Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Ukraine
-
»Neben Medikamenten auch Zuversicht und Hoffnung schenken«

Heute jährt sich der Krieg gegen die Ukraine zum vierten Mal. Die Hilfsorganisationen Apotheker ohne Grenzen und action medeor rufen weiterhin dringend zu Spenden auf: Pharmazeutische Hilfe bleibe für die Ukraine lebenswichtig. Medikamente seien teuer und knapp, Solidarität lasse nach, und chronische Krankheiten nehmen zu.
AutorKontaktMelanie Höhn
AutorKontaktdpa
Datum 24.02.2026  15:00 Uhr

Auch vier Jahre nach Beginn der russischen Invasion in der Ukraine ist der Krieg für Millionen Menschen weiterhin bittere Realität. 2025 verzeichnete das ukrainische Gesundheitswesen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) die größte Anzahl an Angriffen seit Beginn des Angriffskrieges – im Vergleich zum Vorjahr seien diese um fast 20 Prozent angestiegen.

Allein im dritten Quartal des vergangenen Jahres habe es laut WHO 184 Angriffe auf medizinische Einrichtungen gegeben, wobei zwölf Menschen getötet und 110 verletzt wurden. Zugleich verdreifachte sich 2025 demnach die Zahl der Angriffe auf Medikamentenlager in der Ukraine.

Der Bedarf an Gesundheitsversorgung in der Ukraine sei hoch, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. »Doch viele Menschen können die benötigte Behandlung nicht bekommen, unter anderem weil Krankenhäuser und Kliniken regelmäßig angegriffen werden.« Letztendlich sei »Frieden die beste Medizin.«

Das ukrainische Gesundheitswesen stehe auch durch Angriffe auf die zivile Infrastruktur unter Druck, beispielsweise auf das Energienetz, die diesen Winter zu dem kältesten und dunkelsten seit Kriegsbeginn machten. Nicht nur hinterließen diese Attacken laut WHO viele Krankenhäuser ohne Strom, Wasser und Wärme, auch müssten beispielsweise Mütter kurz nach der Entbindung mit ihren Babys oder Patientinnen und Patienten nach Operationen in ihre Wohnungen ohne funktionierende Heizung und fließendes Wasser zurückkehren. Ebenfalls kritisch sei der Zugang zu Medikamenten in der Ukraine, heißt es in der WHO-Meldung. Demnach berichteten vier von fünf Personen von Schwierigkeiten, die benötigten Arzneimittel zu bekommen.

1.140 Tonnen medizinischer Hilfsgüter

Europas größtes Medikamentenhilfswerk action medeor warnt aktuell vor nachlassender Solidarität. »Die Not der Menschen in der Ukraine ist im vierten Kriegswinter, dem kältesten seit Jahren, größer denn je«, sagte Markus Bremers, Pressesprecher von action medeor.

Trotz vorhandener großer Unterstützung für die Nothilfe in der Ukraine könnten mit den aktuell vorhandenen Mitteln viele der Projekte trotzdem nur noch bis zum Jahresende finanziert werden – danach seien die Budgets erschöpft, gab Bremers zu bedenken, der selbst vor wenigen Wochen noch in der Ukraine war, um sich ein Bild von der Lage zu machen. »Ich habe gesehen, dass Unterstützung dort dringend benötigt wird, deshalb rufen wir in diesen Tagen nochmal deutlich zu Spenden für die Menschen in der Ukraine auf, damit die Hilfe weitergehen kann.«

Für die »Notapotheke der Welt«, wie action medeor auch genannt wird, sei der Hilfseinsatz für die Ukraine der größte, den das Hilfswerk in seinen mehr als 60 Jahren je erlebt habe. Seit Februar 2022 habe das Hilfswerk rund 1.140 Tonnen medizinischer Hilfsgüter im Wert von rund 22 Millionen Euro an rund 190 Krankenhäuser in das ganze Land geliefert. Im Süden der Ukraine habe die Hilfsorganisation zusammen mit lokalen Partnern außerdem eigene Verteilsysteme für Medikamente aufgebaut. 

»In den Regionen Odessa, Mykolajiw und Cherson geben wir Medikamente kostenfrei an Bedürftige aus. Dazu besuchen wir mit mobilen Apotheken, Labors und Kliniken auch die Menschen in den frontnahen Dörfern, wo es keinerlei Infrastruktur mehr gibt«, berichtete Bremers.

Anstieg chronischer Erkrankungen, teure Medikamente

»Die Menschen leben dort bei klirrender Kälte ohne Heizung, ohne Strom, manche ohne fließendes Wasser«, schilderte er. Dazu komme der permanente Stress durch militärische Bedrohung, nächtliche Angriffe und die Sorge um Angehörige. »Solche Lebensumstände machen krank.«

Die Helfer vor Ort würden daher zurzeit einen Anstieg von chronischen Erkrankungen nicht nur bei Älteren, sondern zunehmend auch bereits bei Kindern erleben: »Diese Menschen brauchen Medikamente zum Überleben. Wenn sie fehlen, geht es für sie um alles.« Medikamente seien allerdings nicht nur lebensnotwendig, sondern auch teuer. »Unsere Hilfe kostet natürlich Geld. Und wir kämpfen gerade einen Kampf gegen die Zeit, denn die Finanzmittel, die wir für diese und andere humanitäre Projekte zur Verfügung haben, sind endlich«, resümierte er. »Und trotzdem wollen wir versuchen, einen Weg zu finden, wie wir weitermachen können. Daher rufen wir die Menschen nochmals zur Unterstützung für die Ukraine auf.«

Wer die Arbeit von action medeor unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende tun. Man kann online spenden unter www.medeor.de und dort auch seine Adresse für eine Spendenquittung hinterlassen.

