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Zweites Standbein

Pharmazeutische Dienstleistungen jetzt vorbereiten

Das Schiedsverfahren läuft noch, aber sehr bald wird es hoffentlich so weit sein, dass Apotheken bestimmte pharmazeutische Dienstleistungen für GKV-Patienten anbieten und honoriert bekommen. Apotheken sollten sich jetzt dafür bereit machen – wie, erklärten Ulrich Brunner und Dr. Alexander Ravati beim PZ-Management-Kongress.
Daniela Hüttemann
08.04.2022  10:30 Uhr

Eigentlich sollten sie schon seit dem 1. Januar dieses Jahres das Portfolio der Apotheken vor Ort bereichern: genau definierte pharmazeutische Dienstleistungen gegen Honorar, dass die Krankenkassen übernehmen müssen, und jede Apotheke anbieten können soll. Das Geld dafür wird bereits seit dem 15. Dezember 2021 eingesammelt, steht bereit und soll nach erbrachter Leistung quartalsweise über den Nacht- und Notdienstfonds ausgeschüttet werden. Nur gibt es immer noch keine Einigung zwischen GKV-Spitzenverband und Deutschem Apothekerverband, welche Dienstleistungen für welchen Preis genau es sein sollen. Dafür stehen schon einige Details zu Abrechnung und Vergütung im Rahmenvertrag, in den Apothekenleiter schon einmal einen Blick werfen sollten.

Nachdem am 4. April 2022 keine Einigung vor dem Schiedsgericht erzielt wurde, muss demnächst erneut verhandelt werden. Dann sollten viele Apotheken diese Dienstleistungen so schnell wie möglich anbieten, sodass der Fonds auch ausgeschöpft wird, meint Apotheker Dr. Alexander Ravati, der sich auf Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) und Medikationsanalyse spezialisiert hat und mit seinen Seminaren Pharmaziestudierende und PhiPs auf die Staatsexamina vorbereitet. »Wir müssen dann möglichst schnell beweisen, dass wir es auch machen – es liegt dann in der Hand jeder einzelnen Apotheke, ob es ein Erfolg wird.« 

Die honorierten Dienstleistungen könnten nicht nur neue Ertragswege öffnen, sondern auch die Freude am Beruf bei Apothekenleitenden und dem ganzen Team erhöhen und auch wieder mehr junge Approbierte für die Arbeit in der öffentlichen Apotheke begeistern, ist Ravati überzeugt. Wichtig sei, dass der Apothekenleiter für diese neue pharmazeutische Tätigkeit brennt und sein Team dabei mitnimmt.

Strukturelle Fragen sollten und können dafür jetzt schon geklärt werden: Welche Approbierten haben die notwendige Fortbildung, zum Beispiel für die Medikationsanalyse absolviert, die höchst wahrscheinlich darunter sein wird? Wie können PKA ins Terminmanagement, wie PTA in die Vorbereitung der Analyse einbezogen werden? Zu welchen Uhrzeiten bieten wir die Dienstleistungen an? Wie teilen wir das Personal ein und etablieren die nötigen Prozesse? Haben wir eine entsprechende Beratungsecke oder wollen wir per Telepharmazie beraten? Welche Software und Technik kann uns unterstützen?

Und mindestens genauso wichtig: Wie spreche ich infrage kommende Patienten an, wie kann ich meine Kunden über unsere neuen Services informieren und dafür begeistern? »Werden Sie zu dem Apotheker, der Sie im Studium einmal sein wollten«, rät Ravati, der selbst überlegt, dann noch einmal eine Apotheke zu eröffnen, »mit kleinem HV und großem Sitzbereich, wo wir nicht mehr nur vom Warenverkauf leben«.

Er ist überzeugt: AMTS macht glücklich – nicht nur den besser betreuten und eingestellten Patienten, sondern auch den Apotheker oder die Apothekerin, die dazu verhelfen. Und wenn sich die pharmazeutischen Dienstleistungen und Ablaufprozesse erst einmal etablieren und womöglich aufgestockt werden, werde es sich auch wirtschaftlich rechnen. »Seien Sie mutig und gehen Sie voran – die Early Birds unter Ihnen werden die Gewinner sein!«

Alle profitieren davon

Dass es eine Win-win-Situation für Apotheken, Patienten und auch Krankenkassen wird, glaubt auch Ulrich Brunner, Geschäftsführer von Pharma4u, dem Wissensportal für Studierende, PhiP, Apotheker und PTA, das auch mit dem MediCheck eine Software-Unterstützung für Medikationsanalyen anbietet.

Allein durch Verhinderung von stationären Aufnahmen durch unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen ließen sich schätzungsweise 0,8 bis 1,2 Milliarden Euro im deutschen Gesundheitssystem jährlich einsparen, zitierte der Apotheker aus dem aktuellen AMTS-Aktionsplan der Bundesregierung.

»Medikationsanalysen sind ein sehr komplexer Prozess, mit dem sich aber viele arzneimittelbezogene Probleme verhindern oder lösen lassen und sich die Gesundheitskompetenz des Patienten stärken lässt«, ist Brunner überzeugt. Die Versorgung werde so patientenorientierter. Zudem sei eine bessere interprofessionelle Zusammenarbeit mit Ärzten, Pflegekräften und weiteren Gesundheitsberufen gefragt. 

»Wenn wir das in die Fläche bringen wollen, muss nicht nur jede einzelne Apotheke mitmachen, sondern auch die Standesvertretung, die Universitäten und die pharmazeutischen Fachgesellschaften mit- und an einem Strang ziehen«, so Brunner. »Wir müssen Kompetenzbarrieren überwinden, qualifizierte Mitarbeiter einstellen oder schulen, die Patienten vom Mehrwert überzeugen, unsere Systeme besser digital verzahnen, zum Beispiel die AMTS-Software mit der Warenwirtschaft und Heimversorgung«, nannte Brunner wichtige Punkte.

Am entscheidendsten für den Erfolg sei letztlich die Motivation, insbesondere des Apothekenleiters. »Wir sind die Fachleute für Pharmakotherapie und sollten das jetzt auch zeigen und voran treiben«, fordert Brunner seine Kollegenschaft auf.

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