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Pharmazeutische Dienstleistungen

Maag will Angebote sehen

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag, Karin Maag (CDU), will die Apotheker dabei unterstützen, neue pharmazeutische Dienstleistungen zu etablieren. Dazu müsse der Berufsstand nun jedoch endlich Ideen liefern, wie er künftig sein Geld verdienen möchte.
Christina Müller
Ev Tebroke
18.12.2019
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PZ: Gibt es schon Neuigkeiten aus Brüssel bezüglich des Apotheken-Stärkungsgesetzes (VOASG)?

Maag: Nein, bisher nicht. Aber inzwischen hat die Kommission ihre Arbeit aufgenommen und ich gehe davon aus, dass sie das VOASG zeitnah kommentieren wird. Vielleicht kommt schon im Januar eine Reaktion aus Brüssel. Ich wünsche mir natürlich ein klares positives Votum. Auch, wenn das natürlich noch nicht bedeutet, dass die Inhalte dann automatisch in trockenen Tüchern wären.

PZ: Was, wenn die Kommission den Entwurf kritisch sieht?

Maag: Dann müssen wir uns anschauen, was genau die Kommission bemängelt und ob wir nachbessern können. Alles andere sehen wir dann.

PZ: Können Sie sich vorstellen, auch das Honorar für neue pharmazeutische Dienstleistungen und das Makelverbot aus dem VOASG auszulagern, wie es zum Beispiel mit den Anpassungen für den Botendienst der Offizinen und den Modellversuchen zur Grippeimpfung in den Apotheken geschehen ist?

Maag: Wir haben bereits einen ziemlich großen Teil der apothekenrelevanten Regelungen abgekoppelt und ja mit der Änderung in der Apothekenbetriebsordnung und der Arzneimittelpreisverordnung einiges geregelt, so beispielsweise schon die Zuschläge für die Notdienste erhöht. Das Gesetz jetzt ohne Not vollständig zu zerlegen, halte ich nicht für sinnvoll.

PZ: Aktuell sind die Apotheken wirtschaftlich noch unmittelbar abhängig vom Rx-Geschäft. Wie müssen sich der Sektor und die Honorarstruktur wandeln, um lang- und mittelfristig bestehen zu können?

Maag: Die Apotheker müssen selbst die Ideen liefern, wie sie in Zukunft Geld verdienen wollen. Die zentrale Frage wird sein, wie sie den Kundenkontakt in der Apotheke halten und Patienten versorgen können. Natürlich überlegen wir, was wir machen können und haben dabei zum Beispiel die Chroniker-Versorgung im Blick. Mit der Einführung der Wiederholungsverordnungen werden sich größere Lücken zwischen den Arztbesuchen auftun. Da könnten sich vonseiten des Patienten schon mal Fragen ergeben. Unsere Apotheker sind durch ihr Studium sehr gut ausgebildet und leisten gute Arbeit. Sie können mehr, als sich im Krieg mit den Rabattverträgen aufzureiben. Aber wie die Präsenzapotheke der Zukunft aussehen soll, muss der Berufsstand erarbeiten.

PZ: Die ABDA möchte derzeit mit dem Thema pharmazeutische Dienstleistungen nicht an die Öffentlichkeit, weil sie fürchtet, die Krankenkassen könnten sich schon vor Beginn der Verhandlungen die Rosinen herauspicken. Verstehen Sie diese Sorge?

Maag: Ich diskutiere nicht mit der ABDA über ihre Verhandlungsposition beim GKV-Spitzenverband. Für mich zählt nur das Ergebnis, und da hoffe ich auf eine breite Palette an Angeboten. Irgendwann muss man seine Vorschläge auch mal ins Haifischbecken werfen, wo sie selbstverständlich angegriffen werden können. Wir hören uns die Argumente beider Seiten an und werden sie bewerten – je früher, desto besser. Ein konstruktives Mitwirken der ABDA ist jedenfalls für ein gutes Reformpaket wichtig.

PZ: Künftig sollen auch Apotheker im Modellversuch gegen Grippe impfen dürfen. Nicht alle Apotheker freuen sich über diese Möglichkeit. Können Sie Ihre Bedenken verstehen?

Maag: Eher auf der politischen Ebene – die Apotheker fürchten, dass vonseiten der Ärzte eine Reaktion kommt, wenn sie das Gefühl haben, ihnen würde etwas weggenommen. Ich wünsche mir jedenfalls, dass die Apotheker diese Chance ergreifen und zugunsten der Patienten offen an das Thema herangehen.

PZ: Das Modellprojekt ARMIN läuft 2022 aus. Gibt es bereits Pläne, die gesetzlichen Grundlagen zu schaffen, um den Weg in die Regelversorgung zu ebnen?

Maag: ARMIN wird sich zunächst der Bewertung aller Beteiligten stellen müssen. Fällt sie positiv aus, spricht absolut nichts dagegen, das Modell in die Regelversorgung zu überführen.

PZ: Planen Sie, die Apotheker einzubinden und entsprechend zu honorieren, wenn der Medikationsplan in elektronischer Form kommt?

