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Mesenchymale Stromazellen

Obnitix ist kein unbeugsamer Gallier

Asterix, Obelix und Obnitix®? Nein, hinter dem letzten Namen verbirgt sich kein unbeugsamer Gallier, sondern eine neue Therapie zur Behandlung schwer erkrankter Patienten nach einer allogenen Stammzelltransplantation.
Annette Mende
04.10.2019
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Obnitix®, das von der Firma Medac in Verkehr gebracht wird, enthält ex vivo kultivierte adulte humane allogene mesenchymale Stromazellen. Es handelt sich um Beutel mit jeweils 30, 60 oder 90 Millionen kryokonservierten Zellen, die unmittelbar vor der Anwendung aufgetaut und dann dem Patienten per intravenöse Kurzinfusion verabreicht werden. Die Zellen stammen von mindestens acht gesunden Knochenmarkspendern, deren Leukozyten-Oberflächenmerkmale (HLA) nicht mit denen des Patienten übereinstimmen müssen.

Angewendet wird Obnitix zusätzlich zur konventionellen immunsuppressiven Therapie bei steroidrefraktärer, akuter Graft-versus-Host-Disease (GvHD) bei Patienten nach einer allogenen Stammzelltransplantation. Bei einer GvHD erkennen die Immunzellen des Spenders die Körperzellen des Empfängers als fremd und greifen diese an. Die Wahrscheinlichkeit für eine solche Abstoßungsreaktion liegt bei verwandten Spendern mit identischen HLA bei 30 bis 50 Prozent, bei nicht verwandten Spendern beträgt sie sogar 50 bis 70 Prozent.

Mesenchymale Stromazellen (MSC) wurden bis vor wenigen Jahren noch als mesenchymale Stammzellen bezeichnet. Es handelt sich um Zellen aus dem embryonalen Bindegewebe Mesenchym, die sich auch im Erwachsenenalter noch in verschiedene Zellarten differenzieren können. Da sie sich jedoch, anders als embryonale Stammzellen, nicht selbst erneuern können und weil ihre Differenzierungsfähigkeit doch begrenzt ist, steht das S in der Abkürzung heute nicht mehr für Stamm- sondern für Stromazellen.

MSC haben verschiedene Eigenschaften, die sie für eine medizinische Anwendung interessant machen. Bei GvH-Reaktion wirken sie immunmodulierend, indem sie die T-Zellen des Spenders hemmen. Darüber hinaus drosseln MSC die Freisetzung inflammatorischer Zytokine wie Interferon-γ und TNF-α.

Weil bei einer aktiven Leukämie ein funktionierendes Immunsystem wichtig ist, um die Erkrankung zu kontrollieren, könnte sich die Gabe von MSC ungünstig auswirken. Obnitix soll deshalb bei Patienten mit aktiver Leukämie nicht angewendet werden. Bei Patienten mit soliden Tumoren liegen keine Erfahrungen mit Obnitix vor; präklinische Studien mit anderen MSC-Präparaten haben aber gezeigt, dass diese teilweise eine Metastasierung begünstigen. Eine Behandlung von Patienten mit soliden Tumoren mit Obnitix ist deshalb gründlich abzuwägen.

Obnitix wird abhängig vom Körpergewicht des Patienten mit 1 bis 2 x 106 Zellen pro kg dosiert. Kinder ab zwei Jahren und Erwachsene erhalten vier Einzeldosen im Abstand von jeweils sieben Tagen. Während der Infusion und für mindestens zwei Stunden danach müssen die Vitalparameter des Patienten überwacht werden. Eine Prämedikation mit Dimetinden, Prednisolon, Paracetamol und Dihydrocodein ist zu erwägen.

Obnitix wurde aufgrund einer Fallserie von 30 Patienten zugelassen. Insgesamt wurden bislang 51 Kinder beziehungsweise Jugendliche und 18 Erwachsene mit dem Präparat behandelt. 20 Prozent der Patienten waren einfach steroidrefraktär, 80 Prozent hatten zusätzlich noch erfolglos bis zu fünf weitere Therapielinien erhalten und galten als komplett therapieresistent. Insgesamt 96 Prozent der Patienten litten an einer GvHD der Grade III oder IV.

Das prädizierte Ein-Jahres-Überleben für steroidrefraktäre beziehungsweise multiresistente Patienten betrug 67 beziehungsweise 69 Prozent. Die Überlebenswahrscheinlichkeit entspricht laut Fachinformation in etwa der von historischen Kohorten ohne schwere GvHD. Die Rückfallwahrscheinlichkeit war gering, sodass sich kein Hinweis auf eine Erhöhung des Rezidivrisikos durch Obnitix ergab. Nebenwirkungen wurden bislang nur in zwei Fällen beobachtet, nämlich einmal Kopfschmerzen und einmal Übelkeit. Beide Patienten mit Nebenwirkungen waren Kinder.

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