| Annette Rößler |
| 09.09.2026 13:05 Uhr |
Die Anzahl an Eizellen, mit denen ein Mädchen auf die Welt kommt, ist begrenzt. Sind von vorneherein weniger Follikel vorhanden, kann sich das auf die Fertilität negativ auswirken. / © Getty Images/Guido Mieth
Paracetamol zählt zu den meistverwendeten Arzneistoffen bei Schmerzen und Fieber – auch und gerade bei schwangeren Frauen. Paracetamol ist in der Schwangerschaft bei indikationsgemäßer Anwendung und Dosierung sicher und gut verträglich, weshalb es in allen Phasen der Schwangerschaft als ein Analgetikum und Antipyretikum der Wahl gilt. Immer wieder wurde eine Anwendung von Paracetamol in der Schwangerschaft allerdings mit möglichen negativen Konsequenzen für das Kind in Verbindung gebracht, darunter etwa neurologische Entwicklungsstörungen und Asthma. Stets gab es dann jedoch wieder andere Untersuchungen, die solche Zusammenhänge widerlegten.
Eine Kausalität zu beweisen, ist dabei aus mehreren Gründen schwierig: Meist handelt es sich um retrospektive Beobachtungsstudien mit Selbstauskünften zur Paracetamol-Anwendung, ein Einfluss anderer Faktoren lässt sich nicht ausschließen und Überlegungen zu einem potenziellen Wirkmechanismus bleiben spekulativ. Diese Nachteile hat eine aktuelle Studie jedoch größtenteils nicht, deren Ergebnisse ein Team um Margit Bistrup Fischer vom Rigshospitalet in Kopenhagen im Fachjournal »Human Reproduction Open« veröffentlicht hat.
Auslöser der Untersuchung waren Ergebnisse aus Tierversuchen, wonach eine Paracetamol-Exposition in utero die Entwicklung der Keimdrüsen beeinträchtigen kann. Bei Nagern habe die Anwendung von Paracetamol in der Schwangerschaft bei weiblichen Nachkommen zu einer um 40 Prozent geringeren ovariellen Reserve geführt, schreiben die Autoren. Darunter versteht man die Anzahl an Ovarialfollikeln, also an Vorläuferzellen für Eizellen, mit denen ein weibliches Tier zur Welt kommt. Bei den Versuchstieren führte dies zu einer Beeinträchtigung der Fertilität und einer verkürzten reproduktiven Lebensspanne.
Die COPANA-Studie war eine prospektive Beobachtungsstudie am Rigshospitalet in Kopenhagen, an der 685 gesunde Frauen mit Einlingsschwangerschaft und ihre 302 weiblichen Neugeborenen teilnahmen. Eine Paracetamol-Anwendung wurde ab dem ersten Trimester alle zwei Wochen per Selbstauskunft und Urintest erfasst. Die weiblichen Säuglinge wurden abhängig vom Zeitpunkt der Paracetamol-Exposition unterteilt in frühe Exposition (Anwendung vor der Schwangerschaftswoche 17, n = 92, davon 22 ausschließlich mit früher Exposition), mittlere bis späte Exposition (ab Schwangerschaftswoche 17, n = 67) sowie keine Exposition (Kontrollgruppe, n = 143).
Bei den Mädchen, die früh in ihrer embryonalen Entwicklung Paracetamol ausgesetzt gewesen waren, hatten die Eierstöcke und die Gebärmutter geringere Volumina als bei den Kontrollen (durchschnittlich −0,11 cm3 beziehungsweise −0,18 cm3). Eine Exposition in der mittleren bis späten Embryonalphase war mit einer geringeren Anzahl an Ovarialfollikeln verbunden (−1,05 Follikel). Prozentual belief sich der Volumenverlust der Eierstöcke infolge einer frühen Paracetamol-Exposition auf 40 Prozent; nach einer Exposition in der mittleren bis späten Embryonalentwicklung waren 23 Prozent weniger Follikel vorhanden.
Die Konzentration des Anti-Müller-Hormons (AMH), das mit der Funktion der Eierstöcke korreliert, war bei Mädchen mit früher Paracetamol-Exposition in utero reduziert (−0,45 Standardabweichungen). Die Ergebnisse der Urinuntersuchungen der Mütter deuteten auf einen dosisabhängigen Effekt hin: Höhere Paracetamol-Konzentrationen im Urin der Mütter waren mit geringeren Volumina der Eierstöcke und Gebärmütter sowie auch des Brustgewebes bei den weiblichen Säuglingen assoziiert.
Die Analyse einer unabhängigen Kohorte von 1210 Mädchen, die im Rahmen einer anderen Studie, der Copenhagen Mother-Child Cohort, von der frühen Kindheit bis zur Pubertät begleitet wurden, bestätigte die Ergebnisse. Teilnehmerinnen, deren Mütter in der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten, hatten als Jugendliche kleinere Gebärmütter (−4,11 cm3) und Eierstöcke (−2,76 cm3) als nicht exponierte Teilnehmerinnen. Allerdings war in dieser Kohorte die Anwendung von Paracetamol nicht so detailliert erfasst worden wie in der COPANA-Studie – lediglich einmal zu Beginn des dritten Schwangerschaftsdrittels als Ja/Nein-Frage.
Limitationen der Studie sind die relativ kleine Kohortengröße und das Beobachtungsdesign, das die Etablierung einer Kausalität prinzipiell ausschließt. Für einen tatsächlichen kausalen Zusammenhang sprechen jedoch die Dosis-Wirkungs-Beziehung, die Bestätigung der Ergebnisse in einer unabhängigen Kohorte und die Evidenz aus Tiermodellen. Die Ergebnisse blieben zudem robust, nachdem Fieber der Mutter und andere Faktoren, die unabhängig von der Paracetamol-Anwendung dem Fetus geschadet haben könnten, in die Berechnungen einbezogen wurden.
Die Forderung der Autoren, den möglichen Zusammenhang in größeren Studien weiter zu untersuchen, ist daher gerechtfertigt. Sie betonen zudem richtigerweise, dass geklärt werden müsse, ob sich die beobachteten Unterschiede tatsächlich auf die Fortpflanzungsfähigkeit betroffener Frauen auswirken.
Dem pflichtet Professor Dr. Christian De Geyter vom Universitätsspital Basel in einem begleitenden Kommentar zu. Er hält die Bedeutung der aktuellen Erkenntnisse für herausragend. Die Empfehlungen zur Anwendung von Paracetamol während der Schwangerschaft müssten nun überarbeitet werden, meint er.
Hierfür bräuchte es jedoch angesichts der ohnehin bereits zurückhaltenden Empfehlungen wohl mehr Evidenz. Aktuell wird die Anwendung von Paracetamol in der Schwangerschaft nur bei strenger Indikationsstellung in der niedrigst nötigen Dosis und für den kürzest möglichen Zeitraum empfohlen. Generell sollte eine Medikamentenanwendung in der Schwangerschaft nicht leichtfertig und nur in Absprache mit einem Arzt erfolgen. Für Frauen mit starken Schmerzen und/oder hohem Fieber gibt es aber in der Schwangerschaft kaum andere Alternativen mit ähnlich guter Evidenz wie Paracetamol.