| Paulina Kamm |
| 20.05.2026 16:00 Uhr |
Von links: Katharina Buderek (Volkswagen), Thomas Solbach (Strategy& Germany), Meghan Lawrence (Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland), Professorin Clarissa Kurscheid (Figus), Ute Teichert (Teichert Consulting), Andrea Galle (meine krankenkasse) und Moderator Albrecht Kloepfer (iX-Institut für Gesundheitssystem-Entwicklung). / © PZ / Paulina Kamm
Man könne einen Trend zu einer anderen Art der Gesundheit feststellen, sagt Thomas Solbach zu Beginn. »Frauen werden aus meiner Sicht mehr und mehr zum Trendsetter.« Auch in der Datenerhebung seien Frauen wesentlich weiter, da sie zum Teil digitale Präventionsangebote tendenziell stärker nutzen. Insbesondere in der Pharmaindustrie sehe er hohe Gewinnpotenziale, insofern man für frauengerechtere Entwicklungen sorge.
Ute Teichert von Teichert Consulting plädiert für eine Erweiterung des Präventionsgedankens abseits der Medizin. »Die Lebenswelt findet nicht in der ärztlichen Versorgung statt, sondern dort, wo die Menschen sind, zum Beispiel bei Volkswagen, zum Beispiel in Schulen, in Kitas, in Altenpflegeheimen und in Kliniken«, so Teichert.
In Kitas und Schulen beginne für Andrea Galle, Vorständin der meinekrankenkasse (mkk), die Chance, Gesundheitskompetenz aufzubauen. Doch sie warnt, dass eine reine Konsumsicht auf die Prävention zu einer Zwei-Klassen-Medizin führen könne. Prävention müsse bezahlbar für alle sein. Die Expertinnen und Experten sind sich diesbezüglich einig: Man müsse sich endlich vom Reparatursystem des derzeitigen Gesundheitswesens verabschieden.
Meghan Lawrence von der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (BVMD) berichtet, wie es um die Lehre steht: Die gendersensible Versorgung sei zwar einerseits in den nationalen Lernzielkatalogen angekommen, die Umsetzung schwanke aber regional sehr. Oft hängen laut Lawrence die Nachhaltigkeit und Umsetzung solcher Entwicklungen von Einzelpersonen und -projekten ab. Sie wünsche sich fächerübergreifende Leitfäden und Querschnittsdisziplinen.
Die Frage der Eigenverantwortung stand besonders im Raum: »Wir haben ein Stück weit auch den Patientinnen und den Patienten über Jahre hinweg Eigenverantwortung abgenommen, indem wir sie konsumieren lassen, indem wir hier keine Teilhabe stattfinden haben lassen, indem die Medizinerinnen und Mediziner nicht mit den Patientinnen und Patienten gesprochen haben«, sagt Professorin Clarissa Kurscheid. Dieses »patriarchale Element« der Medizin müsse abgeschafft werden, so Kurscheid.
Insbesondere bei Männern stellt Kurscheid Nachholbedarf fest: »Jungs und junge Männer werden hinsichtlich Gesundheitsvorsorge genauso wie Frauen oder Mädchen sozialisiert.« Es fehle hier nicht an mangelnden Chancen oder Zugängen zur Vorsorge, sondern an mangelnder persönlicher Verantwortungsübernahme.
Katharina Buderek bricht eine Lanze für erfolgreiche Prävention für Männer. Als leitende Werksärztin bei Volkswagen sei sie hauptsächlich mit Männern konfrontiert, denn weniger als 20 Prozent der Mitarbeitenden in allen Etagen seien Frauen. Durch die routinemäßige, arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung alle zwei Jahre erreiche sie Männer im arbeitsfähigen Alter, bevor diese Beschwerden haben. Die Vorsorge habe Volkswagen irgendwann mit Check-Up-Untersuchungen kombiniert.
»Wir haben tatsächlich für den Patienten weiterhin eine halbe Stunde Zeit. Und das ist das, was auch die Beziehung ermöglicht, die Prävention möglich macht«, sagt Buderek mit Blick auf mangelnde zeitliche Ressourcen im Gesundheitswesen. Daten sammeln alleine reiche nicht, Buderek setze vielmehr auf Erklärung und Beziehungsaufbau. »Wir unternehmen den Versuch, die Arbeitsmedizin in Richtung Prävention zu verändern. Und das auch genau mit dem Ziel, diesen Teil der Menschen zu erreichen, nämlich Männer, die bisher für Präventionsgedanken eher wenig erreichbar waren«, so Buderek.
Thomas Solbach von Strategy& Germany wünscht sich mehr Kreativität bei der Sammlung und Nutzung von Daten. In seiner Forschung habe er festgestellt, dass in einem modernen Auto 1000 Daten pro Sekunde gemessen werden. »Was wäre, wenn die Kamera, die auf meine Augen gerichtet ist, nicht nur sieht, ob die Lider zugehen, sondern auch die Weisheit unseres Auges über die Zeit checkt? Was wäre, wenn ›Siri‹ nicht nur zuhören würde, wo ich hinfahre, sondern auch ein Flattern in meiner Stimme aufnehmen kann«, fragt Solbach in die Runde. Hier reichen ihm zufolge 30 Sekunden aus, um Krankheiten vorherzusagen.
Prävention muss allerdings laut Solbach nicht immer derart kompliziert, aufwendig und technisch sein. »In Rumänien gibt es Bushaltestellen, wenn ich dort zehn Kniebeugen mache, kriege ich mein Busticket umsonst. Das ist super simpel.« Auch in Japan habe Prävention einen deutlich niedrigschwelligen Charakter: »Jeder Mitarbeiter in Japan muss einmal im Jahr zum Arzt. Der Arbeitgeber ist dafür verantwortlich, dass der den Tag frei bekommt«, so Solbach. Durch derartig einfache Angebote beuge man einer Mehrklassen-Prävention vor, sagt Solbach.
In der Stadtplanung könne man durch »Walkable Cities« nachweislich die Gesundheit fördern, so Lawrence.
»Walkable Cities sind Städte, wo wir zu Fuß zum Arzt kommen können, wo wir mit einem Rollator in die Straßenbahn einsteigen können. Das sind Städte, an denen gerade für Frauen mit Kinderwägen viel vereinfacht wird«, untermauert Lawrence. Dies sei dadurch automatisch gendergerechte Versorgung. Diese Menschen haben so einerseits Zugang zu Prävention und Vorsorge, bräuchten diesen vielleicht gar nicht, weil genug Möglichkeiten bestünden, sozialen Kontakte zu pflegen, sich auszutauschen und gesund zu bleiben, sagt Lawrence.