von Medikamenten ist der falsche Ansatz.«

38,6 Prozent der Patienten, also rund 400.000 Betroffene, bekämen Protonenpumpen-Inhibitoren (PPI) verordnet. Deren Nutzen bei Reizdarm-Patienten sieht Szecsenyi jedoch kritisch. In der abgelaufenen S3-Leitlinie zum Reizdarm-Syndrom, die derzeit aktualisiert wird, werden die Säureblocker nicht explizit genannt. Dort heißt es: »Aufgrund der Heterogenität des Reizdarm-Syndroms gibt es keine Standardtherapie.« Die medikamentöse Therapie solle symptomorientiert erfolgen. Der Erfolg misst sich an der Symptombesserung und der Verträglichkeit.

Der Barmer-Arztreport erinnert daran, dass PPI nur dann über einen längeren Zeitraum verordnet werden sollten, wenn eine medizinische Indikation besteht. Auch Opioid-haltige Schmerzmittel würden Menschen mit Reizdarm-Syndrom vergleichsweise häufig verschrieben. Derzeit erhielten rund 100.000 dieser Patienten Opioide. Das seien 44 Prozent mehr als in einer Vergleichsgruppe, wobei diese in der Barmer-Pressemitteilung nicht näher definiert wird. Die Wirkung der starken Analgetika sei in dieser Indikation fraglich, das Risiko einer Abhängigkeit gegeben. Damit werde den Menschen nicht wirklich geholfen.

Laut Szecsenyi ist ein multidisziplinärer Ansatz unerlässlich, in dem Hausärzte oder Internisten eng mit Schmerztherapeuten, aber auch Ernährungsexperten zusammenarbeiten. Nicht fehlen dürfe der Aspekt der Psychosomatik.

Hohe Behandlungskosten

Der Bericht kritisiert auch die hohen Kosten für Diagnose und Behandlung. Im Jahr 2017 hätten mehr als 130.000 Reizdarm-Patienten Computertomografien (CT) und mehr als 200.000 Betroffene Magnetresonanztomografien (MRT) erhalten, obwohl sie bei dieser Erkrankung von zweifelhaftem Nutzen seien. Dabei durchlaufen die Patienten ja gerade eine Reihe diagnostischer Verfahren, eben weil keine offensichtliche körperliche Ursache gefunden wird.

Wer an einem Reizdarm-Syndrom erkrankt ist, verursacht dem Report zufolge bereits acht Jahre vor der Erstdiagnose deutlich höhere Kosten als Vergleichspersonen, die diese Erkrankung nicht haben. »Die Betroffenen leiden mitunter schon viele Jahre an einem Reizdarmsyndrom und suchen deswegen immer wieder Hilfe beim Arzt. Die Erkrankung wird aber lange Zeit nicht erkannt und die Betroffenen erhalten eine falsche Therapie«, betonte Straub. Wenn die Diagnose feststehe, stiegen die Behandlungskosten noch einmal deutlich an. Das liege auch an den bereits erwähnten Verfahren, die dann zum Einsatz kämen.

Neben dem Schwerpunkt Reizdarm-Syndrom gibt der Arztreport 2019 auch Auskunft darüber, wie häufig die Barmer-Versicherten im Jahr 2017 aus jedwedem Grund einen Arzt aufgesucht haben. Demnach hätten 93 von 100 Versicherten eine ambulante Versorgung benötigt. Das entspricht hochgerechnet auf die gesamte Bevölkerung Deutschlands 77 Millionen Menschen. Im Durchschnitt entfielen auf jeden Bundesbürger 8,58 Behandlungsfälle und auf jeden Versicherten Kosten in Höhe von 572,12 Euro (ein Plus von 2 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Für weibliche Versicherte gaben die Krankenkassen im Schnitt 646 Euro aus, für männliche 496. Die im Durchschnitt niedrigsten jährlichen Kosten verursachten Männer im Alter von 20 bis 24 Jahren mit 221 Euro, die höchsten Männer zwischen 85 und 89 Jahren in Höhe von 1.200 Euro.

Bei mehr als jedem dritten Patienten (35,4 Prozent) diagnostizierten Ärzte Krankheiten an Wirbelsäule und Rücken. 30,3 Prozent kamen wegen einer akuten Infektion der oberen Atemwege zum Arzt. 29,1 Prozent der Arztbesucher erhielten die Diagnose zu hoher Blutdruck.

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