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Kammerversammlung Hessen

»Ohne die Apotheken wäre vieles nicht gegangen«

Flächendeckende Arzneimittelversorgung braucht verlässliche Rahmenbedingungen. Deshalb erteilte Kammerpräsidentin Ursula Funke bei der gestrigen Delegiertenversammlung den kürzlich durchgesickerten Sparplänen des Bundesgesundheitsministeriums eine deutliche Absage. 
Elke Wolf
24.03.2022  09:00 Uhr
»Ohne die Apotheken wäre vieles nicht gegangen«

Ein nicht abgestimmter Entwurf für ein mögliches GKV-Finanzstabilisierungsgesetz hat vergangene Woche die Apothekerschaft in Aufruhr versetzt. »Mit der Idee der Erhöhung des Kassenabschlags und gleichzeitiger Absenkung der Mehrwertsteuer auf Arzneimittel wären wir doppelt gekniffen. Wenn man genau rechnet, gingen den Apotheken so 38 Cent pro RX-Packung verlustig. Wir sind nicht die Melkkuh für Sparmaßnahmen«, sagte Hessens Kammerpräsident Funke in der digital abgehaltenen Veranstaltung. Die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln könne nur gewahrt werden, wenn die Apotheken mit angemessen vergüteten pharmazeutischen Aufgaben quasi ihr Fundament erwirtschaften können. »Das muss der Politik auch etwas wert sein.«

Overwiening kritisiert Lauterbachs Pläne

Genauso sieht das ABDA-Präsidentin Gabriele Regina Overwiening, die der Kammerversammlung zugeschaltet war. Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach (SPD) müsse sich fragen lassen, »wie viel ihm an einer guten Gesundheitsversorgung der Menschen liegt. Noch gehen wir davon aus, dass er ehrlich daran interessiert ist und dass er nicht als männliche Reinkarnation von Ulla Schmidt den Gesundheitsmarkt in einen Schnäppchenmarkt verwandeln will«. Der durchgesickerte Entwurf sei zwar wieder zurückgezogen worden, das bedeute aber keinesfalls Entwarnung. »Es bedeutet, dass der Referentenentwurf für GKV-Sparmaßnahmen noch nicht da ist. Wir werden unsere Forderungen laut und geschlossen vertreten – aber auch sensibel und klug, angesichts der derzeitigen desolaten Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung.« Die chronische Unterversorgung der Apotheken in ihrem Kerngeschäft sei das Ergebnis »von jahrelangem Abkoppeln der Apotheke von der Lohnentwicklung in diesem Land«.

Funke: Wir erwarten Wertschätzung

Nur mit ordnungspolitischer Stabilität und auch wirtschaftlich akzeptablen Rahmenbedingungen sind Maßnahmen wie die Pandemiebewältigung überhaupt möglich. Funke: »Ja, wir haben zusätzlich Geld verdient. Aber wir haben auch zusätzlich viel geleistet. Wir haben zu Anfang im Zwei-Schicht-Betrieb gearbeitet, um die Versorgung zu gewährleisten. Wir haben es geschafft, dass fast alle Apotheken durchgängig am Netz waren. Wir haben keine Hygienezulagen bekommen. Wir haben den Botendienst gestemmt, er erweist sich bei den gestiegenen Spritpreisen als sehr kostenintensiv, die einmalige Pauschale war eher wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir haben nicht lamentiert, wir haben es einfach gemacht. Unsere Mitarbeiter sind mit vielen Überstunden bis an die Grenzen ihrer Belastungsfähigkeit gegangen. Die Herstellung von Desinfektionsmitteln, FFP2-Masken-Verteilung, Impf- und Genesenenzertifikate, Impfungen: Vieles wäre nicht gegangen, wenn die Apotheken nicht so zuverlässig mitgezogen hätten. Wir haben gezeigt, dass man sich auf die Apotheken verlassen kann. Jetzt darf uns die Politik nicht das Wasser abgraben. Die Pandemie ist nicht vorüber. Die nächste Krise kommt bestimmt. Jetzt erwarten wir von der Politik Wertschätzung und Verlässlichkeit.«

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