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Antibiotika-Entwicklung

Politik in der Pflicht

Die Zurückhaltung der Pharmabranche bei der Entwicklung neuer Antibiotika ist auf fehlende politische Rahmenbedingungen zurückzuführen. Das betont der Europaabgeordnete Peter Liese (CDU). Er sieht die Politik in der Pflicht, endlich entsprechende Vorgaben und Anreize zu schaffen.
Ev Tebroke
12.09.2019
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»Der Mangel an neuen Antibiotika ist vor allen Dingen Politikversagen«, so die Reaktion des europäischen Gesundheitspolitikers Peter Liese von den EVP-Christdemokraten auf Medienberichte, die die Pharmabranche kritisieren. Die Zurückhaltung der Pharmaunternehmen bei der Entwicklung neuer Antibiotika liege an fehlenden gesetzlichen Rahmenbedingungen, teilte Liese heute mit.

Man könne Unternehmen nicht vorwerfen, nicht in ein Produkt zu investieren, bei dem sie am Ende massiv draufzahlen. Niemand investiere in ein Produkt, wenn er dadurch Geld verliert und der gesetzliche Rahmen ihm nichts vorschreibt. Das sei überall in der Wirtschaft so, betont Liese. »Deswegen brauchen wir einen gesetzlichen Rahmen, der die Unternehmen in die Lage versetzt und gegebenenfalls verpflichtet, diese Forschung durchzuführen.«

Hintergrund der Forderungen des CDU-Europaabgeordneten ist unter anderem ein Bericht des NDR. Unter dem Titel: »Katastrophe mit Ansage« kritisieren die Autoren die mangelnde Entwicklung von neuen Antibiotika und eine vermeintliche  Verweigerungshaltung der Pharmaindustrie. Neben Johnson & Johnson hätten sich zuletzt 2018 Branchenriesen wie Novartis und Sanofi sowie Ende 2016 AstraZeneca aus der Antibiotikaforschung verabschiedet, heißt es in dem Bericht. Trotz großer Ankündigungen und Initiativen des Internationalen Pharmaverbands (IFPMA), etwa der 2016 gegründeten sogenannten Industrie-Allianz zum Kampf gegen Resistenzen, würde nichts passieren. Den Recherchen zufolge sind demnach fast die Hälfte der 100 unterzeichnenden Firmen, die damals noch zu Antibiotika geforscht haben, nicht mehr in dem Bereich aktiv.

Liese sieht hier die Politik in der Pflicht. Als Vorbild für einen Rahmen aus Anreizen und Verpflichtungen nennt der Gesundheitsexperte die europäischen Vorgaben für die Entwicklung von Arzneimitteln für Kinder. Das System hat Liese zufolge die Forschung in dem Bereich erfolgreich vorangebracht.  Während das Europäische Parlament ein gleiches System schon seit 2015 wiederholt fordere, gebe es so gut wie keine Reaktion – weder auf Ebene der EU-Kommission noch auf nationaler Ebene. »Die neue EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides muss sich dieses Themas dringend annehmen«, so Liese.

In der Pharmaindustrie stößt Lieses Argumentation auf Zustimmung: Die Entwicklung neuer Antibiotika lasse sich kaum refinanzieren, da diese nur im Notfall eingesetzt werden sollen, teilte der Verband der forschenden Pharmaunternehmen (vfa) heute mit. »Deshalb muss das Anreizsystem zur Entwicklung von Antibiotika in Europa und in Deutschland verbessert werden. Das betrifft insbesondere die adäquate und zeitnahe Vergütung neuer Antibiotika.«

Über das Thema berichtet heute Abend die Sendung »Panorama« um 21:45 Uhr in der ARD unter dem Titel: Tödliche Gefahr: Das Ende der Antibiotika?

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