Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Biotech Act
-
Macht sich Europa zu klein?

Sie gilt als zu bürokratisch, zu langsam und zu abhängig von den USA und China. So oder ähnlich lautet das Bild, das viele von der Europäischen Union haben. Doch Europa hat auch kluge Köpfe, viel Expertise und einen großen Markt zu bieten, was es für viele Unternehmen attraktiv macht. Eins aber fehlt noch.
AutorKontaktAlexandra Amanatidou
Datum 03.07.2026  14:30 Uhr

Zwischen Lob und Kritik bewegte sich die gestrige Veranstaltung von Tagesspiegel Health4EU. Besonders diskutiert wurde der Biotech Act. Mit diesem Gesetzespaket will die EU ihre Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft im Bereich der Biotechnologie stärken und die Markteinführung biotechnologischer Produkte und Therapien beschleunigen.

»Der Biotech Act ist ein gutes Signal an die Industrie. Er zeigt, dass Europa wettbewerbsfähiger werden möchte«, sagte Christian Thams vom Pharmaunternehmen Johnson & Johnson. Seiner Meinung nach müsse der Plan dennoch ambitionierter sein. »Wenn die EU mehr Investitionen von Unternehmen möchte, ist die Umsetzung des Gesetzes ein zentrales Element.«

Tatsächlich ist der Biotechnologie-Rechtsakt nämlich noch nicht in Kraft getreten. Im Dezember 2025 hat die Europäische Kommission einen umfassenden Entwurf des Biotechnologiegesetzes vorgelegt. Das Gesetzgebungsverfahren läuft derzeit, und der Entwurf wird von verschiedenen Interessenverbänden diskutiert und überarbeitet.

Europa ist »ein starker Markt«

Ein weiteres Problem sieht Thomas Van Cangh von der Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (GD Sante) der EU: »Die Erfolgsquote in der Biotechnologie ist gering, und Investitionen in diesem Bereich sind kostspielig.« Deshalb seien Finanzinstrumente, die Unternehmen Kredite mit möglichst geringem Risiko ermöglichen, sehr wichtig.

Zwar bieten die EU und die Europäische Investitionsbank bereits solche Kredite an, doch es ist nach wie vor schwierig, Unternehmen zu Investitionen zu bewegen. Einen Grund machte die Diskussionsrunde in der Tatsache aus, dass Forschung und Markt zu stark voneinander entkoppelt seien.

Veronika von Messling vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) ist der Meinung, dass modellbasierte Forschung ein Gamechanger sein könnte. Dabei handelt es sich um einen methodischen Ansatz, bei dem abstrakte, oft mathematische oder computergestützte Modelle anstelle von physischen Prototypen oder textbasierten Dokumenten im Mittelpunkt stehen. »Somit sinken die Kosten und der Zeitaufwand«, sagte die Expertin.

Die Europäische Union sollte für die Runde auch aus anderen Gründen attraktiv für internationale Unternehmen sein. »Wir verfügen über die beste Wissenschaft und die besten Wissenschaftler und können somit wettbewerbsfähig sein«, lobte Van Cangh. Auch dass der Zugang zu Gesundheit ein Grundrecht für EU-Bürgerinnen und Bürger ist, sieht Messling als Vorteil. »Das ist ein starker Markt, den man nicht unterschätzen sollte. Er bietet Planungssicherheit, denn das Produkt wird sich verkaufen lassen, da es Teil des Marktes in diesen Ländern sein wird.« Dennoch warnt Van Cangh davor, das Momentum zu verpassen: »Wir müssen jetzt handeln, denn wir können nicht tatenlos zusehen, wie uns Biotechnologie entgleitet.«

Die Pläne des irischen Ratsvorsitzes im Gesundheitsbereich

Auch der EU-Ratsvorsitz, den Irland seit Anfang des Monats innehat, wurde gestern Abend mit hochrangigen Gästen thematisiert. Der Vorsitz im Rat der Europäischen Union wechselt alle sechs Monate turnusmäßig zwischen den EU-Mitgliedstaaten. Zuvor hatte Zypern den Vorsitz inne.

