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Operation Adlerauge

Datum 18.02.2002  00:00 Uhr

Operation Adlerauge

von Elke Wolf, Rödermark

In Günther Jauchs Stern TV war ein Millionenpublikum vergangenes Jahr live dabei: Vor laufenden Kameras laserte Professor Dr. Michael Knorz vom Augenklinikum Mannheim einer Freiwilligen die Kurzsichtigkeit von minus 5 Dioptrien einfach weg. Die Patientin ging ohne Brille nach Hause. Was ist dran, an dieser Lasertechnologie mit Namen LASIK, die Brillen- und Kontaktlinsenmüden das Ende der Sehhilfe verspricht? Perfektes Sehen für jedermann? Oder sind die Risiken doch größer als allgemein angenommen?

In den letzten Jahrzehnten hat sich in der Augenheilkunde ein völlig neuer Bereich aufgetan: die refraktive Chirurgie. Dabei wird während einer Operation der individuelle Brechkraftfehler so korrigiert, dass die Lichtstrahlen oder Bilder möglichst ohne zusätzliche optische Hilfsmittel scharf auf der Netzhaut abgebildet werden. Einer der bekanntesten Pioniere auf diesem Gebiet war der Kolumbianer José Barraquer (1916 - 1998). Seine Idee: die Hornhaut "reshapen", um die Brechkraft des Auges zu optimieren. So ist beispielsweise beim Kurzsichtigen die Brechkraft dieser durchsichtigen Umkleidung des Auges dem zu lang gebauten Augapfel nicht angepasst: Die Bilder im Brennpunkt der Linse gelangen nicht genau auf, sondern vor die Netzhaut und werden nur verschwommen wahrgenommen. Barraquers Arbeit legte den Grundstein für das moderne LASIK-Verfahren - die Abkürzung steht für Laser in situ Keratomileusis.

Bei der zuerst entwickelten Photoablativen Refraktiven Keratektomie (PRK) schleift ein so genannter Excimer-Laser die oberste Hornhautschicht ab. Beim schonenderen LASIK-Verfahren verschafft ein spezieller Hobel Zugang zu der aus 300 Lamellen geschichteten Hornhaut. Er fräst eine Art Deckhäutchen ab, das sich nach der Behandlung innerhalb kurzer Zeit neu bildet. Damit kombiniert die LASIK-Methode die von Barraquer angeregte Schnitttechnik (Keratomileusis) mit der Lasertechnik (PRK). Wie läuft die Operation genau ab?

Fünfminütige Präzisionsarbeit

Ein Saugring fixiert das Sehorgan des Patienten, nachdem dieses mit Lokalanästhetika schmerzfrei getropft wurde. Unterdruck versteift das Auge. Ein Blinzeln während der Operation ist somit ausgeschlossen. Dann kommt der computergesteuerte Hornhauthobel zum Einsatz, um an das Innere der Hornhaut zu gelangen. Präzise fräst das Mikrokeratom-Messer ein dünnes Scheibchen der Hornhaut ein, das der Operateur wie ein Buchdeckel zur Seite klappen kann. Hier befinden sich nur wenige Schmerzrezeptoren, so dass der Eingriff annähernd schmerzfrei vonstatten geht.

Jetzt hat der Excimer-Laser freie Bahn: Er kann die tiefer liegenden Gewebeschichten modellieren - nach Vorgaben, die zuvor in den Computer eingegeben wurden. Bis zu 0,15 Millimeter dampft der Laser an Hornhaut weg. Danach klappt der Operateur die Hornhautlamelle wieder zurück und drückt sie an. Diese saugt sich von selbst fest und muss nicht angenäht werden. Der ambulante Eingriff ist beendet - nach ganzen fünf Minuten. Nach einer kurzen Ruhephase kann der Patient nach Hause gehen. In der Regel werden beide Augen an zwei aufeinander folgenden Tagen operiert, auf Wunsch aber auch in einer Sitzung.

