| Melanie Höhn |
| 25.06.2026 16:20 Uhr |
Auch Ute Seeland, Professorin für geschlechtersensible Medizin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, wies auf die Bedeutung der hausärztlichen Versorgung hin. »Was ich immer wieder feststelle, ist, dass die hausärztliche Versorgung überhaupt gar keine Idee davon hat, was auch mit den Hilfsmitteln erreicht werden kann«, so Seeland. Es brauche mehr Wissen über Kompressionstherapie und bessere Informationen in der Primärversorgung, zudem forderte sie eine stärkere Vernetzung der verschiedenen Versorgungsbereiche. »Lipödem ist ein klassisches Beispiel dafür, dass geschlechtersensible Medizin nötig ist«, erklärte die Professorin.
Die Physiotherapeutin und Lymphtherapeutin Katharina Ilic berichtete aus der physiotherapeutischen Praxis und schilderte die oft jahrelangen Leidenswege der Patientinnen. »Wir haben ein Systemproblem«, sagte sie. Zehn Jahre dauere es im Durchschnitt bis zu einer Diagnose – so lange finde keine Therapie statt. Damit einher gingen Schamgefühle, Essstörungen oder ein gestörtes Selbstbild. In den Hausarztpraxen werde oft »Medical Gaslighting« betrieben. Wichtig seien vor allem eine individualisierte Therapieplanung, eine eigenständige Vergütung und stärkere Berücksichtigung physiotherapeutischer Leistungen bei Lipödem.
Oda Hagemeier, Geschäftsführerin der Herstellervereinigung für Kompressionstherapie und orthopädische Hilfsmittel (eurocom), merkte an, dass die Kompressionstherapie bei Lipödem eine zentrale Rolle einnehme. Kompression sei oft die Voraussetzung für weitere Therapien wie Liposuktion. Hagemeier kritisierte lange Verfahren zur Aufnahme neuer Hilfsmittel ins Hilfsmittelverzeichnis und forderte, dass Innovationen schneller in die Regelversorgung kommen.
Petra Menkel, Vorständin des Bundesinnungsverbandes für Orthopädie-Technik, stellte die wichtige Rolle von Sanitätshäusern und Orthopädietechnik in der Versorgung heraus. Die Auswahl und die Anpassung von Kompressionsversorgungen erforderten hoch spezialisiertes Fachwissen, so Menkel. »Besonders im ländlichen Raum müssen wir die Versorgung stärken, auch über die Apotheken, die gut ausgebildetes Personal haben und die sich den gleichen Grundqualitätsstandards unterwerfen wie wir in den Sanitätshäusern«, so Menkel. »Denn die Postleitzahl einer Patientin darf nicht darüber entscheiden, ob sie eine angemessene Versorgung erhält oder nicht. Das ist eine Frage der Gleichbehandlung, der Daseinsvorsorge und vor allem auch der sozialen Gerechtigkeit.« Bundesweit müsse es einheitliche Qualitätsstandards geben, weniger Bürokratie und verlässliche politische Rahmenbedingungen.