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Carl-Friedrich Zimpel, ein Therapeut auf Wanderschaft

03.12.2001
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ZUM 200. GEBURTSTAG

Carl-Friedrich Zimpel, ein Therapeut auf Wanderschaft

von Axel Helmstädter, Dreieich

Auf alchemischen Arbeitstechniken beruhende Herstellungsvorschriften vermutet man auf den ersten Blick kaum in einem modernen Arzneibuch. Das Homöopathische Arzneibuch indes führt eine Reihe spagyrischer, das heißt aus dem Gedankengut der Alchemie hervorgegangener Verfahren auf, von denen das wohl am weitesten verbreitete den Namen Carl-Friedrich Zimpels (1801 bis 1879) trägt. Charakteristische Arbeitsschritte sind Gärung, Destillation und Veraschung. Urtinkturen mit dem Namenszusatz "spag. Zimpel" erinnern an eine der originellsten Gestalten der Medizin-, Pharmazie-, Technik- und Theologiegeschichte, dessen Geburtstag sich in diesen Tagen zum 200. Mal jährt.

Carl-Friedrich Zimpel wurde als Sohn eines königlichen Beamten am 11. Dezember 1801 im niederschlesischen Sprottau (heute Szprotawa) geboren (1). Nach dem frühen Tod seiner Eltern, die der Tuberkulose zum Opfer fielen, trat Zimpel in ein preußisches Infanterie-Regiment ein, dem er bis zum Jahre 1829 als Offizier, unter anderem als "Rechnungsführer der Landwehr" diente. Was zu seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst führte, ist unklar; genannt werden ein unerlaubtes Duell ebenso wie eine unglückliche Liebesaffäre. Nach Ende seines Wehrdienstes wanderte er in die USA aus, erwarb die amerikanische Staatsbürgerschaft und nannte sich von nun an "Charles Frederic". Dort bewährte er sich in den Pionierzeiten des Eisenbahnbaus, eine Tätigkeit, für die er sich parallel zu seinem Dienst in der Armee aus Eigeninteresse qualifiziert hatte.

Zimpel als Ingenieur

Nach eigenen Angaben hatte er in Architektur und Ingenieurwissenschaften "zum Vergnügen" staatliche Prüfungen abgelegt. Die Arbeit in den USA gehörte wohl eher zu den unangenehmen Lebenserinnerungen Zimpels, fand sie doch weiten Teils in unwirtlichen, von Reptilien bevölkerten, sumpfigen Landstrichen statt: So klagt er in einem seiner zahlreichen gedruckten Werke (2), er sei genötigt gewesen, "sich Wochen lang, also auch die Nächte zwischen Alligatoren und Schlangen in diesen fürchterlichen Morästen aufzuhalten und die Tiefe des Wassers in denselben mit dem eigenen Körper zu messen". Gelbfieber, mit dessen Ursache und Behandlung er sich intensiv auseinander setzte, war ständiger Begleiter "seiner Mechaniker, Arbeiter, Hülfs-Ingenieure und Sclaven".

Dennoch gelangen Zimpel einige äußerst bemerkenswerte Projekte, die beispielsweise das Stadtbild von New Orleans nachhaltig prägten. Eine dort von ihm erbaute Strecke wird noch heute als Straßenbahnlinie benutzt, auch Gebäude, etwa dasjenige der "Bank of Orleans" wurden nach seiner Planung errichtet (3). Die erste kartographische Erfassung des heutigen Stadtteils Carrollton geht auf seine Initiative zurück (4). Eine "Zimpel-Street" erinnert dort an den umtriebigen Bauingenieur, der 1837 nach Europa zurückkehrte, um sich hier weitere sechs Jahre im Eisenbahnbau zu engagieren.

Archivalisch bezeugt sind leitende Positionen bei der "Ungarischen Zentraleisenbahn" und bei der "Berlin-Frankfurter Eisenbahn". Die Strecke von Berlin nach Frankfurt/Oder beruht auf Plänen Zimpels, die denjenigen des preußischen Oberbaurates Dr. August Leopold Crelle vorgezogen wurden (5). Weitere Arbeiten betreffen Gutachten zur Anlage der Hauptbahnhöfe von Stuttgart, Kiel und Hamburg-Altona. Ende 1843 gab Zimpel seine Tätigkeit als Ingenieur aus unbekannten Gründen zunächst auf.

