Jede Infektion kann in eine Sepsis münden. Die ersten Anzeichen sind oft unspezifisch: Fieber, Luftnot, plötzlicher Blutdruckabfall oder -anstieg oder Verwirrtheit. / © Adobe Stock/Robert Kneschke
Sepsis ist immer ein Notfall: Mindestens 230.000 Menschen erkranken jährlich daran, etwa ein Drittel stirbt und 75 Prozent der Erkrankten kämpfen mit Langzeitfolgen. Sepsis ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Im Krankenhaus versterben doppelt so viele Menschen daran wie an Schlaganfall und Herzinfarkt zusammen.
Trotzdem ist die Sepsis mit ihren Folgen weitgehend unbekannt. Die Zahl der Fälle nimmt in den Industrienationen kontinuierlich zu. Dies hängt auch mit der Zunahme an resistenten Klinikkeimen und intensivierten Therapien (Dauerkatheter, Beatmung) zusammen.
Fälschlicherweise wird eine Sepsis mit einer Blutvergiftung gleichgesetzt, aber es handelt sich nicht um eine Vergiftung. Die aktuelle S3-Leitlinie »Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge« (Update 2025, AWMF-Reg.Nr. 079–001) definiert die Erkrankung als »eine akut lebensbedrohliche Organdysfunktion, hervorgerufen durch eine inadäquate Wirtsantwort auf eine Infektion«. Das heißt: Aufgrund einer Infektion gerät das Immunsystem außer Kontrolle, sodass es zu einer schweren Dysregulation und Organversagen mit möglicher Todesfolge kommen kann. Der lebensgefährliche septische Schock, eine Unterform der Sepsis, ist gekennzeichnet durch starken Blutdruckabfall.
Für das Überleben einer Sepsis oder eines septischen Schocks sind die frühzeitige Diagnosestellung und schnelle Therapie äußerst wichtig. Die Symptomatik ist oft heterogen und unspezifisch, da Zeichen der lokalen Infektion (Fieber, Husten) und eines beginnenden Organversagens (Verwirrtheit, Schwäche) zusammenkommen und es keine eindeutigen diagnostischen Kriterien wie beim Herzinfarkt (EKG, Troponin) gibt.
Während der Schwangerschaft, bei Neugeborenen, Säuglingen und Kleinkindern ist das Immunsystem besonders gefordert. Das Risiko bei Neugeborenen ist erhöht. Mit zunehmendem Alter (ab etwa 40 Jahren) steigt die Gefahr wieder an, eine Sepsis zu entwickeln. Dabei spielt die Immunseneszenz, das altersbedingte Nachlassen des Immunsystems, eine Rolle. Diese führt zu verminderter Immunfunktion, erhöhter Infektanfälligkeit und chronischen Entzündungen. Daher ist das Risiko einer Sepsis vor allem bei älteren Menschen erhöht.
Eine sogenannte neonatale Sepsis entwickelt sich innerhalb von 90 Tagen nach der Geburt. Die gefährlichsten Erreger sind das Humane Respiratorische Synzytial-Virus (RSV), E.-coli-Bakterien, Candida-Pilze und das Herpes-Simplex-Virus.
Das Apothekenteam kann auf die mögliche RSV-Impfung schon während der Schwangerschaft hinweisen, die allerdings noch keine STIKO-Empfehlung ist. Die RSV-Prophylaxe (passive Immunisierung mit dem monoklonalen Antikörper Nirsevimab als Einmaldosis) empfiehlt die STIKO seit Juni 2024 für alle Neugeborenen und Säuglinge vor beziehungsweise in ihrer ersten RSV-Saison. Ebenso sollte die Apotheke allen Patienten mit Herpes-simplex-Viruserkrankungen dringend empfehlen, den Kontakt zu Neugeborenen oder Säuglingen bis zur Abheilung der Läsionen zu vermeiden.
Symptome einer neonatalen Sepsis sind: Körpertemperatur abnormal kalt oder fiebrig, schwere Atmung, Durchfall und/oder Erbrechen, verlangsamte Reaktionen und Bewegungen, Schwierigkeiten beim Saugen sowie Krampfanfälle.
Bei Erwachsenen äußern sich die schweren Symptome sehr unspezifisch mit einem starken Krankheitsgefühl, Todesangst, Bewusstseinsstörungen, hohem Fieber mit Schüttelfrost, aber auch Untertemperatur (unter 36 °C). Der Kreislauf ist zentralisiert, die kalten Extremitäten marmoriert. Das Herz reagiert mit Tachykardie, Hypotonie und fadenförmigem Puls. Die Belastung der Niere zeigt sich mit nachlassender Diurese und konzentriertem Harn, die Betroffenen verspüren ein starkes Durstgefühl. Es kommt zu Atemnot und Tachypnoe. Daneben zeigen sich die Symptome einer zugrunde liegenden Infektion.
Das Apothekenpersonal sollte die Kunden über solche Warnzeichen informieren und ermutigen, im Zweifelsfall den Notarzt zu rufen (Kasten). Ebenso kann es auf die Vermeidung und rechtzeitige konsequente Behandlung von Infektionen hinweisen.

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2021 wurde die Kampagne #DeutschlandErkenntSepsis gegründet in Zusammenarbeit mit dem Aktionsbündnis Patientensicherheit, den Partnern SepsisDialog der Universitätsmedizin Greifswald, Deutsche Sepsis-Hilfe und Deutsches Qualitätsbündnis Sepsis (DQS).
Ziel ist die Aufklärung über Prävention, Symptome, Diagnose und Behandlung von Sepsis. Die Kampagne will keine Ängste schüren, sondern es geht um ein erhöhtes Bewusstsein für die dramatische Erkrankung. Info-, Schulungsmaterial und Videos können kostenlos bestellt werden, zum Beispiel Flyer sowie Infomaterial für pflegende Angehörige.
Verschlechtert sich eine Infektion, sollten sich Patient und/oder Angehörige folgende zentrale Fragen stellen: »Rast dein Puls?«, »Fällt dir das Denken schwer?«, »Kannst du schlecht atmen?« und »Fühlst du dich sterbenskrank?« Es reicht schon ein Warnzeichen, um den Notruf 112 zu wählen. Für Angehörige, Freunde sowie Pflege- und Apothekenpersonal sollte die Frage präsent sein: »Könnte es Sepsis sein?«. Das kann Leben zu retten! Denn Sepsis kann jeden in jeder Lebenssituation und in jedem Alter treffen. Fortbildungen bietet die Universitätsmedizin Greifswald online an.