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Notfall Sepsis
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Kontrollverlust des Körpers

Eine Sepsis kann jeden treffen. Viele Patienten sterben daran und Überlebende leiden häufig an Langzeitschäden. Den Notfall Sepsis frühzeitig zu erkennen und den Notruf 112 zu wählen, kann Leben retten. Die Apotheke kann dazu beitragen, Sepsis zu verhindern – auch mit Impfangeboten.
AutorKontaktBarbara Staufenbiel
Datum 15.03.2026  08:00 Uhr

Eine Ursache und viele Risikofaktoren

Die Ursache einer Sepsis ist immer eine lokale Infektion durch Mikroorganismen: überwiegend gramnegative (Pseudomonaden) oder grampositive Bakterien (Staphylokokken), sodann Viren, Pilze wie Candida sowie Rickettsien und Protozoen. Die größte Rolle spielt die Pneumonie, gefolgt von gastrointestinalen, intraabdominellen und urogenitalen Infektionen. Auch Wund-, Weichteil- oder Hirnhautinfektionen können zugrunde liegen.

Ein erhöhtes Risiko haben alle Menschen mit einem belasteten Immunsystem, zum Beispiel aufgrund von Erkrankungen wie Diabetes, Nieren-, Leber-, Herz-Kreislauf- und Autoimmunerkrankungen oder HIV-Infektion, sowie Personen mit reduziertem Allgemeinzustand, nach größeren Verbrennungen oder großen Operationen. Gleiches gilt für Personen, die durch Drogensucht oder Obdachlosigkeit infektionsgefährdet sind. Menschen, die auf Dauerkatheter oder -infusionen angewiesen sind oder ein künstliches Gelenk tragen, sind einem erhöhten Sepsisrisiko ausgesetzt, da Erreger in diesen nicht durchbluteten Bereichen anhaften können.

Besonders Sepsis-gefährdet sind alle Menschen im Krankenhaus und vor allem auf Intensivstationen.

Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken (Chemotherapie, Corticosteroide, Immunsuppressiva), schwächen die Abwehrkraft. Apotheker können diese Patienten bei der Medikationsanalyse identifizieren und auf eine konsequente Behandlung von Infektionen gleich welcher Art hinweisen.

Personen, denen die Milz fehlt (Asplenie) oder bei denen deren Funktion verringert ist, haben ein deutlich eingeschränktes Immunsystem. Im Notfallausweis sind Indikationsimpfungen und Antibiotikaprophylaxe zusammengefasst. Sie können in der Apotheke besonders betreut werden.

Klinischer Verlauf

Das Immunsystem reagiert auf eine Infektion in der Regel gut koordiniert mit zunächst unspezifischer Abwehr (Entzündung, Phagozytose, Komplementsystem). Dabei werden etliche Botenstoffe sezerniert. Diese Zytokine aktivieren die spezifische Abwehr (T- und B-Lymphozyten) zur gezielten Bekämpfung des Erregers.

Zu Beginn der Infektion reagieren die Botenstoffe des Immunsystems proinflammatorisch; wird der Erreger vernichtet, kommen antiinflammatorische Komponenten zum Tragen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Interleukine, die sich auf die Regulation von Immunzellen spezialisiert haben.

Diese Balance wird gestört, wenn immer mehr proinflammatorische Botenstoffe sezerniert werden: Es kommt zu einem Zytokinsturm. Vor allem die Ausschüttung von Interleukin 3 (IL-3) scheint ein entscheidendes Signal zur Ausweitung der Entzündung zu sein. Das Immunsystem schafft es nicht, die Infektion zu eliminieren. So kann sich der Erreger über die Blutbahn im ganzen Körper ausbreiten. Es kommt zu einer systemischen Immunreaktion (systemic immune response syndrome, SIRS).

SIRS und systemische Infektion können in eine Sepsis münden. Reaktive Sauerstoffspezies werden gebildet, gefäßerweiterndes Stickstoffmonoxid (NO) wird vermehrt freigesetzt und gefäßverengendes Vasopressin gehemmt. Dadurch fällt der Blutdruck mitunter rapide ab. Die Durchblutung der Organe wird gestört mit der Folge einer Laktatazidose, Zellen sterben ab. Die inneren Organe werden nicht ausreichend mit Blut versorgt, was ihr Versagen auslöst. Das Gerinnungssystem entgleist, sodass sich neben einer erhöhten Blutungsneigung auch Mikrothromben bilden können. Ist es unter Volumenersatz und Therapie mit Vasopressoren schwierig, einen mittleren arteriellen Blutdruck von ≥65 mmHg aufrechtzuerhalten, und beträgt der Laktatwert >2 mmol/l, handelt es sich um einen septischen Schock.

Diese Prozesse können unterschiedlich schnell ablaufen. Von einer »galoppierenden« oder fulminanten Sepsis spricht man, wenn eine Infektion innerhalb von Stunden zu multiplem Organversagen führt.

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