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Autoimmunerkrankungen

Multiple Sklerose hängt nicht mit Impfungen zusammen

Bei Autoimmunerkrankungen gerät die eigene Körperabwehr außer Rand und Band. Könnten Impfungen hier eine Rolle spielen? Für die Multiple Sklerose (MS) konnten Münchener Wissenschaftler bei einer großen Datenanalyse keine Hinweise hierauf finden.
Daniela Hüttemann
01.08.2019
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Forscher der Technischen Universität München (TUM) haben die Daten von mehr als 200.000 Personen, davon 12.000 MS-Patiente, und ihr Impfverhalten untersucht. Es zeigte sich, dass sich MS-Erkrankte fünf Jahre vor der Diagnose statistisch seltener impfen ließen als Vergleichsgruppen, berichtet das Team um Professor Dr. Bernhard Hemmer im Fachjournal »Neurology«. Dies gilt für Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken, Mumps, Masern, Röteln und Windpocken, das Humane Papilloma Virus (HPV), Hepatitis A und B, FSME und Influenza. Bei den drei letztgenannten fiel der Effekt sogar besonders deutlich aus.

»Die Ursachen kennen wir noch nicht«, räumt Erstautor Alexander Hapfelmeier ein. »Vielleicht nehmen Menschen lange vor ihrer Diagnose die Krankheit wahr und verzichten deshalb auf zusätzliche Belastungen für das Immunsystem. Solche Effekte zeigen sich auch in unseren Daten. Oder die Impfung hat einen protektiven Effekt und hält das Immunsystem von Attacken gegen das Nervensystem ab.« Was man aber aufgrund der großen Datenmenge sagen könne: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich die Wahrscheinlichkeit für eine MS-Erkrankung oder das Auftreten eines ersten MS-Schubs durch Impfungen unmittelbar erhöht. 

Effekt nicht bei Psoriasis und Morbus Crohn

Die Forscher schauten sich auch den statistischen Zusammenhang zwischen Impfhäufigkeit und anderen Autoimmunerkrankungen an. Morbus-Crohn- und Schuppenflechte-Patienten hatten sich aber ähnlich oft in den fünf Jahren vor ihrer Diagnose impfen lassen wie die gesunde Kontrollgruppe. »Die Ergebnisse sind nicht allein auf eine chronische Krankheit zurückzuführen, sondern ein MS-spezifisches Verhalten«, schließt Studienleiter Hemmer daraus. »Auch aus anderen Studien wissen wir, dass MS-Erkrankte lange vor Diagnose in ihrem Verhalten und ihrer Krankengeschichte auffällig sind.« Sie litten zum Beispiel häufiger an psychischen Erkrankungen und bekämen seltener Kinder. »All das macht deutlich, dass die MS lange vor den neurologischen Symptomen da ist«, folgert der Neurologe. Er fordert: »Wir müssen geeignete Marker finden, um sie früher zu diagnostizieren. Das sehen wir als eine unserer wichtigsten Aufgaben.«

DOI: 10.1212/WNL.0000000000008012

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