Pflanzliche Arzneimittel können eine Therapie bei Patienten mit Krebs sinnvoll ergänzen. Die Anwendung muss aber immer mit den behandelnden Ärzten abgesprochen sein. / © Getty Images/FatCamera
Phytotherapeutische Unterstützung bei einer Krebserkrankung – damit verknüpfen Betroffene unterschiedliche, oft mehrere Erwartungen. So soll sie Beschwerden durch die Erkrankung selbst und/oder Nebenwirkungen von belastenden Therapien lindern; manche Patienten wünschen sich auch eine Besserung ihrer Krebserkrankung. Gleichzeitig sollen die zusätzlichen Maßnahmen gut verträglich sein und dürfen onkologische Therapien nicht negativ beeinflussen.
Über sechs phytotherapeutische Optionen, die der S3-Leitlinie entsprechen, referierte Professor Dr. Matthias Rostock, Inhaber der Stiftungsprofessur für Komplementärmedizin in der Onkologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), auf dem Tetranationalen Phytotherapiekongress der Gesellschaft für Phytotherapie (GPT) Ende September in Münster.
Präparate mit Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) können menopausale Symptome lindern. / © Getty Images/Imagebroker/Christian Hütter
Während einer antihormonellen Therapie zur Behandlung von Brustkrebs kommt es häufig zu menopausalen Symptomen wie Hitzewallungen, die viele Betroffene erheblich belasten. Hier könne der Einsatz von Extrakten aus Traubensilberkerze (Cimicifuga racemosa) erwogen werden, berichtete Rostock. Für die Wirksamkeit liegen Daten aus randomisierten kontrollierten Studien (RCT) vor, die jedoch heterogen sind. Auf dem Markt sind sowohl Arzneimittel als auch Nahrungsergänzungsmittel (NEM) verfügbar. »In Studien, bei denen man keine Effekte beobachtete, wurden zumeist NEM eingesetzt«, so der Referent.
Nicht alle Patientinnen profitierten von Präparaten mit Traubensilberkerze in der Standarddosierung. Bei einigen habe man nach vier Wochen die Dosis verdoppelt oder sogar verdreifacht und so eine Besserung erzielt. Rostock riet, die Leberwerte regelmäßig zu kontrollieren, da man vereinzelt Fälle von Lebertoxizität beobachtet habe.
Nicht eingesetzt werden sollen hingegen isolierte Isoflavone in hoch konzentrierter Form, etwa aus Sojabohnen; es gibt Hinweise, dass diese das Wachstum von Brustkrebs eher fördern könnten. »Das gilt allerdings nicht für die Aufnahme mit der Nahrung«, differenzierte Rostock. Hier beobachte man sogar ein besseres Outcome. Frauen, die weniger Fleisch und mehr Soja verzehrten, schnitten in Studien besser ab. Ähnliches gelte für den Verzehr von Leinsamen.
Keine Lebensverlängerung, aber eine mögliche Verbesserung der Lebensqualität attestiert die Leitlinie der Misteltherapie bei Krebs. / © PhotoAlto/Laurence Mouton
»Nicht ganz so einfach« ließen sich die Effekte von Mistelextrakten beurteilen, so Rostock weiter. Fünf große Reviews hätten heterogene Ergebnisse gehabt. Insgesamt konnten laut Leitlinie keine lebensverlängernden Effekte beobachtet werden. Zur Verbesserung der Lebensqualität könne eine subkutane Gabe bei Patienten mit soliden Tumoren allerdings erwogen werden.
Rostock wies auf zwei sich deutlich widersprechende Studien mit Patienten mit weit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom hin. »Nicht alle Patientengruppen profitierten gleichermaßen.« Bei Patienten, die zusätzlich zu bereits ergriffenen Maßnahmen wie gesunder Ernährung, Bewegung und Entspannung etwas für sich tun wollen, passiere unter einer Therapie mit Mistelextrakten sehr viel mehr als bei Patienten, die resigniert hätten.
