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Gewichtsreduktion
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Mysimba wieder verfügbar

Die Fixkombination aus Naltrexon und Bupropion (Mysimba®) zum Gewichtsmanagement war seit 2018 im Handel, sie wurde dann aber wegen kardiovaskulärer Sicherheitsbedenken nicht mehr vermarktet. Seit Mai ist sie wieder verfügbar.
AutorKontaktKerstin A. Gräfe
Datum 18.05.2026  12:00 Uhr

Mysimba wird vielen Apothekern noch ein Begriff sein. Die Zulassung des Präparats erfolgte bereits 2015, die Markteinführung hierzulande im Jahr 2018. In Deutschland war das Präparat zwischenzeitlich nicht im Verkehr.

Schon bei der Erstzulassung gab es Bedenken hinsichtlich langfristiger kardiovaskulärer Risiken. Diese konnten vergangenes Jahr von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) ausgeräumt werden: Sie bestätigte dem Abnehmmittel eine kardiovaskuläre Sicherheit sowie ein positives Nutzen-Risiko-Verhältnis, allerdings beschränkt auf einen Behandlungszeitraum von einem Jahr. Für einen darüber hinausgehenden Zeitraum sei die kardiovaskuläre Sicherheit von Mysimba noch nicht abschließend geklärt und bleibe ungewiss, so die EMA. Erkenntnisse zur langfristigen kardiovaskulären Sicherheit soll die in den USA laufende Studie INFORMUS liefern, deren Ergebnisse für 2028 erwartet werden.

Mysimba® (8 mg/90 mg Retardtabletten, Goodlife Endocrinologie B. V.) enthält den µ-Opioid-Antagonisten Naltrexon sowie den Noradrenalin- und Dopamin-Wiederaufnahmehemmer Bupropion. Der genaue Wirkmechanismus der appetitunterdrückenden Effekte der Kombination ist nicht geklärt. Vermutet wird, dass Bupropion Proopiomelanocortin-(POMC-)Neuronen im Nucleus arcuatus des Hypothalamus stimuliert, woraufhin das appetithemmende Hormon α-MSH freigesetzt wird. Das gleichzeitig freigesetzte β-Endorphin, das für eine negative Rückkopplung verantwortlich ist, wird mutmaßlich durch Naltrexon blockiert.

Die Fixkombination ist zugelassen als Ergänzung zu kalorienreduzierter Diät und verstärkter körperlicher Bewegung zum Gewichtsmanagement bei erwachsenen Patienten mit einem anfänglichen BMI von mindestens 30 kg/m2 (adipös) oder 27 bis 30 kg/m2 (übergewichtig) bei mindestens einer gewichtsbezogenen Begleiterkrankung, zum Beispiel Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes oder Fettstoffwechselstörung.

Die Dosierung erfolgt einschleichend über vier Wochen. In der ersten Woche nimmt der Patient morgens eine Tablette ein, in der zweiten morgens und abends je eine Tablette. In der dritten Woche werden morgens zwei und abends eine Tablette eingenommen. Ab der vierten Woche ist mit morgens und abends je zwei Tabletten die empfohlene Tageshöchstdosis erreicht.

Jährliche Kontrollen

Die Tabletten sollen im Ganzen, mit Flüssigkeit und bevorzugt zum Essen geschluckt werden. Nach 16 Wochen ist die Behandlung abzusetzen, wenn Patienten zu diesem Zeitpunkt ihr Ausgangsgewicht nicht um mindestens 5 Prozent reduzieren konnten. Gleiches gilt nach einem Jahr, wenn Patienten den erzielten Gewichtsverlust von mindestens 5 Prozent nicht halten konnten. Ärzte sollten jährlich überprüfen, ob sich das kardiovaskuläre Risiko nachteilig verändert hat und die erzielte Gewichtsreduktion beibehalten wird. 

Bei Patienten über 65 Jahren sollte Mysimba nur mit Vorsicht angewendet werden, für Patienten über 75 Jahren wird eine Behandlung nicht empfohlen. Kontraindiziert ist die Fixkombination unter anderem für Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz und schwerer Leberfunktionsstörung. Bei Patienten mit einer mittelschweren oder schweren Nierenfunktionsstörung beträgt die empfohlene maximale Tagesdosis zwei Tabletten (eine Tablette am Morgen und eine Tablette am Abend). Gleiches gilt für Patienten mit leichter Einschränkung der Leberfunktion; bei mäßiger Einschränkung wird die Therapie nicht empfohlen.

Mysimba sollte während der Schwangerschaft und Stillzeit nicht angewendet werden.

Wirksamkeit und Sicherheit von Mysimba wurden in vier randomisierten, placebokontrollierten Studien mit mehr als 4500 Teilnehmern überprüft. Primäre Endpunkte waren die prozentuale Gewichtsabnahme nach 28 beziehungsweise 56 Wochen sowie der Anteil an Patienten, die eine Gewichtsreduktion von mindestens 5 Prozent erreichten.

In drei der Studien betrug die durchschnittliche Gewichtsabnahme unter Mysimba etwa 3,7 bis 5,7 Prozent, verglichen mit 1,3 bis 1,9 Prozent unter Placebo. Der Anteil der Patienten mit einer Gewichtsreduktion von mindestens 5 Prozent lag bei 28 bis 42 Prozent unter Mysimba gegenüber 12 bis 14 Prozent unter Placebo. In der vierten Studie war die Patientenberatung intensiver und die Gewichtsabnahme insgesamt größer: 8,1 Prozent unter Mysimba und 4,9 Prozent unter Placebo. Etwa 46 Prozent der Patienten erreichten unter Mysimba eine 5-prozentige Gewichtsabnahme, verglichen mit 34 Prozent unter Placebo.

Auf Suizidalität kontrollieren

In klinischen Studien brachen 23,8 Prozent der mit Mysimba behandelten Patienten und 11,9 Prozent der Patienten aus der Placebogruppe die Behandlung aufgrund einer Nebenwirkung ab. Die häufigsten unerwünschten Wirkungen waren Übelkeit, Verstopfung, Erbrechen, Schwindel und Mundtrockenheit.

Bupropion kann das Risiko für Krampfanfälle, Suizidalität und Serotoninsyndrom erhöhen. Die Fachinformation von Mysimba enthält daher entsprechende Warnungen. Zudem besteht aufgrund der Bupropion-Komponente ein breites Spektrum an Wechselwirkungen. Auch Naltrexon erhöht das Risiko für Interaktionen durch die antagonistische Wirkung auf den Opioidrezeptor. Potenzielle Interaktionspartner sind unter anderem MAO-Hemmer, Opioide, CYP2D6-Substrate, serotonerge Wirkstoffe,  Digoxin, Insulin/orale Antidiabetika sowie Levodopa und Amantadin.

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