Maag: Im Moment steht das nicht auf unserer Agenda. Wir müssen zudem auch bedenken, dass bei dieser Aufgabe perspektivisch vieles der Computer übernehmen kann. Ich halte das nicht für eine zukunftsträchtige Option für die Apotheker.

PZ: Die Einführung des E-Rezepts steht im kommenden Jahr an. Ist das eher eine Chance oder ein Risiko für die Präsenzapotheken?

Maag: Für mich ist es eher eine Chance, auch wenn die Apotheker das Makeln fürchten. Da sehen wir mit dem VOASG ja auch weitere Vorkehrungen vor. Klar ist: Der Patient entscheidet, in welcher Apotheke er es einlöst.

PZ: Der Deutsche Apothekerverband hat eine Web-App entwickelt mit dem Ziel, die Übertragung wettbewerbsneutral zu halten. Ist das der richtige Ansatz?

Maag: Es ist gut, dass die Apotheker auf den Digitalisierungs-Zug aufspringen und eine Lösung entwickeln, die für den Patienten bequem ist. Die Web-App scheint nach ersten Ergebnissen aus dem Betrieb auch eine gute Lösung zu sein, private Varianten neben dem ABDA-Modell sehe ich jedenfalls nicht.

PZ: Angesichts der Lieferengpass-Problematik haben Sie in Ihrem Positionspapier die Exklusivverträge kritisiert. In den Änderungsanträgen zum Fairer-Kassenwettbewerb-Gesetz taucht dieser Punkt bislang nicht auf. Beharren Sie auf einer Mehrfachvergabe?

Maag: Wir wollen die Anhörung abwarten, bevor wir uns zum Thema Exklusivverträge abschließend positionieren. Aber sicher tragen sie nicht dazu bei, die Arzneimittelversorgung breit aufzustellen. Worauf ich vor allem setze, sind die erweiterten Abgabemöglichkeiten für die Apotheker nach 24 Stunden, wie in den Änderungsanträgen vorgesehen. Die Kassen haben bestimmt kein Interesse daran, dass regelmäßig nach 24 Stunden ihr Rabattvertrag nicht mehr greift. Vielleicht ist das schon Druckmittel genug, damit einige Kassen von ihrem starren Rabattkorsett Abstand nehmen.

PZ: Was halten Sie von der Idee des GKV-Spitzenverbands, Apothekern den Mehraufwand, der ihnen aufgrund von Lieferengpässen entsteht, zu vergüten?

Maag: Davon halte ich nichts. Die Verträge schließen die Hersteller mit den Kassen. In einigen davon sind Vertragsstrafen für die Pharmafirmen vorgesehen. Es muss doch darum gehen, wie der Patient möglichst schnell und sicher sein Medikament bekommt. Dabei bringen uns Vertragsstrafen nicht weiter. Und die Apotheker wollen wir für ihren Aufwand bei Lieferengpässen nicht entschädigen, sondern diesen unnötigen Aufwand verhindern. Ich sehe, dass diejenigen, die vorne im HV stehen und allen im System Antworten liefern müssen, überlastet sind. Das müssen wir ändern.

PZ: Wie kann es gelingen, die Arzneimittelproduktion wieder nach Europa zu holen?

Maag: Sowas können wir nicht im Sozialrecht regeln. Das ist ein Thema für das Wirtschaftsministerium, das vom Bundesministerium für Gesundheit dort bereits angestoßen wurde. Wir würden zum Beispiel gerne über die Bedingungen in Ausschreibungen sprechen und über die Frage, wie man den Standort Europa im Sinn des Vergaberechts attraktiver machen kann. Es ist wichtig, das Problem mit den Lieferengpässen auch auf europäischer Ebene anzugehen und sich nicht auf Deutschland zu beschränken.

PZ: Im Jahr 2020 hat Deutschland von Juli bis Dezember die EU-Ratspräsidentschaft inne. Welche Erwartungen knüpfen Sie daran – und welche Erwartungen haben Sie überhaupt im Blick auf die neue EU-Kommission?

Maag: Ich hoffe, dass wir der EU-Kommission weiterhin verständlich machen können, dass das deutsche Gesundheitswesen ein besonderes System ist und sie diese Besonderheiten respektiert. Wir wollen in diesem Bereich kein offener Markt sein. Bei allem, was das SGB V regelt, sollte Europa außen vor sein. Es geht nicht darum, sich abzuschotten, die EU ist nicht unser Gegner. Aber es gibt bestimmte Bereiche, die auf nationaler Ebene gut geregelt sind. So hoffe ich beispielsweise, dass wir mit der neuen Kommission bald einen guten Kompromiss zum HTA-Verfahren hinbekommen. Nun haben wir im EU-Parlament einige Politiker sitzen, die das deutsche System gut kennen. Da wird sich in regelmäßigen Gesprächen sicher Verständnis schaffen lassen. Für die Ratspräsidentschaft muss für mich auch die Frage der Lieferfähigkeit von Arzneimitteln und die Stärkung europäischer Standorte für die pharmazeutische Industrie eine wichtige Rolle spielen.

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