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Fehlermeldungen zu Etanercept

Kaputter Pen oder falsche Anwendung?

Ein Großteil der Spontanmeldungen zu Problemen mit Etancercept-haltigen Arzneimitteln bezieht sich auf defekte Auslösemechanismen. Eine Analyse der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) ergab, dass jedoch häufig ein Anwenderfehler vorliegt. Apotheker sollten Patienten die korrekte Handhabung genau erklären.
PZ/AMK
20.07.2020  16:52 Uhr

Der TNF-α-Antagonist Etanercept wird bei rheumatoider Arthritis, Psoriasis und weiteren Autoimmunerkrankungen eingesetzt. Das biotechnologisch hergestellte humane Fusionsprotein, das TNF-α abfängt, kam erstmals im Jahr 2000 unter dem Namen Enbrel® von Pfizer auf den Markt. Mittlerweile ist der Arzneistoff als Fertigpen, Fertigspritze und als Trockensubstanz mit Lösungsmittel erhältlich. Zudem kamen mit Benepali und Erelzi 2016 und 2017 zwei Biosimilars als Pen und Fertigspritze hinzu.

Bei der AMK gingen zwischen Dezember 2012 und März 2020 insgesamt 217 Meldungen zu Etanercept-haltigen Arzneimitteln ein. Der Großteil, 132 Meldungen, sind Berichte über einen defekten Auslösemechanismus. Die AMK hat sich diese Fälle nun genau angesehen und schreibt: »Die meldenden Apotheken berichteten über Patienten, bei denen eine Injektion mit dem Pen (n = 127) oder der Fertigspritze (n = 5) nicht durchgeführt werden konnte.«

Tatsächlich konnten die Hersteller aber nur in acht Fällen bestätigen, dass der Auslösemechanismus defekt war und es sich um eine berechtigte Reklamation handelt. In den verbleibenden 124 Fällen sei eine Überprüfung der Beanstandung an einem Muster entweder nicht möglich gewesen, da dieses nicht zur Verfügung stand, oder der Hersteller habe nach eigener Prüfung des eingesandten Musters keine Qualitätsmängel erkannt. »In insgesamt 40 Fällen mit defektem Auslösemechanismus wurde in einer abschließenden Stellungnahme der Firma ein Anwendungsfehler seitens des Patienten vermutet«, so die AMK. Sie folgert: »Patienten sollten unter Einsatz des Schulungsmaterials angemessen beraten werden.«

Worauf Patienten bei der Anwendung achten sollten

Entsprechendes Schulungsmaterial (Blaue-Hand-Briefe) ist in der ABDA-Datenbank hinterlegt und auch auf der Homepage des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte zu finden. Zum Originalpräparat Enbrel gibt es auch ein Video. Auch die Gebrauchsinformationen enthalten eine bebilderte Darstellung der Applikation.

Die AMK weist insbesondere darauf hin, dass der Patient die Nadelschutzkappe erst kurz vor der Applikation abnehmen soll, da anderenfalls Lösung in der Kanüle auskristallisieren und diese verstopfen kann. Zur Applikation des Pens sollte eine nicht zu weiche Körperstelle genutzt werden. Der Kanülenschutz muss durch das Aufdrücken auf die Haut komplett in den Pen zurückgeschoben sein, bevor die Injektion gestartet werden kann. Wird der Auslöseknopf versehentlich vorher betätigt, kann dies zu einer Blockade des Pens führen.

Die AMK bittet Apotheken bei Verdacht auf einen Qualitätsmangel, die korrekte Applikation durch den Patienten abzufragen. Vermutet das pharmazeutische Personal einen Anwendungsfehler, soll es diesen unter Verwendung des UAW-Berichtsbogens möglichst konkret melden. Ist hingegen keine fehlerhafte Anwendung erkennbar, sollte bei Meldung an die AMK auch diese Feststellung auf dem Qualitätsmangel-Berichtsbogen eindeutig dokumentiert werden, um den Verdacht eines defekten Auslösemechanismus zu bestärken.

Die AMK betont: »Schulungsmaterialien zu Arzneimitteln werden oftmals erst nach deren Zulassung entwickelt, insbesondere, wenn bei der Anwendung in der Praxis neue Risiken erkannt werden. Spontanberichte aus Apotheken tragen zur Erkennung neuer Risiken und somit zur Entwicklung von Risikominimierungsmaßnahmen wie Schulungsmaterialien maßgeblich bei.«

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