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Selbstmedikation

Phytopharmaka bei Schlafstörungen

Baldrian und Hopfen, Passionsblume und Melisse – einzeln oder in Kombinationen stehen sie bei vielen Kunden mit Schlafstörungen hoch im Kurs.
Maria Pues
30.06.2020
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In der Selbstmedikation haben pflanz­liche Schlafhilfen einen hohen Stellenwert. Beliebt sind sie nicht zuletzt durch ihr günstiges Nebenwirkungsprofil. So besteht bei ihnen kein Risiko für anticholinerge Nebenwirkungen. Diese gilt es besonders bei älteren Patienten und bei solchen zu bedenken, die bereits anticholinerge Wirkstoffe in der Dauermedikation einnehmen. Auch ein Abhängigkeits-Risiko besteht nicht. Aber wirken sie auch?

In den Empfehlungen der S3-Leit­linie »Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen« der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin spielen Phytopharmaka eine untergeordnete Rolle. Die Autoren bemängeln, dass die Evidenzlage aufgrund fehlender Studien eher dünn sei. Die Auswertungen des Ausschusses für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Zulassungsbehörde EMA berücksichtigen auch das dokumentierte Erfahrungswissen aus langjähriger Anwendung.

Baldrian, Hopfen und Co

Der HMPC hat seine Beurteilungen in Monographien zu den einzelnen Arzneipflanzen zusammengefasst. Dabei bescheinigt er einem ethanolischen Baldrian-Trockenextrakt (Drogen-Extrakt-Verhältnis 3,7 bis 4:1, Auszugsmittel Ethanol 40 bis 70 Prozent) einen Well-­established Use (siehe Kasten) bei der Linderung leichter nervöser Anspannungen und bei Schlafstörungen (Verbesserungen bei der Einschlafzeit und bei der Schlafqualität). Die Tagesdosis sollte bei nervöser Anspannung bis zu dreimal täglich 400 bis 600 mg betragen, bei Schlafstörungen wird eine Einzeldosis eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen empfohlen. Bei anderen Zubereitungsformen ist die Wirkung weniger gut belegt. Sie werden daher der Kategorie Traditional Use zugeordnet. An Nebenwirkungen wurden Übelkeit und Bauchkrämpfe berichtet.

Traditionell angewendet werden auch Hopfenzapfen, entweder getrocknet in Form von Tees oder in Form von Extrakten in Fertigarzneimitteln. Häufig kommen sie in Kombination mit Baldrian zum Einsatz. Auch sie eignen sich laut HMPC zur Besserung des Befindens bei nervlicher Belastung und zur Schlafunterstützung. Nebenwirkungen wurden nicht berichtet.

Das gilt auch für Melissenblätter, die als Tee oder in Form von Fertigarzneimitteln zum Einsatz kommen können. Sie können leichte Stresssymptome lindern und als mildes Schlafmittel verwendet werden. Da sie außerdem Magen-Darm-Symptome wie Blähungen bessern, empfehlen sie sich besonders bei Personen, die stressbedingt auch an Verdauungsproblemen leiden. Sowohl als Einzelbestandteil als auch als Kombinationspartner werden zudem Passionsblume beziehungsweise deren Extrakte traditionell angewendet.

Arzneimittel aus den genannten Pflanzen können laut HMPC bei Erwachsenen und Jugendlichen ab zwölf Jahren angewendet werden. Dann empfehlen sie sich insbesondere bei nervöser Anspannung und daraus resultierenden Schlafstörungen. Durch ihr geringes Neben- und Wechselwirkungsrisiko stellen sie nicht zuletzt für ältere Menschen eine wichtige Therapieoption dar und eignen sich auch für eine längerdauernde Anwendung.

Verzögerter Wirkeintritt

Zu beachten ist stets, dass Phytopharmaka den Schlaf nicht erzwingen, sondern ihre Wirkung erst nach einigen Tagen regelmäßiger Einnahme einsetzt. Tritt allerdings nach zwei Wochen regelmäßiger Anwendung keine Besserung ein, sollte der Patient ärztlichen Rat einholen, da Schlafstörungen auch als Begleitsymptom zahlreicher Grunderkrankungen auftreten können.

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