Hinwendung zur Medizin

Das Interesse des Schlesiers an therapeutischen Fragen wird meist seiner eher schwächlichen Konstitution zugeschrieben, die bereits während der Militärzeit Kuren in Garnisons-Seebädern erfordert hatte. In der Folgezeit versuchte er eine große Zahl unterschiedlicher Behandlungsformen am eigenen Leibe; berichtet wird unter anderem von Aufenthalten bei dem Wassertherapeuten Vincenz Prießnitz (1799 bis 1851) und bei Carl Baunscheidt (1809 bis 1873) in Bonn, dem Erfinder eines "Lebenswecker" genannten Gerätes zur Verabreichung sich entzündender Nadelstichverletzungen, durch die krankheitserregende Substanzen abgeleitet werden sollten.

Bleibenden Eindruck hinterließ ein Aufenthalt bei Arthur Lutze (1813 bis 1870) (6), einem wegen Betrugs amtsenthobenen ehemaligen Postsekretär, der in Anhalt-Köthen eine homöopatische Praxis betrieb. Dort hospitierte Zimpel zwischen November 1848 und 1849, um die Homöopathie kennen zu lernen, und erhielt zum Abschluss ein repräsentatives Zeugnis (7). Vor allem aber nutzte er die Zeit, um an der Universität Jena zum Dr. phil. und Dr. med. zu promovieren, ohne allerdings - bis auf einige Vorlesungsstunden als Gasthörer - jemals Medizin studiert zu haben Die philosophische Fakultät akzeptierte ein neun Jahre zuvor veröffentlichtes Werk über den amerikanischen Eisenbahnbau als Dissertation, der medizinischen Fakultät reichte Zimpel eine 56-seitige Arbeit über seine Erfahrungen mit dem Gelbfieber ("Quaedam de febre flava") ein. Sein Promotionsgesuch begründete er unter anderem damit, dass der akademische Titel bei "wissenschaftlichen Reisen in orientalische Länder" von Vorteil sei.

Mit Sondergenehmigung des Staatsministeriums promovierte die medizinische Fakultät Carl-Friedrich Zimpel am 14. April 1849. Anschließend begann für den homöopathischen Autodidakten und frisch promovierten Mann eine jahrzehntelange Wanderschaft.

Zimpel als Theosoph

Während eines Aufenthaltes in London um 1850 wurde der im evangelisch-lutherischen Glauben erzogene Schlesier zum überzeugten Anhänger mystischer Prediger in der Nachfolge des schwedischen Theosophen und Naturforschers Emanuel Swedenborg (1688 bis 1772). Die Beschäftigung mit theosophischem und später pietistischem Gedankengut sollte - mehr noch als medizinische Fragen - fortan sein Leben bestimmen; mehr als zwanzig nach 1850 publizierte Schriften Zimpels widmen sich eigenwilliger Bibelexegese (8). Seine Hoffnung galt der Wiederkunft des Messias und der Etablierung des tausendjährigen Reiches ("Millennium"), dessen Eintritt er nach umfangreichen Berechnungen anhand zahlreicher Bibelstellen und historischer Begebenheiten - fälschlicherweise - zunächst auf das Jahr 1866, dann auf 1873 und später 1888 datierte. Zu seinen Glaubensgrundsätzen gehörte es, die "Verkürzung irgendeines Theiles des Gesichtshaarwuchses" ebenso als "Versündigung gegen den Heiligen Geist" zu betrachten wie die "Gräuel des Tabakgebrauches".

Nach einer intensiven Begegnung mit dem württembergischen Pietisten Johann Christoph Blumhardt (1805 bis 1880) brach er nach Palästina auf, um anhand einer theosophischen Schrift des romantischen Lyrikers Clemens Brentano (1778 bis 1842) über die stigmatisierte Nonne Anna Katharina Emmerich die genaue Lage der Heiligen Stätten in Palästina zu erkunden (9). Dort ließ er sich am 24. Juni 1852 von einem amerikanischen Baptisten-Missionar, den er durch mitgeführte Homöopathika von einer fieberhaften Erkrankung geheilt haben wollte, im Jordan taufen. Danach kehrte er zunächst nach Mitteleuropa zurück, wo er sich intensiv mit Galvanismus und Elektrotherapie auseinander setzte, ja sogar für kurze Zeit in Rom als Elektrotherapeut praktizierte.

