Unterschwellige Unterfunktion |
| 25.03.2002 00:00 Uhr |
LATENTE HYPOTHYREOSE
von Christina Hohmann, Wiesbaden
Müdigkeit, Antriebsschwäche, Konzentrationsschwierigkeiten und Depressionen - diese Beschwerden werden häufig als normale Alterserscheinungen oder persönliche Wehwehchen hingenommen. Dabei kann auch eine Unterfunktion der Schilddrüse dafür verantwortlich sein.
"Noch vor zehn Jahren wäre ein Vortrag zum Thema ‚Die Behandlung der latenten Hypothyreose' undenkbar gewesen", erklärte Professor Dr. Karl-Michael Derwahl vom Akademischen Lehrkrankenhaus der Humboldt-Universität in Berlin am 9. März während des 20. Wiesbadener Schilddrüsengespräches. Es herrschte noch die Ansicht, dass pathologische Laborwerte ohne ein erkennbares Krankheitsbild nicht therapiert werden müssten. Heute behandelt man subklinische Hypothyreosen in begründeten Fällen durchaus, erläuterte Derwahl. Eine Anfangsdosis von 50 µg Levothyroxin pro Tag ist bei der Substitution üblich, berichtete Derwahl. Später sollte sie dann auf 75 µg täglich hochgesetzt werden. Bei Koronarpatienten ist eine Tagesdosis von 12 bis 25 µg Levothyroxin zu empfehlen.
Bei einer latenten Schilddrüsenunterfunktion ist der Wert des Thyreoidea stimulierenden Hormons (TSH) erhöht. TSH regt die Schilddrüse an, ihre Hormone L-Thyroxin (T4) und L-Triiodthyronin (T3) freizusetzen. Die Konzentrationen der freien Schilddrüsenhormone T4 und T3 liegen jedoch im normalen Bereich. Die latente Hypothyreose kommt relativ häufig vor: Bis zu 6 Prozent der Erwachsenen sind betroffen, dabei 3- bis 5-mal mehr Frauen als Männer. Mit zunehmendem Alter steigt die Prävalenz an.
Die latente Hypothyreose ist aber keine pathologische Laborwertkonstellation, sondern zeigt oft schon einen bereits bestehenden Hormonmangel an, der organische Auswirkungen hat. So können sich Funktionsstörungen des Herzens und die Kontraktilität des Herzmuskels bei einer subklinischen Hypothyreose verschlechtern, erklärte der Referent. Außerdem beeinflusst die Unterfunktion den Lipidstoffwechsel, die Gedächtnisleistungen und die Stimmungslage.
Eine latente Hypothyreose sollte man unbedingt behandeln, wenn Patienten weite Teile der Schilddrüse operativ oder durch Radioiodtherapie entfernt wurden. Außerdem sollten Schwangere eine Substitutionstherapie erhalten, da es sonst zu spontanen Aborten und Missbildungen des Fetus kommen kann. Die Hormone T3 und T4 sind vor allem im ersten Trimenon für die gesunde Hirnentwicklung des Fetus nötig.
Neben diesen absoluten Indikationen gibt es auch Grenzfälle, bei denen
eine Substitutionstherapie hilfreich sein kann, aber nicht unbedingt
notwendig ist. So kann eine Unfruchtbarkeit bei Frauen auf einer
subklinischen Hypothyreose beruhen. Es ist daher sinnvoll, bei
Infertilität den TSH-Spiegel zu bestimmen und bei erhöhten Werten eine
Therapie zu beginnen. Auch bei neuropsychiatrischen Erkrankungen kann man
eine Therapie versuchsweise beginnen und, wenn sich die Symptome
verbessern, beibehalten. Wie eine US-amerikanische Studie von 1993 zeigte,
leidet ein Großteil der Patienten mit subklinischer Hypothyreose an
depressiven Verstimmungen: Bei rund 56 Prozent der Betroffenen traten
solche düsteren Phasen auf, während bei Personen mit normaler
Schilddrüsenfunktion nur etwa 20 Prozent über Depressionen klagten. Die
Verstimmungen der Patienten mit latenter Hypothyreose besserten sich unter
Levothyroxintherapie und auch die Gedächtnisleistung sowie die kognitiven
Fähigkeiten nahmen deutlich zu.
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