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Amenorrhö
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Mit Estrogen-Pflastern gegen Knochenschwunde

Ist der weibliche Körper zu starkem Stress ausgesetzt, kann es zu einer funktionellen hypothalamische Amenorrhö kommen. Hält dieser Zustand über mehrere Monate an, geht Knochenmasse verloren. Dies zu korrigieren ist jedoch nicht so einfach wie bisher gedacht. 
AutorKontaktJohanna Hauser
Datum 21.04.2026  09:00 Uhr

Sind Frauen im gebärfähigen Alter starken Stressoren ausgesetzt wie dies bei Leistungssportlerinnen, Magersucht (Anorexia nervosa) oder psychischen Traumata der Fall sein kann, zieht der Körper die Reißleine. Die »Stress-Achse« hebelt die »Fortpflanzungs-Achse« aus. Eine reversible Suppression des Hypothalamus sorgt dafür, dass die Menstruation ausbleibt – es kommt zu einer funktionellen hypothalamischen Amenorrhö (FHA). Wenn trotz Behandlung der Ursachen der Zyklus nach längerer Zeit nicht wieder einsetzt, nimmt die Knochenmasse durch den Estrogenmangel ab. Das Frakturrisiko ist zwei- bis siebenfach höher als bei menstruierenden Frauen gleichen Alters. Daher empfehlen Leitlinien eine hormonelle Intervention nach sechs bis zwölf Monaten.

In einer Übersichtsarbeit, die im »The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism« veröffentlicht wurde, fassen Wissenschaftler des Imperial College in London die aktuelle Studienlage zusammen.

Für die Netzwerk-Metaanalyse werteten die Forschenden um Dr. Agathoklis Efthymiadis 13 randomisierte klinische Studien mit insgesamt 692 Patientinnen aus. Dabei wurden zehn Wirkstoffe oder Wirkstoffkombinationen in ihrer Wirksamkeit verglichen, darunter hormonelle Interventionen wie eine transdermale Hormonersatztherapie (HRT), eine orale HRT und die kombinierte Estrogen-Gestagen-Pille (COCP), aber auch nicht hormonelle Therapien wie Teriparatid, Alendronat und der Insulin-ähnliche Wachstumsfaktor 1 (IGF-1).

Nur transdermales Estrogen punktet

Einzig die transdermale HRT vermochte gegenüber Placebo die Knochendichte signifikant wieder zu steigern. Hierfür ermittelte die Gruppe eine standardisierte Mittelwertdifferenzen (SMD) von 0,34 für die Knochendichte in den Lendenwirbeln und 0,57 für den Oberschenkelhals.

Die orale HRT zeigte weder gegenüber Placebo noch gegenüber der transdermalen HRT einen Nutzen. Der nachweisbare Nutzen blieb auch für die klassischen Estrogen-Gestagen-Pillen aus. Die Forschenden vermuten, dass die ausbleibende Wirkung oraler Hormontherapien auf den First-Pass-Effekt des Estrogens zurückzuführen ist. Der Metabolismus in der Leber unterdrückt die Produktion des anabolen IGF-1 und bewirkt zudem einen Anstieg des Sexualhormon-bindenden Globulins, sodass freies Estrogen aus dem Kreislauf »gefischt« wird.

Auch die übrigen Interventionen wie IGF-1 oder Medroxyprogesteron waren weder gegen Placebo noch gegen andere aktive Therapien von Bedeutung. So blieb auch Alendronat komplett wirkungslos (SMD: 0).

Im Vergleich mit den anderen Therapien war lediglich Teriparatid, das als Parathormon-Analogon bei postmenopausalen Frauen mit erhöhtem Frakturrisiko zum Einsatz kommt, im Bereich der Lendenwirbelsäule überlegen. Hier betrug der ermittelte Anstieg der Knochendichte gegenüber transdermaler HRT 1,48 SMD und gegenüber COCP 1,75 SMD. Beide Werte sind signifikant. Im Bereich des Oberschenkelhalses und der Hüfte zeigt Teriparatid allerdings keinen Nutzen.

Die Wirksamkeit der Behandlungen war je nach Ursache der FHA unterschiedlich. Lag eine Anorexie-assoziierte FHA zugrunde, zeigte nur Teriparatid einen klaren Effekt. War Sport der Auslöser, konnte keine der Therapien die Knochendichte im Lendenwirbelbereich signifikant verbessern.

Anpassung der Therapie nötig

Die Ergebnisse sind durchaus von klinischer Relevanz. Sie zeigen, dass einfache orale Therapien bei FHA keinen Nutzen für die Patientinnen haben. Nach Angaben der Autoren werden allerdings noch ungefähr 25 Prozent der FHA-Patientinnen mit hormonellen Kontrazeptiva zum Schutz der Knochen therapiert. Hier sei ein Umdenken nötig.

Dr. Alexander Comninos, Hauptautor der Studie, plädiert dafür, das transdermale Estrogen dem Teriparatid vorzuziehen. Seien Frakturen mit verzögerter Heilung im Spiel oder die Knochendichte sehr stark abgefallen, könne Teriparatid jedoch eingesetzt werden.

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