Irland möchte seinen Vorsitz auf drei Säulen aufbauen: Wettbewerbsfähigkeit, Werte und Sicherheit. Wie Muiris O’Connor, der stellvertretende Staatssekretär des irischen Gesundheitsministeriums, erklärte, soll auch Gesundheit eine Rolle spielen. »Eine gesunde Bevölkerung ist wirtschaftlich und gesellschaftlich aktiver.« In turbulenten Zeiten wie diesen sei es wichtig, dass Europa schnell, strategisch und geschlossen reagiere. »Als kleines Land sind wir uns bewusst, dass wir bezahlbare Medikamente benötigen und den Zugang zur Gesundheitsversorgung sicherstellen müssen.« Er plädierte dafür, Resilienz und Innovation zusammenzudenken.

Georg Kippels (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, sagte seinem irischen Amtskollegen seine Unterstützung zu und begrüßte das Vorhaben, die Resilienz Europas zu stärken. »Zusammen können wir die Bürokratie abbauen und Europa attraktiver machen«, sagte Kippels. Er lobte das Gesetzespaket Critical Medicines Act (CMA), das die Versorgungssicherheit mit unentbehrlichen Medikamenten (zum Beispiel Antibiotika, Insulin) garantieren und Lieferengpässe verhindern soll.

Kippels setzt auf Zusammenarbeit

Mit Blick auf mögliche Krisensituationen, Bioterrorismus und weitere Virenausbrüche plädierte er zudem für eine engere Zusammenarbeit zwischen den EU-Staaten. »Der aktuelle Ebola-Ausbruch zeigt uns, dass Viren keine Grenzen kennen. Zwar sind wir nicht direkt betroffen, doch jetzt sind Unterstützung und Solidarität gefragt.« Auch Florika Fink-Hooijer, die Generaldirektorin für Gesundheitsnotfallvorsorge und -reaktion (HERA) der Europäischen Kommission, betonte, dass Resilienz nicht erst in einer Krise entstehen sollte, sondern bereits im Voraus aufgebaut sein muss.

Es gibt jedoch auch Erfolge und Erkenntnisse aus der Corona-Pandemie, die jetzt umgesetzt werden. Fink-Hooijer nannte das Management beim Hantavirus als positives Beispiel. Die EU habe sich dabei an Japan gewandt und um Hilfe gebeten. Alles lief, ohne dass die Öffentlichkeit alarmiert wurde. Zudem waren klare Empfehlungen verfügbar, was die Situation erleichterte. Auch beim Ebola-Ausbruch seien die Strukturen und die Koordination besser als in der Vergangenheit.

Corona-Strategie als Mutmacher

»Die Corona-Pandemie hat unser Potenzial aufgezeigt. Sie hat uns Mut gemacht, was wir auf EU-Ebene erreichen können«, sagte O’Connor. Für ihn sei es jetzt wichtig, dass Europa eine »open strategic autonomy« habe. Dieses Konzept beschreibt das Bestreben der Europäischen Union, in kritischen Bereichen handlungsfähig und unabhängig zu sein, während sie weiterhin auf den freien Welthandel und internationale Partnerschaften setzt. »Forschung und Entwicklung können niemals nur an einem Ort stattfinden, sondern erfordern einen globalen, widerstandsfähigen Ansatz und eine gute Zusammenarbeit«, stimmte Fink-Hooijer zu.

Die Veranstaltung wurde vom Industrieverband Pharma Deutschland mit organisiert. Auch Geschäftsführerin Dorothee Brakmann war vor Ort. Sie warnte davor, dass Europa zahlreichen Herausforderungen gegenübersteht, darunter dem Wettbewerb aus China im Generikabereich und aus den USA im Innovationsbereich. Gleichzeitig lobte sie die EU dafür, dass sie Maßnahmen ergreift, um im medizinischen Bereich unabhängiger zu werden.

Mehr von Avoxa