| Melanie Höhn |
| 24.03.2026 15:02 Uhr |
Das E-Commerce-Unternehmen »Joybuy« validiert derzeit, ob frei verkäufliche Medikamente als zusätzliche Produktkategorien angeboten werden können. / © Imago Images/Rüdiger Wölk
Die chinesische Bestellplattform »Joybuy« will dem Online-Riesen Amazon den Rang ablaufen. Erst Mitte März startete das Angebot in Deutschland, doch laut »BILD«-Zeitung nimmt der chinesische E-Commerce-Händler JD.com, der hinter der Plattform steckt, bereits jetzt den deutschen Gesundheitsmarkt ins Visier.
Derzeit werden bei »Joybuy« Produkte aus den Kategorien Elektronik, Haushaltsgeräte, Kosmetik und Lebensmittel angeboten. Die BILD schreibt, dass der Online-Händler aber »schon bald auch im sensiblen Gesundheitsgeschäft mitmischen« könnte; dies wäre ein«Paukenschlag« für den deutschen Gesundheits- und Handelsmarkt«.
Das Online-Portal »Heise Online« spricht bei den Ambitionen des Unternehmens von einem »Angriff auf Amazon«. Neben Deutschland startete »Joybuy« seine Angebote auch in Belgien, Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich.
Der neue Online-Händler will vor allem mit Schnelligkeit punkten: Viele Bestellungen könnten nach eigenen Angaben bereits am selben oder nächsten Tag geliefert werden. Weiter heißt es auf der Unternehmenswebseite, dass Kundinnen und Kunden durch eine sogenannte »Double 11«-Expresslieferung ihre Bestellung noch am selben Tag erhalten, wenn sie bis 11 Uhr bestellen. Dieses Angebot soll zunächst in ausgewählten Städten Nordrhein-Westfalens, darunter Bochum, Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Essen und Köln greifen und soll in den kommenden Monaten auf weitere Städte ausgeweitet werden. »Dies gilt ab einem Bestellwert von 29 Euro ohne zusätzlichen Aufpreis«, informierte das Unternehmen auf seiner Webseite. Zudem wirbt der Online-Händler mit einem Kundenservice rund um die Uhr.
Bereits jetzt ist auf der Webseite die Kategorie »Gesundheit & Wellness« aufgelistet, bei einem weiteren Klick erscheint die Unterkategorie »Apotheke und Gesundheit«. Dort finden sich unter anderem Produkte wie Hustensaft, Halstabletten, Lippenherpes-Salbe, Nasenspray, Nahrungsergänzungsmittel, Pflaster, Wärmepflaster, Desinfektionstücher, Laktase-Tabletten, Gel nach Insektenstichen und diverse Cremes. Weitere Kategorien sind unter anderem »Drogerie« und »Kosmetik & Pflege«.
»Joybuy«-Deutschland-Managerin Julia Hager habe gegenüber der BILD bestätigt, dass das Unternehmen derzeit zusätzliche Produktkategorien, »darunter auch frei verkäufliche Medikamente«, prüfe. »Wir evaluieren ständig neue Kategorien, um unser Sortiment weiter auszubauen. Ob wir auch frei verkäufliche Medikamente anbieten, prüfen wir aktuell«, erklärte sie der Zeitung.
Das könnte den Online-Markt von Arzneimitteln, der bei Vor-Ort-Apotheken zu einer zunehmenden Konkurrenzsituation führt, noch einmal kräftig durchmischen. Digitale Plattformen wie Doc Morris und Shop Apotheke haben im deutschen Arzneimittelmarkt inzwischen vor allem aufgrund des E-Rezepts deutlich an Bedeutung gewonnen. Auch im Bereich nicht-verschreibungspflichtiger Arzneimittel sprießen immer mehr Online-Angebote aus dem Boden, so bieten etwa der Online-Gigant Amazon sowie die Drogeriekette dm bereits OTC-Arzneimittel an; Rossmann prüft ein Arzneimittelangebot derzeit noch.
Erst kürzlich belegte die sogenannte »Amazon Apotheken Studie 2025« den wachsenden Einfluss des US-Giganten. Demnach ist der Apothekenumsatz auf Amazon Deutschland im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um 21 Prozent auf knapp 500 Millionen Euro gewachsen. Der OTC-Arzneimittelversand von dm hat inzwischen die Wettbewerbszentrale auf den Plan gerufen, die gegen das Modell Klage eingereicht hat.
Der anvisierte Einstieg von »Joybuy« in den Online-Arzneimittelmarkt bedeutet eine neue Unsicherheit für die Vor-Ort-Apotheken. ABDA-Präsident Thomas Preis verfolgt die Entwicklung mit wachsender Sorge und kommentierte gegenüber der BILD-Zeitung: »Arzneimittel sind keine gewöhnlichen Handelswaren. Entscheidend für die Versorgungssicherheit ist die persönliche Beratung in der Apotheke vor Ort.« Ein weiterer Ausbau des Versandhandels könne Wettbewerbsdruck auf die Vor-Ort-Apotheken noch verstärken. Reinhard Groß, Vorstandsmitglied im Sächsischen Apothekerverband, äußerte ebenfalls seine Bedenken: »Im Bereich der Selbstmedikation hat der Versandhandel bereits mehr als 20 Prozent Marktanteil erreicht«, so Groß. Bei verschreibungspflichtigen Arzneimitteln liege er mit 1,5 Prozent deutlich niedriger.