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Cannabis

Mehr als THC

Cannabis bleibt auch zweieinhalb Jahre nach Beginn der Verschreibungsfähigkeit der Droge und aus ihr abgeleiteter Zubereitungen für die Therapie schwer kranker Patienten ein Brennpunktthema. Ein Grund: Die Droge enthält neben THC eine Reihe weiterer interessanter Inhaltsstoffe.
Theo Dingermann
03.09.2019
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Vieles im Umgang mit medizinalem Cannabis ist heute Routine, doch einige Schwerpunkte rund um das Thema Cannabis beginnen sich zu verlagern. Ein Blick geht in die Länder, in denen Cannabis bereits heute als Genussmittel konsumiert werden kann, etwa in einzelne Staaten in den USA und Kanada. Dort zeigt sich bereits jetzt, wie sich Geschäftsfantasien entwickeln, die auch Deutschland in absehbarer Zukunft erreichen werden.

»Das ist nicht unser Ansatz«, sagt Apothekerin Astrid Staffeldt, Gründungsmitglied und stellvertretende Vorsitzende des Verbands der Cannabis versorgenden Apotheken (VCA) im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. »Unser Ziel ist es, in Deutschland eine effiziente und bezahlbare Versorgung von Patienten mit medizinischem Cannabis sicherzustellen. Hier sind Arzneimittelexperten, sprich Apothekerinnen und Apotheker, gefragt.«

Auf dem inzwischen immer stärker florierenden Markt mit Cannabis-Produkten fallen vor allem solche auf, die exklusiv Cannabidiol (CBD) enthalten, das nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterliegt, aber dennoch nicht harmlos zu sein scheint. »CBD scheint ein interessantes Wirkspektrum zu entfalten«, so Staffeldt. »Allerdings sind CBD-Präparate für den medizinischen Einsatz verschreibungspflichtig. Und in Nahrungsergänzungsmitteln sollten sie derzeit in Deutschland noch keine Rolle spielen, da CBD als Novel Food gelistet ist.« Die Novel-Food-Verordnung schreibt vor, dass als neuartig eingestufte Lebensmittel zunächst ein Zulassungsverfahren durchlaufen müssen.

Dennoch werben bedeutende Firmen mit CBD-haltigen Ölen, die als Nahrungsergänzungsmittel (NEM) angeboten werden, und das verunsichert. »Hier wird der zweite Schritt vor dem ersten gemacht«, so Staffeldt. Statt sauber wissenschaftlich das therapeutische Potenzial von CBD auch mit Blick auf ein Nutzen/Risiko-Verhältnis zu erforschen, werde massiv geworben und Produkte unterschiedlichster Qualität über unregulierte Vertriebswege angeboten. »Die VCA-Mitglieder stehen für eine klare Abgrenzung zwischen den unterschiedlichen Produktgruppen Arzneimittel (Patient) und Lebensmittel (Konsument) – gerade auch bezüglich der Kostenübernahme durch Krankenkassen«, so Staffeldt weiter. »Das steigende Angebot und die häufig therapeutisch ausgelobte Bewerbung von NEM auf CBD-Basis birgt die ernst zu nehmende Gefahr, dass Patienten falsch versorgt werden. Genau hier können wir mit unserer Kompetenz in der Apotheke Patienten sinnvoll, individuell und wirtschaftlich versorgen.«

Entourage-Effekt

Ignorieren sollte man die sich andeutenden Entwicklungstendenzen daher nicht. Das Thema Cannabis wird komplizierter, auch im Bereich des Medizinal-Cannabis. Der Begriff »Entourage-Effekt« macht die Runde. Darunter versteht man Effekte, die ein Pflanzenstoffgemisch im Vergleich zu den isolierte Wirksubstanz THC und CBD zusätzlich haben sollen. Vor allem Terpene stehen hier im Zentrum des Interesses. Die Kombination verschiedener Cannabinoide mit verschiedenen Terpenmustern sollen ganz unterschiedlich Wirkmuster ergeben. Dies rückt die Cannabis-Züchtung noch stärker als bisher in den Fokus, und auf einschlägigen Foren kann man erfahren, wie von bestimmten Sorten geschwärmt wird – und das offensichtlich zu Recht.

»Ich erachte den Beitrag der Terpene für eine individualisierte Cannabis-Wirkung als extrem wichtig«, so Staffeldt. »Wir haben einen großen Erfahrungsschatz, der uns ganz klar zeigt, wie unterschiedlich einzelne Cannabissorten bei bestimmten Indikationen, aber auch bei einzelnen Patienten wirken.« Das könne wahrscheinlich einerseits nur an weiteren, bisher noch zu wenig beachteten Cannabis-Inhaltsstoffen, andererseits an einer individuellen Prädisposition der Patienten (etwa Genetik oder Stoffwechsel) liegen. »Die Terpene sind heute von besonderer Bedeutung. Aus diesem Grund würden wir als Cannabis-versorgende Apotheker es sehr begrüßen, wenn hier zukünftig deutlich systematischer geforscht würde.« Dann könnten möglicherweise lange Einstellungs- und Erprobungsphasen verkürzt werden. »Hier ist der VCA die verbindende Plattform aller Beteiligten, um Wissen, Können und Wollen zu bündeln«, sagt Staffeldt abschließend.

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