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Blutdruck im Alter

»Normal« kann gefährlich werden 

Zu hoher Blutdruck muss runter – aber wie weit? Die europäischen Leitlinien nennen als Therapieziel Werte unter 140/90 mmHg. Doch das könnte für Menschen über 80 Jahren oder mit kardiovaskulären Erkrankungen gefährlich werden.
Brigitte M. Gensthaler
11.03.2019
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Forscher der Charité – Universitätsmedizin Berlin haben in einer Beobachtungsstudie festgestellt, dass das Sterberisiko sogar steigen kann, wenn der Blutdruck medikamentös unter 140/90 mmHg gesenkt wird. Dies galt für Menschen über 80 Jahren oder Patienten, bereits einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten hatten. Veröffentlicht wurde die Studie kürzlich im »European Heart Journal«.

Laut den europäischen Leitlinien soll der Blutdruck bei über 65-jährigen Hypertonikern auf unter 140/90 mmHg eingestellt werden, um sie vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu schützen. Dieser Zielwert gilt auch für Menschen über 80, jedoch sind hier verstärkt individuelle Faktoren wie Begleiterkrankungen zu berücksichtigen. Anders in den USA: Hier wurde der Zielwert für alle Hypertonie-Patienten über 65 Jahre im vergangenen Jahr sogar auf 130/80 mmHg gesenkt.

In ihrer Beobachtungsstudie analysierten die Forscher um Dr. Antonios Douros vom Institut für Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Charité die Daten von mehr als 1600 Frauen und Männern, die zu Beginn der »Berliner Initiative Studie« im Jahr 2009 mindestens 70 Jahre alt waren und Antihypertonika bekamen. Die Nachbeobachtungszeit endete im Dezember 2016.

Überraschenderweise hatten in der Gruppe der über 80-Jährigen diejenigen, die das vermeintlich günstige Blutdruckziel erreichten, ein um 40 Prozent höheres Sterberisiko als Personen mit einem Blutdruck höher als 140/90 mmHg. Bei Teilnehmern, die bereits einmal einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten hatten, stieg das Sterberisiko sogar um 61 Prozent, wenn sie einen »normalen« Blutdruck erreichten. Bei Patienten zwischen 70 und 79 Jahren oder ohne Schlaganfall oder Herzinfarkt sank die Sterblichkeit oder wurde wenig beeinflusst.

In einer Pressemeldung der Charité plädiert Erstautor Douros für eine individuelle angepasste Therapie. »Wir sollten davon abkommen, die Empfehlungen der Fachgesellschaften pauschal bei allen Patientengruppen anzuwenden.«

 

DOI: 10.1093/eurheartj/ehz071

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