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Arzneimittelproduktion

Nur bei komplexen Wirkstoffen liegt Europa vorn

Die allermeisten Wirkstoffe werden in Asien produziert und auch dort konzentriert sich die Herstellung auf nur wenige Regionen. Das bestätigt eine Studie, die im Auftrag des Branchenverbands Progenerika entstanden ist. Lediglich für komplexe Arzneistoffe ist Europa noch ein wichtiger Produktionsstandort.
Stephanie Schersch
07.10.2020  15:30 Uhr

Das Coronavirus hatte zuletzt gewissermaßen den Finger in die offene Wunde gelegt: Arzneimittel-Lieferengpässe sind seit Jahren ein wachsendes Problem, doch die Pandemie hat die Lage aufgrund komplexer Lieferketten noch einmal verschärft. Die EU möchte die Produktion wichtiger Wirkstoffe nun wieder verstärkt zurück nach Europa holen.

Wie groß die Abhängigkeit im Arzneimittelbereich von außereuropäischen Märkten tatsächlich ist, hat die Unternehmensberatung Mundicare Life Science Strategies im Auftrag von Progenerika untersucht. Dafür hat sie mehr als 500 Wirkstoffe unter die Lupe genommen, die in Deutschland häufig zum Einsatz kommen. Das Ergebnis: In den vergangenen zwanzig Jahren haben sich die Kräfte im Markt deutlich verschoben. So wurden im Jahr 2000 59 Prozent der sogenannten Wirkstoffzertifikate als Zulassung von Unternehmen in Europa geführt und nur 31 Prozent in Asien. 2020 hat sich das Verhältnis umgekehrt. Zwei Drittel der Zertifikate (63 Prozent) gehen auf den asiatischen Markt zurück, lediglich ein Drittel auf Europa (33 Prozent). Die große Mehrheit aller in Asien gehaltenen Zertifikate (80 Prozent) konzentriert sich dabei auf nur wenige Provinzen in Indien und China. Zudem liegt die Produktion dort sehr häufig in der Hand nur weniger Hersteller.

Deutschland ist in Europa ein wichtiger Standort für Produktion

Zugleich belegt die Studie aber auch das Potenzial für mehr Arzneimittelproduktion in Europa. Derzeit werden vor allem Wirkstoffe mit einem komplexen Herstellungsverfahren oder einem niedrigen Produktionsvolumen in Europa hergestellt. Hauptstandorte sind Italien, DeutschlandSpanien und Frankreich. Als Beispiele nennt die Analyse das Krebsmedikament Tamoxifen. Hier schätzen die Autoren, dass etwa 95 Prozent des europäischen Bedarfs aus heimischer Produktion gedeckt wird. Beim Wirkstoff Formoterol gegen Asthma und COPD sind es immerhin 85 Prozent. Das Schmerzmittel Diclofenac hingegen kommt zu 90 Prozent aus Asien, der Cholesterolsenker Simvastatin sogar zu 100 Prozent.

Für Studien-Autor Andreas Meiser liegen die Gründe für die Abwanderung der Produktion auf der Hand. »Hauptsächlich ungleiche regulatorische Rahmenbedingungen und ein massiver Kostendruck haben dazu geführt, dass die europäische Versorgung heute in hohem Maße von nur wenigen Wirkstoffherstellern in sehr kleinen Teilen der Welt abhängt«, sagte er. »Das birgt Risiken für die Versorgung.«

Progenerika-Chef Bork Bretthauer kann dennoch eine gute Nachricht aus der Studie ableiten. Immerhin gebe es in Europa noch Wirkstoffproduktion in nennenswertem Ausmaß. Der Politik müsse es nun darum gehen, diese Herstellung vor Ort zu halten. »Es muss endlich Schluss sein mit dem extremen Kostendruck auf die Grundversorgung«, so Bretthauer. Dabei dürfe sich die Diskussion aber nicht nur um Wirkstoffe drehen. »Diese allein machen noch kein Arzneimittel aus.« So müsse eine robustere Produktion von generischen Medikamenten vielmehr alle Fertigungsschritte umfassen.

 

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