| Sven Siebenand |
| 23.07.2026 16:20 Uhr |
Seit dem 1. April 2024 dürfen Erwachsene in Deutschland Cannabis legal besitzen und anbauen. Plantagen sind für den Eigenbau jedoch nicht erlaubt, sondern maximal drei Cannabispflanzen für den Eigenkonsum. / © Imago Images/TT
Mit der Teillegalisierung von Cannabis zum 1. April 2024 sollte der Konsum aus der Illegalität geholt und gesundheitliche Risiken durch Prävention und Regulierung begrenzt werden. Eine jetzt im »Deutschen Ärzteblatt International« veröffentlichte Zeitreihenanalyse deutet jedoch darauf hin, dass unmittelbar nach Inkrafttreten des Gesetzes die Zahl cannabisbezogener Krankenhausaufnahmen zugenommen hat. Besonders betroffen waren Einweisungen von Erwachsenen wegen akuter Cannabisvergiftungen und cannabisinduzierter Psychosen.
Die Untersuchung entstand im Rahmen des Forschungsprojekts EKOCAN, das die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgen der Cannabis-Teillegalisierung in Deutschland begleitet. Für ihre Analyse werteten die Forschenden Routinedaten der beiden großen Krankenhaus-Abrechnungssysteme (PEPP und DRG) aus. Insgesamt flossen Daten von mehr als 70 Millionen gesetzlich Versicherten beziehungsweise mehr als 70.000 Krankenhausaufnahmen in die Auswertung ein. Verglichen wurden die wöchentlichen Aufnahmeraten zwischen Januar 2022 und September 2025.
Nach Angaben der Autoren stieg die Rate cannabisbezogener Krankenhausaufnahmen bei Erwachsenen nach Inkrafttreten des Cannabisgesetzes von 1,12 auf 1,27 Fälle je 1000 Krankenhausaufnahmen. Das entspricht einem relativen Anstieg von 5,6 Prozent. Bei Jugendlichen erhöhte sich die Rate zunächst von 1,07 auf 1,22 pro 1000 Krankenhausaufnahmen, was einem Zuwachs von 14,9 Prozent entspricht. Hochgerechnet ergaben sich für das erste Jahr nach der Gesetzesänderung rund 1395 zusätzliche Krankenhausaufnahmen bei Erwachsenen und 91 zusätzliche Fälle bei Jugendlichen.
Während sich der Anstieg bei Jugendlichen nach rund 35 Wochen wieder zurückbildete, blieb die Aufnahmerate bei Erwachsenen dauerhaft auf dem erhöhten Niveau. Besonders deutlich fiel der Zuwachs bei akuten Cannabisvergiftungen aus: Hier stieg die Rate bei Erwachsenen von 0,08 auf 0,11 je 1000 Krankenhausaufnahmen – ein Plus von 37,1 Prozent. Auch cannabisinduzierte Psychosen nahmen zu und erhöhten sich von 0,32 auf 0,40 Fälle je 1000 Krankenhausaufnahmen, was einem Anstieg um 16,7 Prozent entspricht.
Die Autoren betonen allerdings, dass die Studie lediglich Zusammenhänge beschreiben kann. Aufgrund des Beobachtungsdesigns lasse sich nicht beweisen, dass die Teillegalisierung selbst die Ursache für die höheren Fallzahlen sei. Als mögliche Erklärung diskutieren sie unter anderem die deutlich erleichterte Verfügbarkeit hochpotenter Medizinalcannabisprodukte. Seit Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz gestrichen wurde, könnten Ärztinnen und Ärzte Medizinalcannabis wesentlich einfacher verordnen. Ob dieser Faktor tatsächlich für den beobachteten Anstieg verantwortlich ist, wurde in der Studie jedoch nicht untersucht und bleibt eine Hypothese.
Gegenüber dem Science Media Center bewertet Professor Dr. Alkomiet Hasan, Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Augsburg, die Methodik der Untersuchung ausdrücklich positiv. Die Autoren hätten auf belastbare Routinedaten zurückgegriffen. Zwar lasse das Studiendesign keine kausalen Schlussfolgerungen zu, es liefere jedoch »deutliche Hinweise auf einen Zusammenhang mit der Legalisierung«. Mögliche Verzerrungen wie einen Detection Bias – also eine häufigere Erfassung von Cannabiskonsum aufgrund der öffentlichen Debatte – könnten nach seiner Einschätzung den gesamten beobachteten Anstieg nicht erklären.
Hasan sieht die Ergebnisse deshalb als erwartbares Warnsignal. »Wir kennen ähnliche Entwicklungen aus anderen Ländern, und vor allem der Sachverhalt, dass in Deutschland Medizinalcannabis oft als Freizeitcannabis verwendet wird, fördert diese Entwicklung. Wir wissen, dass je höher der THC-Gehalt ist, desto höher ist das Risiko für psychische Folgereaktionen und Erkrankungen, vor allem Intoxikationen, Psychosen, Angstzustände und Suizidalität. Medizinalcannabis enthält oft viel mehr THC als das ›Straßencannabis‹.«
Das wichtigste Ergebnis ist für Hasan, dass ein Signal bereits nach zwei Jahren zu erkennen ist. Auch wenn die absoluten Fallzahlen zunächst moderat wirkten, könnten daraus langfristig erhebliche gesundheitliche und gesellschaftliche Folgen entstehen.
Gleichzeitig mahnt der Psychiater zur Differenzierung. Cannabis habe als Arzneimittel bei bestimmten Indikationen einen therapeutischen Stellenwert. Problematisch sei jedoch die Nutzung von Medizinalcannabis zu Freizeitzwecken über Online-Rezepte ohne ausreichenden ärztlichen Kontakt. Zugleich kritisiert Hasan, dass begleitende Präventionsprogramme bislang nicht in ausreichendem Umfang umgesetzt worden seien.