| Johanna Hauser |
| 21.07.2026 14:00 Uhr |
Ein gezieltes Beckenbodentraining kann einer Genitalsenkung entgegenwirken. / © Getty Images/Burak Sür
Der Beckenboden gehört zu den Körperregionen, die erst dann Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen. Solange Muskeln und Bindegewebe die Organe zuverlässig stützen, bleibt ihre Arbeit unbemerkt. Lässt die Funktion nach, kann es zu einem Descensus genitalis kommen – eine Erkrankung, die Millionen Frauen betrifft und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen kann.
Bei einer Genitalsenkung sinken Blase, Rektum, Dünn- und/oder Dickdarm, Vagina oder Uterus Richtung Scheidenausgang ab. Die zugrunde liegende Schwäche des Beckenbodens kann durch Geburten, Übergewicht oder einen Estrogenmangel in den Wechseljahren ausgelöst werden.
Die Ausprägung reicht von einer leichten Senkung, die nur bei der gynäkologischen Untersuchung feststellbar ist (Stadium 1), bis zum vollständigen Prolaps, also dem Vorfall von Gebärmutter oder Blase vor die Scheide (Stadium 4). Symptome treten meist ab Stadium 2 auf, wenn der tiefste Punkt der Absenkung im Bereich des Hymens (innerhalb des Körpers) liegt. Allerdings berichtet nur circa ein Viertel der Frauen in diesem Stadium 2 von einem gewissen Leidensdruck. Im deutschsprachigen Raum spricht man ab Stadium 3 von einem »Prolaps«, währen im Englischen alle vier Stadien als »prolapse« bezeichnet werden.
Ein Descensus genitalis kann sich durch folgende Symptome äußern:
Häufig geht ein Descensus genitalis mit einer Belastungsinkontinenz einher, die sich beispielsweise beim Husten oder Heben von Gegenständen bemerkbar macht. Allerdings kann auch ein Prolaps die Belastungsinkontinenz verstecken, indem die abgesunkenen Organe die Harnröhre so verschieben, dass diese vorübergehend besser geschlossen bleibt. In diesem Fall spricht man von einer larvierten Belastungsinkontinenz. Sie fällt nur nach Reposition des Prolapses auf, wenn also die Organe wieder in ihre Position gebracht werden, etwa nach einer Untersuchung oder durch Einsetzen eines Pessars.
Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat in Zusammenarbeit mit einer Reihe von Fachgesellschaften die S3-Leitlinie »Diagnostik und Therapie des Descensus genitalis der Frau« aktualisiert. Diese befasst sich eingehend mit dem Thema Diagnostik, um eine adäquate Therapie ermöglichen zu können – auch mit Blick auf Frauen mit noch nicht abgeschlossener Familienplanung. Der Leitlinie zufolge umfasst die Diagnostik immer die Anamnese und eine klinische Untersuchung, meistens eine Ultraschalluntersuchung des Beckenbodens und häufig auch der Nieren, manchmal andere bildgebende Verfahren wie Defäkografie (bildliche Darstellung des Enddarms) oder dynamische Magnetresonanztomografie.
Wird eine Genitalsabsenkung festgestellt, sind neben der Sanierung des Descensus die gleichzeitige Sicherung oder Wiederherstellung der Kontinenz wichtige Ziele der Therapie. Als konservative Therapien stehen Beckenbodentraining, Hormonersatztherapie oder der Einsatz von Pessaren zur Verfügung.
Mit einem Pessar können die abgesunkenen Beckenorgane gestützt werden. Nicht alle Pessare sind Ringe; es gibt auch scheiben- oder würfelförmige Modelle. / © Getty Images/Sakurra
Pessare sind scheiben-, ring- oder würfelförmige Silikongebilde, die in die Scheide eingeführt werden, die abgesunkenen Beckenorgane stützen und Harnröhren- sowie Blasenwand unterstützen sollen. Diese Hilfsmittel sollten durch einen Gynäkologen sorgfältig angepasst werden, damit sie in ihrer korrekten Lage bleiben und keine Schmerzen oder Druckgefühl verursachen. Es gibt Pessare, die über längere Zeit an ihrem Ort verbleiben, und solche, die regelmäßig entfernt, gereinigt und wieder eingesetzt werden. Die Pessartherapie reduziert laut Leitlinie nicht nur die Prolapssymptomatik, sondern auch die Inkontinenz. Sie kann eine Operation bei vielen Patientinnen hinauszögern oder vermeiden.
Muss operiert werden, kommen je nach Ausprägung der Symptome und Lokalisation des Prolaps mehrere Möglichkeiten in Betracht. Die Leitlinie nennt unter anderem vaginale, abdominale und laparoskopische Methoden. Diese können wiederum mit Netzen zur Stabilisierung von Gewebe kombiniert werden oder mit einer (teilweisen) Entfernung von Organen wie Gebärmutter und Eierstöcken.
Eine umfassende Aufklärung der Patientin sei essenziell und sollte gut strukturiert die Vor- und Nachteile der verschiedenen Methoden darstellen, sagt Leitlinienkoordinatorin Dr. Kaven Baeßler von den Joseph Kliniken Berlin in einer Pressemitteilung zur Aktualisierung der Leitlinie. Dabei sollten auch die Erfolgsraten der verschiedenen Optionen, mögliche Komplikationen mit Art und Häufigkeit sowie Behandlungsmöglichkeiten besprochen werden.
Einem möglichen Genitalprolaps lässt sich bis zu einem gewissen Grad vorbeugen. Die Grundlage der Prävention bildet eine gesunde Lebensweise. Ein Aspekt dabei ist es, einer Verstopfung vorzubeugen, da starkes Pressen beim Stuhlgang den Beckenboden belastet. Hierzu sollte auf eine ballaststoffreiche Ernährung sowie ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet werden. Auch Übergewicht zieht die Beckenbodenmuskulatur in Mitleidenschaft. Darum ist es wichtig, ein gesundes Gewicht zu halten oder wiederzuerlangen.
Übermäßiger Druck beim Husten belastet ebenfalls den Beckenboden. Daher sollte bei chronischem Husten dessen Ursache ermittelt und behoben werden. Das schließt Raucherhusten und eine Rauchentwöhnung ein.
Ein weiterer Risikofaktor ist das Heben schwerer Gegenstände. Präventiv sollte beim Heben eine korrekte Haltung eingenommen werden, um Druck vom Beckenboden zu nehmen: Knie und Hüfte sollten gebeugt und der Rücken gerade gehalten werden.
Atemübungen, insbesondere tiefes Atmen, entspannen den Beckenboden und verteilen den intraabdominellen Druck gleichmäßig. Last, but not least steht die direkte Stärkung des Beckenbodens mit verschiedenen Übungen auf dem Plan. Gymnastik, Yoga und Pilates kräftigen die Muskulatur. Wer unsicher ist, kann sich auch durch einen Physiotherapeuten anleiten lassen. Gymnastikbälle, Hula-Hoop-Reifen oder Kegel können die Übungen unterstützen. Da eine vaginale Geburt ein Risikofaktor für einen Descensus genitalis ist, sind danach Beckenbodentraining beziehungsweise eine Rückbildung wichtige Präventionsmaßnahmen.