| Laura Rudolph |
| 11.03.2026 18:00 Uhr |
Die Palliativversorgung ist eine umfassende Betreuung unheilbar kranker Menschen mit begrenzter Lebenserwartung. / © Adobe Stock/Sirichai
Wenn Lotte Köhne morgens zwischen sieben und kurz vor acht zur Arbeit kommt, schaut sie zuerst, ob auf dem Flur vor den Zimmern Kerzen brennen. Es wirkt hell und freundlich. Auf den ersten Blick sieht es wenig nach Krankenhaus aus. Die angehende Apothekerin absolviert zurzeit die zweite Hälfte ihres Praktischen Jahres in der Klinik für Palliativmedizin des LMU Klinikums in München, im Team von Privatdozentin Dr. Constanze Rémi. »Nach den Kerzen zu schauen ist das erste und das letzte, was ich während eines Arbeitstages mache«, erklärt Köhne. Die Kerzen gedenken denjenigen Patienten, die kürzlich auf der Station verstorben sind.
Warum sie sich für einen Praktikumsplatz an einem Ort entschieden hat, an dem Leben und Tod so nah beieinander liegen, und was ihr an ihrer Arbeit besonders gefällt, erzählt die Pharmazeutin bei einem Besuch der Pharmazeutischen Zeitung. »Ich glaube, man muss im Hinterkopf behalten, dass man sich aktiv für diesen Beruf entschieden hat. Natürlich war mir bewusst, dass es nicht immer einfach sein wird. Mir macht es aber sehr viel Spaß und es ist super interessant«, berichtet Köhne.
Lotte Köhne bei der Arbeit in ihrem Büro / © PZ/Laura Rudolph
Bevor sie von ihren vielfältigen Aufgaben erzählt, geht es an diesem Donnerstag zunächst – wie jeden Tag um 8:30 Uhr – zur Frühbesprechung. Nach und nach füllt sich der Besprechungsraum – vor allem mit Pflegekräften, aber auch ein Oberarzt, ein Seelsorger, eine Sozialarbeiterin, eine Psychologin und die angehende Apothekerin nehmen am großen Konferenztisch Platz. Sie sprechen über jeden der bis zu zehn Patientinnen und Patienten, die sich aktuell auf der Station befinden: wie es ihnen aktuell geht, ob neue Symptome hinzugekommen sind, ob Therapieveränderungen anstehen oder sie nach Hause oder ins Hospiz entlassen werden.
Jeden Dienstag findet die Konferenz in größerer Runde statt. »Dann sind beispielsweise auch der Physiotherapeut und die Atemtherapeutin mit dabei«, erklärt die Pharmazeutin anschließend.Im Anschluss an die Dienstagsbesprechung erfolgt die Chefarztvisite, an der auch Köhne regelmäßig teilnimmt: »Im Schnitt gehe ich etwa ein- bis zweimal in zwei Wochen mit zu einer Visite, entweder zu einer Chefarzt- oder zur Pharmavisite.«
Besonders pharmazeutisch wird es jeden zweiten Donnerstag bei der Pharmavisite. Hier wird besonderes Augenmerk auf die Medikation der Patienten gelegt. »Es werden zum Beispiel auch mal Indikationen hinterfragt. Oder wenn neue Symptome auftauchen, wird geschaut, ob diese mit der Medikation zusammenhängen könnten«, erklärt Köhne. »Es ist sehr interessant zu sehen, wie die Station hier von Apothekerinnen und Apothekern profitieren kann.«
Eine Besonderheit im palliativen Setting ist, dass sehr viele Medikamente im Off-Label-Use, also außerhalb ihrer Zulassung zum Einsatz kommen. Das macht es natürlich auch schwieriger, Antworten und Lösungen für Fragen beziehungsweise Situationen zu finden, wenn es hierzu wenig bis kaum Studien gibt. Hinzu kommt, dass der Medikationsplan bei palliativ behandelten Patienten oft lang ist. Das macht das Medikationsmanagement häufig besonders herausfordernd.
Im palliativen Setting findet viel Off-Label-Gebrauch statt. Hier zieht Krankenschwester Irene Schießl eine Spritze auf. / © PZ/Laura Rudolph
Genau das findet Köhne spannend, wie sie verrät: »Pharmazeutisch ist es sehr interessant, gerade weil man viel im Off-Label-Bereich unterwegs ist, weil das an der Universität gar nicht so ausführlich drankam. Dann kann man sich selbst mal überlegen, warum dieser Arzneistoff bei dieser Indikation überhaupt funktioniert. Was mir am besten gefällt, ist, dass ich jeden Tag etwas Neues lernen und mein Wissen auch weitergeben kann.« Letzteres tut sie im Bereich der Arzneimittelinformation, die das Kernstück ihrer Arbeit bildet.
