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OTC-Gipfel

Letzte Instanz Apotheke

Im Juni veröffentlichte das Magazin »Stiftung Warentest« eine Bewertung, nach der jedes vierte rezeptfreie Medikament nicht empfehlenswert ist. Doch wie sinnvoll sind solche Publikationen und erschweren sie die Beratung in der Apotheke? Dieser Fragestellung widmete sich beim 7. OTC-Gipfel in Düsseldorf des Apothekerverbands Nordrhein am 7. November eine Expertenrunde.
Caroline Wendt
08.11.2019
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»OTC-Arzneimittel sind eine extrem heterogene Gruppe«, leitete Theo Dingermann, emeritierter Professor der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Chefredakteur der Pharmazeutischen Zeitung sein Impulsreferat zu Beginn der Veranstaltung ein. Die Bandbreite reiche von hoch-ethischen Produkten wie Schmerzmitteln oder Präparaten, die gerade erst aus der Verschreibungspflicht entlassen wurden, bis zu alternativen Therapierichtungen, Vitaminen oder Nahrungsergänzungsmitteln. Der Apotheker sei bei all diesen Präparaten meist die letzte Beratungsinstanz – oft sogar die einzige. Die individuelle Beratung der Kunden sei daher von großer Bedeutung. Doch müsse der Patient auch beratungswillig sein und nicht mit einer vorgefertigten Meinung in die Offizin kommen.

»Im Zentrum der Beratung sollte zudem nicht der Zulassungsstatus, sondern der Behandlungsanlass stehen«, betonte Dingermann. Präparate könne man nicht losgelöst vom Kunden bewerten, sondern der Apotheker müsse immer die individuelle Situation des Patienten im Auge behalten. »Das unterscheidet den sprechenden Apotheker vor Ort von dem, der nur Briefmarken auf ein Päckchen klebt«. Je nach Anlass könnten die unterschiedlichen OTC-Präparate ihre Berechtigung haben und alleine oder in Kombination mit verschreibungspflichtigen Medikamenten zum Einsatz kommen.

Der Nachweis der Wirksamkeit sei hierbei jedoch nur ein Kriterium, welchem Beachtung geschenkt werden sollte. »Man fällt leicht in Stereotype«, warnte der Pharmazeut. So sei es beispielsweise wichtig, nicht immer und nicht alle Kombinationspräparate zu verteufeln.

Sinnvoll ist nach Meinung Dingermanns eine apothekeninterne Arzneimittelkommission. Hier sollten mit dem gesamten pharmazeutischen Team Richtlinien für die eigene Apotheke erarbeitet werden. Hilfreich wäre dabei eine Experten-Datenbank, die für den Bereich der OTC-Arzneimittel abgestufte Handlungsempfehlungen aussprechen würde. »Die Apotheke würde dadurch noch mehr an Format gewinnen, Bestseller-Listen wie die der Stiftung Warentest würden dadurch überflüssig.«

Häufig keine Studien

Die Idee der apothekeninternen Arzneimittelkommission befürwortete auch Gerd Glaeske, Professor der Universität Bremen, der an den Arzneimittelbewertungen der Stiftung Warentest mitwirkt. Doch bemängelte er, dass nach wie vor 25 bis 30 Prozent der OTC-Präparate keine Studien oder Daten zu der Dosierung vorweisen können. Seine Bewertungen legten diesen Sachverhalt lediglich offen, berichtete er in der Diskussionsrunde. »Arzneimittel sollten aber alle eine bestimmte Qualität aufweisen«, so Glaeske. Nur das führe zu plausiblen Urteilen. »Die Apotheke ist unverzichtbar, wenn die Beratung der Patienten auf begründeten, im Vorfeld getroffenen Entscheidungen beruht«, stellte Glaeske klar.

Elmar Kroth, Geschäftsführer Wissenschaft des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BAH), gab jedoch zu bedenken, dass kein Patient wie der andere sei und somit auch ein Arzneimitteltest nicht allgemeingültig sein könne. »Medikamente sind keine Staubsauger, die man einfach so vergleichen kann«. Es sei immer auch die individuelle Situation des Patienten zu beachten. Der Apotheker müsse die passende Intervention herausfinden – was auch bedeuten könne, nichts zu verkaufen oder an einen Arzt zu verweisen.

Patient mit einbeziehen

Diese Lotsenfunktion unterstrich auch Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein. »Die Medien steuern die Bevölkerung, der Apotheker muss jedoch den Patienten durch den Dschungel der OTC-Arzneimittel navigieren«, so Preis.

Volker Runge, Sprecher »der Paritätische – Gesundheitsselbsthilfe NRW« ergänzte, dass sich viele Patienten durch Informationen aus Internet und Youtube der Beratung durch Arzt oder Apotheker entziehen würden. Eine gezielte Information sei jedoch wichtig, damit sich Patienten auf Augenhöhe mit Arzt und Apothekern unterhalten könnten.

Der Patient gehört mit einbezogen, darin waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig. »Wir sind nur Zuarbeiter für die Entscheidung des Patienten«, fasste Preis die Diskussion zusammen. Der Kapitän auf dem Schiff der Therapie bleibe der Patient. Bereits bestehenden Datenbanken wie die Internetseite Embryotox würden zeigen, dass die Patienten zwar informiert in die Apotheke kämen, aber dennoch die persönliche, anlassbezogene Beratung vor Ort wollten.

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