In einem 1859 erschienenen Werk zur Elektrotherapie des in Lyon praktizierenden Franzosen Christophe Beckensteiner verlieh er der Hoffnung Ausdruck, er werde durch die Verbindung von Elektrizität und Homöopathie "die Heilkunst auf einen Höhepunkt bringen" (10). Während einer Hospitation bei Beckensteiner kam Zimpel wohl erstmals mit spagyrischer Arzneimittelherstellung in der Ausprägung nach Henry Blanc in Berührung (11), über den indes nichts Näheres bekannt ist.

"Homöopathische Propagandareise"

Zu Beginn der 1860er Jahre verbrachte Zimpel erneut einige Zeit in Palästina: "Bei meinem herangenahten hohen Lebensalter [...] in welchem ich mich, ungeachtet mancher natürlicher Körpergebrechlichkeit, dennoch - Dank sei es, nächst Gott dem Herrn, der Homöopathie - rüstig fühle, gewann doch endlich der Hang zu Jerusalem die Oberhand, und ich machte es im Jahre 1861 zu meinem permanenten Aufenthalt. Obgleich ich dort die Theosophie zu meinem Hauptstudium machte, vernachlässigte ich doch die Homöopathie nicht ganz, sondern wirkte durch dieselbe so viel ich vermochte (12)."

 

Aus dem HAB

Vorschrift 25 des Homöopathischen Arzneibuchs 2000 ("Spagyrische Urtinkturen nach Zimpel und deren flüssige Verdünnungen"):

"Spagyrische Urtinkturen nach Vorschrift 25 werden aus frischen Pflanzen oder Pflanzenteilen* nach dem nachfolgend beschriebenen Verfahren hergestellt. Die Pflanzen oder Pflanzenteile werden fein zerkleinert. In einem geeigneten Gefäß wird 1 Teil Pflanzenmasse mit 1 Teil Gereinigtem Wasser und 0,005 Teilen Hefe (Reinzuchthefe von Saccharomyces cerevisiae) versetzt und unter täglichem Durchmischen bei einer Temperatur zwischen 20 und 25 °C der Gärung überlassen. Sobald die Gärungsvorgänge zum Stillstand gekommen sind, wird der Ansatz der Wasserdampfdestillation unterworfen. Im Auffanggefäß werden für 1 Teil Pflanzenmasse 0,4 Teile Ethanol 86 % (m/m) vorgelegt; die Destillation wird beendet, sobald auf 1 Teil Pflanzenmasse 2 Teile der Mischung von Destillat und vorgelegtem Ethanol erhalten worden sind. Der Destillationsrückstand wird abgepreßt und bei etwa 400 °C verascht. Der Veraschungsrückstand wird zum Destillat gegeben; nach 48 h wird abfiltriert."

* Vorschrift 26 behandelt das Vorgehen bei der Verarbeitung getrockneter Pflanzen(teile).

 

Diese "homöopathische Propagandareise" fand unter schwierigen Umständen statt: "Da im ganzen gelobten Land [...] nirgens eine fahrbare Straße, sondern nur zum großen Theil, wenigstens in allen Bergpartien, halsbrecherische Saumpfade bestehen, mußte ich meinen mit Büchern und Arzneien versehenen Lasten auf ein Lastthier packen, mich aber selbst auf ein Reitpferd schwingen [...]. Ungeachtet ich das Reiten gewohnt bin, kam ich doch nach ca. 8 Stunden, weil mein Pferd nicht zu ordentlichem Schritt gebracht werden konnte, wie gerädert in Ramleh an" (13).

Von einem Besuch am See Genezareth berichte er: "Ungeachtet des fischreichen Sees erhielt ich doch nur ein karges Fischnachtmahl und suchte bald das einladende Bett, nachdem ich es stark mit Insektenpulver bestreut hatte. Aber Alles war vergebens, zu schlafen war fast unmöglich. Warum? Die Sage im Ort und im ganzen Lande ist die: In Tiberias herrscht der König der Flöhe, der während 8 Monaten täglich zu den Hausbesuchern spricht: 'wasche, scheure, putze und reinige Alles tüchtig, denn ich gedenke, diese Nacht mit meinem Heerlager bei Dir einzukehren und Hochzeit zu halten' Dieses Flohleiden dieser armen Bewohner [...] ist ungeachtet aller Reinlichkeit [...] während dieser 8 Monate unbeschreiblich, und in den übrigen 4 Monaten durch die enorme Hitze, vor der sich sogar die Flöhe bescheiden zurückziehen und ganz entfernen, eben so unerträglich" (14).