Vor der eigentlichen Operation steht eine ausführliche augenärztliche Untersuchung, bei der sämtliche Daten erhoben werden, die der Laser braucht, um exakt fräsen zu können. "Der Laser braucht die genaue Brechkraft, die Dicke der Hornhaut und den Durchmesser der Pupille im Hellen und im Dunkeln, damit man bestimmen kann, wie groß der zu behandelnde Bereich ist. Mit Hilfe eines Computers wird ein exaktes Oberflächenbild der Hornhaut aufgezeichnet, eine Topographie. Die Daten speichert der Computer, der den Laser steuert und die Hornhaut individuell zurecht dampft. Die Voruntersuchung ist also genauso wichtig wie der Laser-Eingriff selbst", sagt Professor Dr. Michael Knorz.

Der Vorteil der LASIK-Methode gegenüber dem schon länger bekannten PRK-Verfahren besteht darin, dass die Oberfläche der Hornhaut nicht zerstört wird. Daher ist die Narbenbildung nach der LASIK deutlich geringer als nach der PRK und schmerzärmer. Vermeidet man für ein paar Tage, das Auge zu reiben, hat das Hornhauthäutchen Zeit, zu regenerieren und wieder anzuwachsen. Die Hornhautoberfläche ist mit der Haut vergleichbar. Eine große Abschürfung der Haut ist wesentlich schmerzhafter und hinterlässt eine größere Narbe als eine kleine Schnittwunde.

LASIK taugt nicht für jeden

"Primär ist die LASIK -Methode für Kurzsichtige mit einer Sehschwäche von minus 1 bis maximal minus 10 Dioptrien geeignet. Zweites Anwendungsgebiet ist die Weitsichtigkeit von plus 1 bis plus 3 Dioptrien. Hinzu kommen kann ein Astigmatismus, eine Hornhautverkrümmung, bis maximal 3 Dioptrien", informiert Knorz. Zu bedenken sei, dass das LASIK-Verfahren nicht für die Altersweitsichtigkeit geeignet ist. Wer eine Lesebrille brauche, müsse diese auch nach der Operation noch tragen. Knorz macht darauf aufmerksam, dass die Sehschwäche konstant sein muss; sie darf sich nicht kontinuierlich verschlechtern. "Dabei geht es nicht um ein halbes Dioptrien. 0,5 Dioptrien mehr oder weniger beim halbjährlichen Augenarztbesuch sind völlig normal. Das Auge ist ein lebendes Gewebe und kann sich nicht konstanter einstellen." Nicht geeignet ist die Methode außerdem für Fehlsichtige, deren Netzhaut durch Rheuma, Diabetes, Grauen oder Grünen Star angegriffen ist. Auch für junge Leute, bei denen der Augapfel noch wächst, kommt LASIK nicht in Frage.

Obwohl Langzeituntersuchungen noch ausstehen, bekam das Verfahren seinen offiziellen Segen. Bis zu einer Kurzsichtigkeit von minus zehn Dioptrien stellt LASIK ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren dar, urteilen der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands, die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft wie auch die amerikanische FDA. Dennoch: Wer mit seiner Brille oder den Kontaktlinsen gut zurecht kommt, sollte aufs Lasern verzichten. Je stärker die Fehlsichtigkeit, desto größer ist das Risiko, einen Rest von Kurzsichtigkeit zu behalten. Die besten Operationsergebnisse erzielen Ophthalmologen bei einer Kurzsichtigkeit bis minus 5 Dioptrien. Dann ist eine Fernbrille meist nicht mehr nötig. Nachoperationen sind möglich.

 

Qualität ist das beste Rezept

Der Operateur sollte auf der LASIK-Anwenderliste des Berufsverbandes der Augenärzte stehen. Eine Liste ist unter augeninfo.de zu finden. Oder telefonisch beim Berufsverband der Augenärzte in Düsseldorf, Tel.: 0211/4303700.

 

Heute liegt die Komplikationsrate unter 1 Prozent. Das war vor wenigen Jahren noch anders. Was hat sich getan? Die Veränderung habe sich auf zweierlei Ebenen vollzogen, meint Knorz. "Zum einen ist die Technik, die Hardware, besser geworden. So fräst der Laser genauer, und die Maschinen, die das Hornhautläppchen schneiden, die Mikrokeratome, arbeiten viel exakter als früher. Zum anderen ist die Patientenauswahl durch eine enge Qualitätssicherung strikter geworden. Wir haben heute das Wissen, Risikopatienten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auszuschließen. Dementsprechend ist die Komplikationsrate natürlich drastisch gesunken. Wir in Mannheim lehnen etwa 30 Prozent der Leute ab, die sich bei uns vorstellen."

