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Temocillin

Neues altes Penicillin

Seit Anfang Oktober ist mit Temocillin ein neues Penicillin in Europa verfügbar. Wirklich neu ist es allerdings nicht. Der Wirkstoff wurde bereits in den 1980er-Jahren entwickelt. Dass er jetzt neu auf den Markt kommt, ist den zunehmenden Resistenzen geschuldet.
Kerstin A. Gräfe
08.11.2019
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Temocillin (Temopen® 1 und 2 g Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung/Infusionslösung, Eumedica Pharmaceuticals) wird bei Erwachsenen und Kindern angewendet zur Behandlung komplizierter Harnwegsinfektionen (einschließlich Nierenbeckenentzündung), Bakteriämie sowie für Infektionen der unteren Atemwege und Wundinfektionen, sofern ein hochgradiger Verdacht auf gramnegative Bakterien besteht.

Ein echter Neuling ist die Substanz nicht. Temocillin (6-Methoxy-Ticarcillin) wurde bereits in den 1980er-Jahren in Großbritannien entwickelt und ist zum Beispiel als Negaban® in Großbritannien, Belgien, Luxemburg und Frankreich zugelassen. Es hemmt wie andere β-Lactam-Antibiotika die Synthese der Peptidoglycanschicht von Bakterienzellwänden. Sein Wirkspektrum ist vergleichsweise schmal: Es umfasst die meisten aeroben gramnegativen Mikroorganismen mit Ausnahme von Pseudomonas aeruginosa und Acinetobacter. Nicht wirksam ist Temopen hingegen bei grampositiven und anaeroben Krankheitskeimen.

Wegen der schmalen Bandbreite spielt es auch eher eine untergeordnete Rolle. Doch angesichts der zunehmenden Resistenzproblematik hat man sich nun auch für den deutschen Markt auf einen Vorteil der Substanz zurückbesonnen: Temocillin weist eine hohe Resistenz gegenüber den meisten β-Lactamasen auf, einschließlich AmC- und Extended Spectrum-β-Lactamasen (ESBL). Der Wirkstoff kommt daher vorwiegend als Carbapenem-sparendes Antibiotikum bei Infektionen mit Enterobakterien zum Einsatz, wenn vermutet wird, dass diese ESBL produzieren.

Temopen ist für den Einsatz im Krankenhaus vorgesehen und kann intravenös oder intramuskulär appliziert werden. Die Dosierung richtet sich nach Art und Schwere der Infektion, der Nierenfunktion und bei Kindern nach dem Körpergewicht. Detaillierte Angaben zur Dosierung finden sich in der Fachinformation.

Wie alle Penicilline ist Temocillin bei einer Überempfindlichkeit gegen β-Lactam-Antibiotika kontraindiziert und sollte nicht mit bakteriostatischen Antiinfektiva kombiniert werden.

Auf allergische Reaktionen achten

Vor Einleitung einer Temocillin-Behandlung sollte sorgfältig auf eine Überempfindlichkeitsreaktion auf Penicilline, Cepaholsporine oder andere β-Lactam-Antibiotika geprüft werden. Bei Patienten mit Asthma oder einer Atopie in der Vorgeschichte ist besondere Vorsicht geboten. Tritt während der Behandlung eine allergische Reaktion auf, muss das Arzneimittel abgesetzt werden. Anzeichen einer solchen Reaktion können Urtikaria oder Fieber sein.

Wie jedes Antibiotikum kann Temocillin mit einer induzierten pseudomembranösen Colitis assoziiert sein. Bei schwerer und anhaltender Diarrhö muss die Behandlung abgebrochen und eine geeignete Therapie eingeleitet werden. Arzneimittel, die die Peristaltik hemmen, sind kontraindiziert. Des Weiteren müssen die Patienten auf Anzeichen einer oberflächlichen Venenentzündung und Kaliämie beobachtet werden, die bei normaler Dosierung allerdings selten auftreten. Bei Patienten mit geringen Kaliumreserven sollten regelmäßig die Elektrolyte kontrolliert werden. Das betrifft unter anderem Patienten, die eine zytotoxische Behandlung oder Diuretika enthalten.

Als Vorsichtsmaßnahme sollten Schwangere kein Temocillin erhalten. Vorsicht ist auch in der Stillzeit geboten. Denn bei empfindlichen Neugeborenen können möglicherweise Überempfindlichkeitsreaktionen auftreten, da Spuren von Penicillin in der Muttermilch nachgewiesen werden konnten.

Unter Temocillin kann es wie für für injizierbare Penicilline typisch zu Urtikaria, Purpura, Fieber, Eosinophilie, Hautausschlag oder Durchfall kommen sowie zu Venenentzündung und Thrombophlebitis. Bestimmte Reaktionen wie Fieber, Arthralgie oder Myalgie treten gelegentlich erst mehr als 48 Stunden nach Beginn der Behandlung auf. In diesem Fall muss die Behandlung abgebrochen und eine andere geeignete Antibiotikatherapie eingeleitet werden. Bei Patienten mit Niereninsuffizienz wurden nach intravenöser Applikation von höheren Dosen neurologische Erkrankungen beobachtet.

Präklinische Daten zur Sicherheit, basierend auf konventionellen Studien zur Sicherheitspharmakologie, Toxizität bei einmaliger und wiederholter Gabe, mutagenen Toxizität und Toxizität für Fortpflanzung und Entwicklung, lassen keine besonderen Gefahren für den Menschen erkennen.

Die ungeöffneten Durchstechflaschen sind bei 2 bis 8 °Celsius im Kühlschrank zu lagern. 

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