In den 1860er Jahren betätigte sich Zimpel erneut als Ingenieur, so schlug er den Bau einer Eisenbahnstrecke von Jaffa nach Jerusalem und Bethlehem vor. Dem Plan, der indes nicht realisiert wurde, fügte er eine detaillierte Wirtschaftlichkeitsberechnung bei (15).

Begegnung mit Cesare Mattei

Auf seiner immerwährenden Suche nach neuen Behandlungsformen suchte Zimpel Ende der 1860er-Jahre den in Bologna praktizierenden und nicht minder skurrilen italienischen Grafen Cesare Mattei (1809 bis 1896) auf, um seine "Weichleibigkeit", das heißt Verdauungsstörungen, Nykturie und Inkontinenz, sowie Hämorrhoiden zu kurieren. Mattei behauptete, aus einem Strauch der italienischen Apenninen "vegetabilische Elektrizität" isoliert zu haben, die er in Arzneimittel zu konservieren suchte. Diese sollten "so schlagartig" wirken wie der elektrische Strom, weshalb er seinem Heilsystem den Namen "Elektrohomöopathie" gab (15).

Mattei wird zu den Wiederentdeckern alchemischer Arzneimittel im 19. Jahrhundert gerechnet. Der für neue Therapieformen stets leicht zu begeisternde Zimpel berichtet von seinem Besuch bei Mattei: "Hat also der Graf C[esare] M[attei], wie ich die Ursache habe, bestimmt anzunehmen, einen der Ars spagyrica entsprechenden Prozeß, auf irgend eine Weise kennengelernt, die erwähnte Scheidung im Saft der Pflanze zu bewirken, so wird sich kein vernünftiger Mensch wundern, wenn dessen Heilmittel Alles an Heilkraft übertreffen, was bis jetzt von der Chemie, Allöopathie oder Homöopathie erzielt wurde" (16).

Auch von Mattei ist ein allerdings weniger enthusiastischer Bericht über die Begegnung mit dem schlesischen Autodidakten erhalten: "Im Jahre 1866 stellte sich bei mir in der Ordination ein Herr vor, welcher von einem Theile der Anwesenden für einen possirlichen Buffosänger, von einem anderen Theile wieder für einen Zauberer angesehen wurde. Er war indessen, wie er sich selbst nannte, der Herr Zimpel, Doctor der Medizin und Homöopath [...]" (17).

Zimpel, der in den Matteimitteln die lang ersehnte Synergie zwischen Homöopathie und Elektrotherapie zu erblicken glaubte, hielt es, nachdem sich Mattei naturgemäß geweigert hatte, ihm Einblick in seine Herstellungsmethoden zu geben, "für seine Pflicht, die Herstellung mindestens gleichwertiger Mittel wenigstens zu versuchen"(18). So begann er, im Alter von immerhin fast siebzig Jahren, eine Serie von Arzneimitteln zu entwickeln, die als "Dr. Zimpels Heilsystem" bekannt wurde.

Die letzten Jahre in Italien

Bereits im Dezember 1869 behauptete Zimpel, sein Ziel erreicht und mindestens gleich wirksame Mittel gefunden zu haben, deren Herstellung spagyrische, das heißt alchemische Verfahrensschritte einschloss. Mittlerweile in Italien ansässig, verließ er sich in therapeutischen Fragen überwiegend auf das Urteil des im württembergischen Heiningen praktizierenden, spiritistisch angehauchten "Laienhomöopathen" Michael Traub (1821 bis 1893), der alle Präparate bis zu Zimpels Tod in seiner Praxis erprobte und anwandte. In wie weit der Erfinder selbst praktizierte, ist nicht bekannt; aus rechtlichen Gründen durfte er in Italien ohnehin nur Ausländer behandeln.