Trotzdem kommt es ab und an zu Komplikationen, die zumeist Heilungsstörungen sind, erklärt der Fachmann aus Mannheim. "Normalerweise ist es bei der LASIK-Methode so, dass man bereits wenige Stunden nach der Operation beschwerdefrei gut sieht. Es gibt aber auch seltene Fälle, bei denen der Schnitt nicht richtig verheilt: Seien es Entzündungen, Infektionen, Verletzungen der Hornhautoberfläche, oder dass die geschnittene Lamelle etwas unregelmäßig ist. In diesen Fällen braucht die Heilung länger: Statt zwei bis drei Stunden vielleicht ein bis vier Wochen. Aber auch dann ist die Sache ausgestanden. Bei der Komplikationsrate unter 1 Prozent ist nicht eine bleibende Verschlechterung der Sehfähigkeit gemeint. Diese Quote ist noch niedriger."

Was meint Knorz zu dem Vorwurf, dass Auftritte wie in Stern TV bei den Menschen den Eindruck fördern, LASIK sei eine harmlose Sache und gar keine richtige Operation? "Ehrlich gesagt wollen wir genau diese Botschaft rüberbringen. Das Handwerkliche ist heute kein Problem mehr; die Komplikationsrate ist minimal. Die LASIK-Methode hat nur ein einziges Problem: Dass sie bei vielen Patienten angewandt wird, für die sie gar nicht geeignet ist. Das ist besonders in den USA der Fall. Dort lassen sich jährlich 2 Millionen lasern. In Deutschland ist es besser. Hier haben wir seit 1995 eine strikte Qualitätskontrolle unseres Berufsverbandes, die den Augenärzten streng vorschreibt für wen und wann die Methode geeignet ist. Deswegen gibt es hier im Vergleich zu den USA bestimmte Nebenwirkungen gar nicht. In den USA ist man erst jetzt aufgewacht und hat Richtlinien dahingehend geschaffen. Wir haben dagegen rechtzeitig vorgebeugt."

Bislang haben sich laut Knorz rund 150.000 bis 200.000 Menschen in Deutschland nach dem LASIK-Verfahren lasern lassen. Er betrachtet den Eingriff als Service, Lifestyle oder funktionelle Operation. "Es geht um eine Verbesserung der Lebensqualität, nicht so sehr um besseres Aussehen. Es ist die Lebensqualität, die steigt: Nach der Operation kann man tauchen, springen, Ski fahren. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Ich selbst war Brillenträger und bin vor drei Jahren operiert worden. Es ist ein ganz anderes Leben."

Ist LASIK Lifestyle? So sehen es auch die Krankenkassen. Wer sich die Augen auf Normalsicht lasern lässt, muss selbst in die Tasche greifen, und zwischen 2000 und 2500 Euro pro Auge bezahlen. Knorz stimmt zu: "Die Kosten dürfen nicht zu Lasten der Allgemeinheit gehen. Wir haben es hier nicht mit einer Krankheit, sondern mit einer Funktionsveränderung zu tun."

 

LASIK - Pro und Contra

Pro: LASIK ist eine sinnvolle Alternative zu herkömmlichen Hilfsmitteln. Kein Rutschen der Brille, kein eingeschränktes Blickfeld, keine tränenden Augen oder Unverträglichkeitsreaktionen durch Kontaktlinsen. Die Komplikationsrate liegt unter 1 Prozent. Die Mehrheit der Patienten kommt nach der Operation ohne Hilfsmittel aus.

Contra: Ein operativer Eingriff ist immer mit Risiken verbunden. Wer mit Brille oder Kontaktlinsen gut sieht und sie gut verträgt, sollte auf einen operativen Eingriff verzichten. Die Brille ist von allen optischen Korrekturmitteln die einfachste. Die Kontaktlinse, besonders die harte, ist die optisch beste Korrektur einer Fehlsichtigkeit.

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