Wie läuft Arzneimittelinformation in diesem Fall ab? »Wir bekommen von außerhalb Anfragen aus dem palliativen Versorgungsbereich – von Palliativstationen, ambulanten Palliativteams, aber auch von öffentlichen und Klinikapotheken. Diese beantworten wir entweder aus unserer eigenen Datenbank oder aus alten Anfragen. Bei neuen Fragestellungen recherchieren wir selbst, lesen verschiedene Paper und belegen damit unsere Empfehlungen.« Anfragen werden in der Regel innerhalb von einer Woche beantwortet, bei dringenden Fällen kann die Antwort aber auch schon am selben oder am nächsten Tag notwendig sein.
Zusätzlich pflegt Köhne die frei zugängliche Online-Datenbank pall-OLU, die Informationen zur Off-Label-Anwendung von Medikamenten in der Palliativmedizin zusammenträgt, und begleitet den Aufbau der zugehörigen englischsprachigen Website. Außerdem erstellt sie Entlassmedikationspläne, denn nicht alle Patienten versterben auf der Station. »Rund 30 Prozent der Patienten werden entlassen, entweder nach Hause oder in ein Hospiz. Dann bekommen sie von uns einen Medikationsplan«, führt Köhne aus.
Kein Tag im Praktikum sei wie der andere, betont die Pharmazeutin. Mal gebe es an einem Tag drei bis vier Entlassungen, mal mehrere Tage keine. Und: »Oft ist es so, dass jemand, der gestern noch gelebt hat, heute nicht mehr unter uns ist.«
Auf die Frage, wie sie damit zurechtkommt, ständig mit Patientenschicksalen und der Vergänglichkeit des Lebens konfrontiert zu werden, antwortet sie: »Es gibt Tage, an denen mich die Patienten und ihre Geschichten schon sehr mitnehmen.«
Etwas, das sie bereits früh während ihrer Tätigkeit auf der Palliativstation gelernt habe, ist, dass Patienten sehr unterschiedlich mit ihren Schicksalen und der eigenen Sterblichkeit umgehen. »Nur weil man vielleicht schon viele schöne Jahre hinter sich hat, heißt das nicht, dass man akzeptieren kann, dass das Leben endlich ist«, erzählt die Pharmazeutin. Es sei ganz individuell, ob Menschen dazu bereit sind, den nahenden Tod zu akzeptieren und den Schritt des Sterbens zu gehen.
»Ich habe schon einige Patienten erlebt, bei denen man gemerkt hat, dass der letzte Schritt noch fehlt – dass sie noch auf irgendetwas warten. Ein Beispiel ist eine Patientin, die gewartet hat, bis sie ihren ältesten Bruder noch einmal gesehen hat. Dann ist er gekommen und zwei Minuten später hat sie die Augen zugemacht und ist von uns gegangen.«
Jedes der zehn Einzelzimmer hat Zugang zum Balkon. Bei gutem Wetter kann auch das gesamte Bett samt Patient nach draußen geschoben werden. / © PZ/Laura Rudolph
Obwohl die Tätigkeit auf der Palliativstation nicht immer einfach ist, findet es Köhne schön zu sehen, wie sich das ganze Team um die Patienten und ihre Angehörigen kümmert, sie in diesem Prozess begleitet und es allen so angenehm wie möglich macht. »Das macht es ein bisschen leichter. Wenn es einem zu viel wird, kann man sich aus allem außerdem auch rausnehmen.«
Der Pharmazeutin gefällt die Mischung aus Patientenkontakt und Arzneimittelinformation, durch die sie wiederum ein wenig Abstand gewinnen kann. Auf die Frage, ob sie ihre Stelle mit ihren bisherigen Erfahrungen wieder antreten würde, antwortet sie: »Auf jeden Fall, und ich kann jedem empfehlen, sich diesen Bereich mal anzuschauen.«
Die Praktikumsstelle von Lotte Köhne wird von der Stiftung Patient und Klinische Pharmazie finanziert. Über diese Fördergelder wird im Herbst 2026 eine weitere PhiP sechs Monate der praktischen Ausbildung in der Palliativpharmazie verbringen können. Ob es danach weitere Möglichkeiten zur Finanzierung geben wird, ist unklar.