Nach kurzer unbefriedigender Zusammenarbeit zwischen Zimpel und Willmar Schwabe in Leipzig übernahm der Göppinger Apotheker Friedrich Mauch (1837 bis 1905) (19) Produktion und Auslieferung der von Zimpel in Italien konzipierten Präparate. Mehrmals wöchentlich, zeitweise täglich übermittelte Zimpel seine Hinweise, Bitten und Vorschriften nach Göppingen und bestand in brennender Ungeduld auf sofortiger Beantwortung seiner Briefe. Mehr und mehr verband der Therapeut dabei sein eigenes Schicksal mit dem Wert der in Göppingen produzierten Arzneimittel. So plagten ihn in den letzten Lebensjahren eine Geschwulst am Fuß sowie eine unangenehme Inkontinenz: "Mein chronischer Blasenkatarrh, Geschwulst des l[inken] Fußes etc. wird täglich bedenklicher, namentlich das Bettpissen unerträglich u[nd] weil kein einziges Mittel bisher eine dauernde Wirkung geäußert hast, so möchte ich fast verzweifeln. [...] Die Geschwulst des linken Fußes nimmt überhand u[nd] der Urin läuft Tag u[nd] Nacht unaufhaltsam und unbemerkt ab. Denken Sie sich meine traurige Lage, u[nd] ganz allein, ohne Jemand in meiner unmittelbaren Nähe zu haben, dabei einen nimmer löschlichen Durst"(20).

Trotz schwerer Krankheit lebte er noch weitere vier Jahre in Süditalien. Carl-Friedrich Zimpel verstarb am 26. Juni 1879 in einem Hotel in Pozzuoli bei Neapel und wurde noch am selben Tage dort beigesetzt.

Dr. Zimpels Heilsystem

Noch zu Lebzeiten des Erfinders war "Dr. Zimpels Heilsystem" vielfachen Wandlungen unterworfen. Zunächst waren die Mittel auch nomenklatorisch eng an diejenigen Matteis angelehnt; ähnlich seinem Vorbild unterschied er sieben "innerliche spagyrische Pflanzenmittel", sieben "Elektrizitätsmittel" sowie eine dritte Gruppe "spezieller Mittel". Die Zusammensetzung der einzelnen Präparate wurde vom schlesischen Arzt mehrfach geändert, wobei er sich teilweise auf Vorschläge beschränkte und die endgültige Entscheidung über die zu verwendenden Ingredienzien Friedrich Mauch überließ. Dabei entfernte er sich mehr und mehr vom ursprünglichen Konzept und von seinem Vorbild Mattei. Es überwiegen pflanzliche Inhaltsstoffe in spagyrischer Aufbereitung, aber auch Anorganika und menschliche oder tierische Ausscheidungsprodukte (bis hin zu "Rotz eines rotzigen Pferdes") in homöopathischer Zubereitung kommen vor.

Im Laufe der Zeit setzte sich - vor allem in der kommerziellen Herstellung von Zimpelmitteln seit Beginn des 20. Jahrhunderts - die der heutigen Arzneibuchvorschrift zugrunde liegende Bereitungsweise durch (22), die auf Johann Rudolf Glauber (1604 bis 1670) zurückgeht. Dabei sollen geistige Heilkräfte von ihrer materiellen Erscheinungsform gelöst werden, indem man pflanzliche Ausgangsstoffe der Verwesung, Fäulnis oder Gärung überlässt. Solche "Putrefactio" genannten Operationen stehen häufig am Beginn des alchemischen Aufschlusses. Die aus dem ersten Schritt hervorgegangene Masse wird der Destillation unterworfen, der verbleibende Rückstand bis zur vollständigen Veraschung geglüht. Die spagyrische Urtinktur erhält man anschließend durch Vereinigung von Asche und Destillat. Diese unterscheidet sich folglich bereits durch ihren Gehalt an Mineralsalzen aus der Pflanzenasche von einer mittels alkoholischer Extraktion gewonnenen homöopathischen Urtinktur (23).

Die typischen Verfahrensschritte des "Trennens" (griechisch "spaein") und "Vereinens" (griechisch "ageirein") gaben der alchemischen Arzneibereitung den Namen Spagyrik.

Immaterielle Heilkräfte

Den spagyrischen Arzneimitteln sprechen ihre Anhänger eine immaterielle Heilkraft zu, die sich auch während der zum Teil mehrfachen Destillation entwickeln soll. Der wiederholte Wechsel des Aggregatszustandes des Produktes während Verdampfung und Kondensation soll zu einem höheren Wirkungsgrad führen, ähnlich wie es für die Potenzierungsschritte in der Homöopathie postuliert wird. Diese Philosophie kulminiert in einer Zimpelschen Arznei, die allerdings nie Eingang in das "Heilsystem" fand: das "Ofenpräparat".