Auch Fatigue gehört zu den belastenden Symptomen. Während man früher davon ausging, dass sie vor allem durch eine Chemotherapie verursacht wird, sieht man heute die Krebserkrankung selbst als zentrale Ursache. Insbesondere Sport und Bewegung – vor allem im Freien –, aber auch Yoga oder Achtsamkeitsübungen und Meditation werden empfohlen und sind nachweislich wirksam. Allerdings stellten Sport und Bewegung für manche Patienten eine kräftezehrende Herausforderung dar und sie fühlten sich anschließend erschöpfter als zuvor.
»Diesen Patienten kann möglicherweise Ginseng helfen«, erläuterte Rostock. Laut Leitlinie wurden die meisten Studien mit asiatischem oder koreanischem Ginseng (Panax ginseng) durchgeführt. Weniger bekannt und untersucht ist der amerikanische Ginseng (Panax quinquefolius). Auch in Studien zu Ginseng und Fatigue sind die Ergebnisse nicht einheitlich. Mit Dosierungen ab 2000 mg täglich und einer Einnahmedauer von vier bis acht Wochen hätten sich jedoch teils signifikante Verbesserungen erreichen lassen, so Rostock.
Eine Wirksamkeit bei der Verminderung zerebraler Ödeme bei Patienten mit Hirntumoren zeigte Weihrauch (Boswellia serrata) in einer RCT, sodass eine ergänzende Anwendung zusätzlich zur leitliniengerechten antiödematösen Therapie erwogen werden kann. Eingesetzt wurden dabei 4200 mg Trockenextrakt in Form von Kapseln, die Placebogruppe erhielt Lactose-Kapseln. Neben einer Verminderung des Hirnödem-Volumens ergaben sich in der Verumgruppe auch Hinweise auf eine stärkere Reduktion des Tumorvolumens als in der Placebogruppe. Weitere Studien sind erforderlich. Ein Weg könne möglicherweise sein, Weihrauch langfristig zu geben, während Dexamethason kurzfristig zum Einsatz kommen könne, sagte Rostock.
Die Scharfstoffe in Ingwer wirken antiemetisch und propulsiv. / © Adobe Stock/Pixel-Shot
Übelkeit und Erbrechen während einer Chemotherapie oder Bestrahlung sind bereits als solche belastend und können darüber hinaus eine bedarfsdeckende Ernährung, die für Patienten mit einer Krebserkrankung besonders wichtig ist, erheblich erschweren. Laut Leitlinie kann Ingwerwurzel zusätzlich zur leitliniengerechten Antiemese angewendet werden. Sie soll dann in Form von Extrakten (etwa als Pulver) statt als Tee eingesetzt werden.
Insbesondere die enthaltenen Scharfstoffe wirken sowohl zentral am Brechzentrum antiemetisch als auch im Magen-Darm-Trakt propulsiv. Damit unterscheidet sich Ingwer von der bei Magen-Darm-Beschwerden ebenfalls häufig eingesetzten Pfefferminze. Die beiden Arzneipflanzen sollten je nach Beschwerdebild zum Einsatz kommen. Rostock: »Wenn man mit dem Stethoskop keine Bauchgeräusche mehr wahrnimmt, macht Pfefferminze häufig alles nur noch schlimmer.« Übelkeit und Aufstoßen nähmen dann meist eher noch zu. Diese Patienten profitierten aufgrund der prokinetischen Wirkung eher von Ingwer. Liege hingegen eine eher spastische Situation vor, bringe Pfefferminze Linderung.
Die Wirksamkeit von Cannabinoiden – Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) – wurde einzeln oder in Kombination für verschiedene Einsatzbereiche untersucht. In vielen Fällen resultierte daraus keine Empfehlung. Zwei Empfehlungen gibt die Leitlinie jedoch: die ergänzende kombinierte Einnahme von THC und CBD, wenn eine Opioidtherapie Schmerzen nur unzureichend lindert, und bei Patienten mit nicht ausreichender Wirksamkeit der leitliniengerechten Antiemese bei Übelkeit/Erbrechen im Rahmen einer Chemotherapie.
Im kommenden Jahr findet der Phytotherapiekongress vom 16. bis 18. September 2027 in Frankfurt am Main, Campus Riedberg, statt. Infos auf www.phytotherapie.de.