| Sven Siebenand |
| 23.07.2026 16:20 Uhr |
Die Autoren betonen allerdings, dass die Studie lediglich Zusammenhänge beschreiben kann. Aufgrund des Beobachtungsdesigns lasse sich nicht beweisen, dass die Teillegalisierung selbst die Ursache für die höheren Fallzahlen sei. Als mögliche Erklärung diskutieren sie unter anderem die deutlich erleichterte Verfügbarkeit hochpotenter Medizinalcannabisprodukte. Seit Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz gestrichen wurde, könnten Ärztinnen und Ärzte Medizinalcannabis wesentlich einfacher verordnen. Ob dieser Faktor tatsächlich für den beobachteten Anstieg verantwortlich ist, wurde in der Studie jedoch nicht untersucht und bleibt eine Hypothese.
Gegenüber dem Science Media Center bewertet Professor Dr. Alkomiet Hasan, Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Augsburg, die Methodik der Untersuchung ausdrücklich positiv. Die Autoren hätten auf belastbare Routinedaten zurückgegriffen. Zwar lasse das Studiendesign keine kausalen Schlussfolgerungen zu, es liefere jedoch »deutliche Hinweise auf einen Zusammenhang mit der Legalisierung«. Mögliche Verzerrungen wie einen Detection Bias – also eine häufigere Erfassung von Cannabiskonsum aufgrund der öffentlichen Debatte – könnten nach seiner Einschätzung den gesamten beobachteten Anstieg nicht erklären.
Hasan sieht die Ergebnisse deshalb als erwartbares Warnsignal. »Wir kennen ähnliche Entwicklungen aus anderen Ländern, und vor allem der Sachverhalt, dass in Deutschland Medizinalcannabis oft als Freizeitcannabis verwendet wird, fördert diese Entwicklung. Wir wissen, dass je höher der THC-Gehalt ist, desto höher ist das Risiko für psychische Folgereaktionen und Erkrankungen, vor allem Intoxikationen, Psychosen, Angstzustände und Suizidalität. Medizinalcannabis enthält oft viel mehr THC als das ›Straßencannabis‹.«
Das wichtigste Ergebnis ist für Hasan, dass ein Signal bereits nach zwei Jahren zu erkennen ist. Auch wenn die absoluten Fallzahlen zunächst moderat wirkten, könnten daraus langfristig erhebliche gesundheitliche und gesellschaftliche Folgen entstehen.
Gleichzeitig mahnt der Psychiater zur Differenzierung. Cannabis habe als Arzneimittel bei bestimmten Indikationen einen therapeutischen Stellenwert. Problematisch sei jedoch die Nutzung von Medizinalcannabis zu Freizeitzwecken über Online-Rezepte ohne ausreichenden ärztlichen Kontakt. Zugleich kritisiert Hasan, dass begleitende Präventionsprogramme bislang nicht in ausreichendem Umfang umgesetzt worden seien.