Zur Herstellung war im Heiligen Land abgebauter Salpeter mit "nüchternem Morgenspeichel von einem recht gesunden kräftigen jungen Manne oder Frauenzimmer" zu mischen und das Gemisch in einem Glaskolben einzufüllen, der, hermetisch verschlossen, neun Monate lang bei 50 °C digeriert werden sollte. Zimpel verlangte, dass drei Viertel der Glaskugel leer blieben, um dem Dampf Raum zur Ausdehnung und Rekondensierung zu geben, also "damit die heiße Luft oder der Dampf Raum habe, sich gehörig entfalten zu können" (24).

Offensichtlich hatte sich Mauch zunächst nicht um dieses - für Zimpel entscheidende - Detail gekümmert, denn nach neun Monaten lieferte er dem schwer Kranken eine Zubereitung, an deren Volumen Zimpel erkannte, dass der Kolben zu voll gewesen war. Bitter enttäuscht verwarf er das Produkt und verlangte einen neuen Ansatz, über dessen Realisierung indes nichts bekannt ist: "O mein Herrn u[nd] mein Gott, so ist denn alle meine Hoffnung meine Gesundheit wiederzuerlangen u[nd] mein Leben [...] zu verlängern vergebens [...]. Ein Erfolg ist nun unmöglich, oder nur in so fern einigermaßen zulässig oder denkbar, daß die gesamte Operation aufs neue gemacht wird"(24).

Christlicher Hermetismus

Carl-Friedrich Zimpel, dessen ingenieurwissenschaftliche Lebensleistungen seine medizinischen überragen dürften, ist heute als Hauptvertreter der Spagyrik bekannt, einer Therapieform, der er sich erst in seinen letzten Lebensjahren zuwandte. In seinen heilkundlichen Vorstellungen verschmelzen paracelsische Anschauungen mit einem reichen persönlichen Erfahrungsschatz und pietistischer Strenggläubigkeit.

Im Alter von etwa siebzig Jahren und nach seinem Schlüsselerlebnis bei Cesare Mattei legte Zimpel mit dem "Medizinischen Hausschatz" (25) ein umfangreiches Werk vor, das über Vorbilder, Quellen und Anschauungen Auskunft gibt. Darin bezieht er sich auf Paracelsus und seine Nachfolger, mehr aber noch auf naturmystische Vorstellungen, die auf eine Einheit von Naturwissenschaft und Theologie abzielen. Hauptvertreter sind die Theosophen Jacob Böhme (1575 bis 1624), Friedrich Christoph Oetinger (1702 bis 1782) und Karl von Eckartshausen (1752 bis 1803). In ihren Lehren verschmelzen naturwissenschaftliche Arbeiten mit christlichem Erkenntnisstreben in einer Weise, die (al)chemische Manipulationen als einen Schritt zur Gotteserkenntnis deutbar macht.

Mithin wird man dem vielschichtigen Wesen des schlesischen Therapeuten kaum gerecht, wenn man ihn nur als "letzten deutschen Paracelsisten" (26) sieht. Vielmehr kann er - in Anspielung an den "Urvater" der Alchemie, die gottähnliche ägyptisch-griechische Sagengestalt Hermes trismegistos - als Exponent des "christlichen Hermetismus" (27) gelten, deren Vertreter die Gewinnung einer omnipotenten alchemischen Arznei aus religiöser Motivation heraus anstrebten. So bemerkt er in einem Brief an Friedrich Mauch: "Ich kam vom Herrn zu dieser Kenntniß u[nd] meinen vielen Studien so vieler hermetischer Werke" (28).

Allerdings ist die Ausrichtung auf alchemische Heilmittel nur eine Facette im äußerst vielseitigen Erfahrungshorizont des skurrilen Therapeuten, der nicht zuletzt im "Medizinischen Hausschatz" deutlich wird. In einer Art Soziogramm definierte er selbst seine Rolle im Grenzbereich von Alchemie ("Ars spagyrica"), physikalischen Therapieverfahren und anderen Heilmethoden. Der Kreis mit "Dr. Zimpel" liegt nicht im Zentrum der "Ars spagyrica", also der alchemischen Heilmittelherstellung. Ihr wandte er sich ja erst in den letzten Lebensjahren zu, nachdem er eine Vielzahl allopathischer, homöopathischer und physikalischer Methoden kennen gelernt und ausprobiert hatte, von denen er offensichtlich nicht vollständig abrücken wollte. Im "Medizinischen Hausschatz" sind diese auch ausführlich berücksichtigt. 200 Jahre nach seiner Geburt wird Zimpel aus heilkundlicher Sicht allerdings fast nur noch mit der Spagyrik in Verbindung gebracht.