AoG: Knappe Medikamente, Kliniken unter Druck

Auch die Hilfsorganisation Apotheker ohne Grenzen (AoG) setzt vier Jahre nach dem Beginn der russischen Invasion in der Ukraine ihre langfristige Nothilfe deshalb konsequent fort. Vielerorts seien Medikamente knapp, die Kliniken würden unter enormem Druck arbeiten, außerdem fehle es an Personal und Materialien. Auch die Anzahl an Patientinnen und Patienten steige an.

Der Bedarf an medizinischer Hilfe sei höher denn je. Viele Einrichtungen würden in den harten Wintermonaten unter enormem Druck arbeiten, während sich die finanziellen Spielräume verengen. »Der Krieg dauert an – und damit auch die Notwendigkeit, die Versorgung der Menschen in der Ukraine weiter zu unterstützen«, sagte Jochen Wenzel, ehrenamtlicher erster Vorsitzender des AoG-Vorstandes. »Wir versuchen mit unserer kontinuierlichen Unterstützung, den Menschen neben den Medikamenten auch Zuversicht und ein wenig Hoffnung zu schenken.«

Seit Frühjahr 2022 organisiere AoG kontinuierlich Lieferungen mit Arzneimitteln und medizinischen Hilfsgütern in verschiedene, auch frontnahe Regionen der Ukraine. Ziel sei es, die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zu stabilisieren und medizinische Einrichtungen dabei zu unterstützen, auch unter den schwierigen Kriegsbedingungen handlungsfähig zu bleiben.

Seit Beginn der Langzeit-Nothilfe seien auf diese Weise bereits 223 Hilfslieferungen mit Medikamenten und medizinischem Equipment umgesetzt worden. Sie würden einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass medizinische Einrichtungen auch unter Kriegsbedingungen funktionieren könnten. In den nächsten Tagen starte die nächste Lieferung: Ziel sei das Kinderklinikum in Sumy. Die Lieferungen würden Kliniken helfen, Therapien fortzuführen, Notfälle zu behandeln und Patientinnen und Patienten zu versorgen, deren Behandlung sonst aus finanziellen oder logistischen Gründen gefährdet wäre.

Schnelle Reaktion auf neue medizinische Anforderungen

Ein zentraler Bestandteil der Ukraine-Hilfe von AoG sei die enge Zusammenarbeit mit internationalen und lokalen Partnerorganisationen sowie medizinischen Einrichtungen im Land. Dazu würden unter anderem die NGO »Base UA« sowie die Vereine »BerlinOdessaExpress«, »Comparus Hilft«, »Nicht reden. Machen!«, »MHU München Hilft Ukraine« und »Mission Lifeline« zählen.

»Unsere Hilfe ist nur durch die enge Kooperation mit unseren Partnerorganisationen möglich«, erklärte Wenzel weiter. »Sie kennen die Bedarfe und die Transportwege am besten. Jede Lieferung, jede koordinierte Aktion bedeutet konkret lebenswichtige Unterstützung für Menschen, die unter extremen Bedingungen auf gesundheitliche Versorgung angewiesen sind.«

Die Unterstützung setze direkt an den jeweiligen Bedarfen der unterschiedlichen medizinischen Einrichtungen an. Gemeinsam mit seinen Partnerorganisationen prüfe AoG regelmäßig die konkreten Medikamentenlisten der Kliniken, organisiere die Beschaffung und unterstütze die Transporte.

»Wir prüfen Bedarfe, organisieren Lieferketten und sorgen dafür, dass Medikamente genau dort ankommen, wo sie am dringendsten benötigt werden«, ergänzte Max Haselbach, der für die Ukrainehilfe ls Projektkoordinator arbeitet. Hilfe bedeute für die Organisation konkrete Wirkung: Patientinnen und Patienten würden eine Behandlung erhalten, Kliniken könnten handlungsfähig bleiben.

Im Sommer 2025 hatte Haselbach das Partnerkrankenhaus St. Nicholas in Lviv besucht, um sich ein direktes Bild der aktuellen Lage sowie der Wirkung der bisherigen Hilfslieferungen zu verschaffen. »Die partnerschaftliche Zusammenarbeit ermöglicht es, Hilfe flexibel an die jeweilige Lage anzupassen und schnell auf neue medizinische Anforderungen zu reagieren.«

Die Ukraine-Hilfe von Apotheker ohne Grenzen finanziere sich maßgeblich über Spenden. Jede Unterstützung trage dazu bei, Medikamentenlieferungen zu ermöglichen und die Versorgung von Patientinnen und Patienten langfristig zu sichern, heißt es seitens der Organisation.

Mehr von Avoxa