 

Anmerkungen und Literatur

  1. Zur Biographie Zimpels vgl. ausf. Helmstädter, A., Spagyrische Arzneimittel. Pharmazie und Alchemie der Neuzeit. Heidelberger Schriften zur Pharmazie- und Naturwissenschaftsgeschichte, Bd. 3, Wiss. Verl. Ges. Stuttgart 1990, S. 83 - 147. Die biographischen Angaben folgen, sofern nicht anders angegeben, den dort gemachten Ausführungen und den dort angegebenen Quellen, von denen der Briefwechsel zwischen Zimpel und Friedrich Mauch in Göppingen besonders hervorzuheben ist.
  2. Bibliographisch nachweisbar sind mindestens 40 Bücher zwischen 1828 und 1879; weitere Werke sind in der Literatur zitiert, konnten jedoch bislang nicht verifiziert werden. Etwa die Hälfte davon ist theologischen Inhalts.
  3. Zimpels ingenieurwissenschaftliche Leistungen in den USA sind zur Zeit Gegenstand eingehender technikgeschichtlicher Untersuchungen. Zu den bisherigen Ergebnissen vgl. Matzka, K., Rothschild, W., Charles Franz [sic !] Zimpel. Harakevet (A quarterly Journal on the Railways of the Middle East) 52 (April 2001) 11 - 13, und 53 (Juli 2001) 16 - 18. Vgl. hierzu auch Eintrag "Zimpel, Charles F." in: A Dictionary of Louisiana Bibliography, Vol. II, N-2, Louisiana Historical Commission, 1988. Für Auskünfte bedanke ich mich herzlich bei Klaus Matzka, Wien, und Bruce Holcomb, Taipalsaari, Finnland.
  4. Zimpel, C.F., Topographical Map of New Orleans & its vicinity embracing a distance of twelve miles up & eight & three quarter miles down the Mississippi river [...], New Orleans 1834.
  5. Vgl. hierzu Bley, P., 150 Jahre Eisenbahn Berlin - Frankfurt/Oder. Alba-Verlag 1992, S. 14 - 17 (dort fälschlicherweise "Christian Friedrich Zimpel").
  6. Zu Lutze vgl. Müller-Jahncke, W.-D., Der Hömöopath Arthur Lutze und seine Poliklinik in Köthen - Die rechtliche Auseinandersetzung um die Homöopathie. Pharm. Ztg. 130 (1985) 816 - 821, und Bettin, H., Meyer, U., Friedrich, C., "Diese Bitte war ich der Menschheit schuldig" - Das Wirken des homöopathischen Laienheilers Arthur Lutze (1813 - 1870) in Preußen. Medizin, Gesellschaft und Geschichte 19 (2000) 199 - 227.
  7. Das lateinisch abgefasste "Diplom" ist abgedruckt bei Helmstädter (1990), S. 89. Seine (Er)kenntnisse legte Zimpel sogleich schriftlich nieder: Zimpel, C.-F., Leitfaden für angehende Homöopathen. Stuttgart 1852.
  8. vgl. hierzu Helmstädter (wie Anm. 1) und ders., Carl-Friedrich Zimpel (1801 - 1879), Arzt und Theosoph. Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 42 (1990) 274 - 278.
  9. Zu den Ergebnissen siehe Zimpel, C.-F., Neue örtliche topographische Beleuchtung der h. Weltstadt Jerusalem mit besonderer Rücksicht auf die Leidenstage unseres Herrn Jesu Christi und der h. Orte daselbst ... Stuttgart 1853.
  10. Zimpel, C.-F., Die Reibungselektrizität in Verbindung mit Imponderabilien als Heilmittel (nach dem System von C. Beckensteiner). Stuttgart 1959, S. 15.
  11. Zimpel (wie Anm. 9), 7 sowie 203 - 207.
  12. Zimpel, C. F., Homöopathische Propagandareise in Syrien und Galilaea. Hahnemannia. Fliegende Blätter für Stadt und Land über Homöopathie von Dr. Arthur Lutze 6 (1863) 89 - 95, hier 90.
  13. Zimpel (wie Anm. 12), 90 - 91.
  14. Zimpel (wie Anm. 12), 93.
  15. Zimpel, C. F., Straßen-Verbindung des Mittelländischen mit dem Todten Meere und Damascus über Jerusalem mit Heranziehung von Bethlehem, Hebron, Tiberias, Nazareth etc.. Frankfurt 1865.
  16. Mattei siehe ausf. Helmstädter (wie Anm. 1) und Helmstädter, A., Hundert Jahre Wirkmacht. Cesare Mattei und die Elektrohomöopathie. Pharm. Ztg. 141 (1996) 1161 - 1166.
  17. Zimpel, C. F., Die vegetabilische Elektrizität zu Heilzwecken und die homöopathisch-vegetabilischen Heilmittel des Grafen C. M.. Leipzig 1869, S. 81.
  18. Mattei, C., Ein wenig Geschichte über die Heilmittel Matteis, über den Erfolg, den man mit diesen erzielt, und über die Art und Weise ihres Gebrauches. Wien 1874, S. 61 - 62.
  19. Zimpel (wie Anm. 17, 3. Aufl., Leipzig 1870), S. 4.
  20. Aus der von Mauch betriebenen Homöopathischen Centralapotheke in Göppingen ging die Firma Staufen-Pharma/Müller-Göppingen hervor, die noch heute Mittel unter dem Namen Zimpels vertreibt.
  21. Briefe von Zimpel an Mauch vom 25. 1. 1875 und vom 2. 3. 1875 (im Besitz der Firma Staufen-Pharma, Göppingen).
  22. vgl. hierzu Helmstädter, A., Spagyrische Arzneimittel. In: Reichling, J., Müller-Jahncke, W.-D., Borchardt, A., Arzneimittel der komplementären Medizin. Govi-Verlag, Eschborn 2001, S. 115 - 129.
  23. Spärliche Ansätze analytischer Untersuchungen bieten Fritschi, H.-J., Spagyrik. Lehr- und Arbeitsbuch. Gustav Fischer-Verlag, Ulm 1997, S. 19, und Lemasor-Labor (Hrsg.), Spagyrik von Lemasor. Aufbau, Analyse, Tradition, Therapie. Püttlingen 1997, 21 - 27.
  24. Brief Zimpels an Friedrich Mauch vom 25. 3. 1875 (im Besitz der Firma Staufen-Pharma, Göppingen).
  25. Zimpel, C. F., Der medizinische Hausschatz. Neue und alte Heilmittel für Jedermann. Mit besonderer Rücksicht auf die Ars Spagyrica, und deren Anwendung zur Bereitung von außerordentlichen medizinischen Geheimmitteln nebst einigen Anmerkungen über die Universalmedizin der Hermetik. Bern, 1870.
  26. So Surya, G. E. (i.e. Demeter Georgiewitz Weitzer), Die Spagyriker: Paracelsus - Rademacher - Zimpel. (Sammlung okkulte Medizin, Band 10), Berlin 1923, S. 294.
  27. Zum Begriff des christlichen Hermetismus vgl. Faivre, A., Einleitung. In: Eckartshausen, K. v., Über die Zauberkräfte der Natur. München 1819 (Neudruck Freiburg 1978), XIII.
  28. Brief Zimpels an Friedrich Mauch vom 19. 7. 1875 (im Besitz der Firma Staufen-Pharma, Göppingen).

 

Der Autor

Axel Helmstädter studierte von 1980 bis 1984 Pharmazie in Freiburg, anschließend Pharmaziegeschichte und Historische Hilfswissenschaften in Marburg. Er wurde 1988 bei Professor Dr. Wolf-Dieter Müller-Jahncke in Heidelberg promoviert. Nach einigen Jahren als Krankenhausapotheker in Heidelberg und Langen wurde er 1993 Mitarbeiter des Govi-Verlages und leitet dort den Bereich Fachbuchlektorat/Wissenschaftliche Zeitschriften/Elektronische Medien. Er ist Lehrbeauftragter für Pharmaziegeschichte (seit 1991) und Terminologie (seit 1994) an der Universität Frankfurt und amtierender Generalsekretär der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Er ist Co-Autor der im Govi-Verlag erschienenen Lehrbücher "Leitfaden der Pharmaziegeschichte" und "Fachlatein". Wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte sind medikamentöse Außenseiterverfahren, der arzneiliche Biodynamismus, Geschichte der Krankenhauspharmazie und der klinischen Pharmazie sowie die Geschichte früher Fertigarzneimittel.

 

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