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Von der Leprakolonie zur Spezialklinik

08.11.2004
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.75 Jahre Qui Hoa

Von der Leprakolonie zur Spezialklinik

von Ulrike Wagner, Qui Hoa, Vietnam

Wo französische Missionare einst eine Leprakolonie gründeten, steht heute ein modernes Krankenhaus. Therapierte Patienten sowie deren Kinder engagieren sich hier gemeinsam mit Ärzten und Pflegepersonal gegen die entstellende Krankheit.

Ein weißer Sandstrand säumt die türkisgrüne Bucht am südchinesischen Meer. Kokospalmen und Nadelbäume spenden Schatten an dem heißen Küstenabschnitt Zentralvietnams. Direkt dahinter liegt ein kleines Dorf. Viele Häuser sind im Kolonialstil erbaut und umgeben von farbenprächtigen, liebevoll gepflegten Gärten. Was einer Postkartenidylle gleicht, ist die Leprakolonie Qui Hoa.

1929 gründete der französische Priester Paul Maheu an diesem abgelegenen paradiesischen Ort die Kolonie. Er begann mit 15 Patienten, die von Franziskanerinnen gepflegt wurden. Mit der Zeit kamen immer mehr Leprakranke hinzu. Einige der geheilten Patienten kehrten nie in ihre Heimatdörfer zurück und leben - oft gemeinsam mit ihren Familien - seit 1929 im Lepradorf. Wer arbeiten kann, arbeitet so gut es die Behinderung erlaubt entweder auf den Feldern oder als Fischer. Diejenigen, die nicht dazu in der Lage sind, werden von der Regierung oder von Hilfsorganisationen unterstützt.

Bis 1975 führte die katholische Kirche das Leprosorium, vorwiegend französische Nonnen pflegten die Patienten. Nach Ende des Vietnamkriegs übernahm der Staat die Einrichtung; sie untersteht seither dem Gesundheitsministerium. Inzwischen wurde direkt neben der ursprünglichen Kolonie ein modernes, gut ausgestattetes Krankenhaus gebaut. Obwohl Leprakolonien im eigentlichen Sinn inzwischen der Vergangenheit angehören: Die Erkrankung selbst ist noch immer aktuell - auch im vielerorts sehr modern wirkenden Vietnam. In dem südostasiatischen Land liegt die Inzidenz nach Angaben der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) bei einer bis fünf Lepraerkrankungen pro 100.000 Einwohner.

Das “Qui Hoa Leprosy and Dermato-Venerology Hospital”, wie das Krankenhaus heißt, steht unter der Leitung von Dr. Nguyen Thanh Tan. Es verfügt über alle Einrichtungen einer modernen Klinik, inklusive Verwaltungsgebäude. Die ebenerdigen, weiß gestrichenen Gebäude, in kleinen Einheiten um Grünflächen gruppiert, sind blitzsauber. Betten, Nachttische und alle möglichen Einrichtungsgegenstände sind aus Edelstahl. Eine eigene Desinfektionseinheit sorgt unter anderem für keimfreie Bettwäsche.

Infektionen früh entdecken

Zurzeit versorgt die Lepraklinik 570 akut erkrankte Patienten aus elf Provinzen des zentralen Hochlands, erklärt Troung Thi Kieu Van, Projektmanagerin der Abteilung Internationale Zusammenarbeit. Rechnet man die schon geheilten, aber noch überwachten Patienten hinzu, dann betreuen die Ärzte der Klinik fast 6000 Betroffene. Im zentralen Hochland Vietnams leben vor allem ethnische Minderheiten wie die Bahnar. Die Menschen sind sehr arm, und viele sprechen kein Vietnamesisch, sondern ihre eigene Sprache.

Die Zahl der Leprakranken geht in Vietnam insgesamt zurück. Jedoch sind unter den Patienten in Qui Hoa noch immer erschreckend viele, deren Erkrankung viel zu spät entdeckt wurde. In den abgelegenen Bergdörfern haben die Bewohner oft keinen Zugang zu medizinischer Versorgung und können sich diese meist auch nicht leisten. Dadurch leiden sie häufig jahrelang an der tückischen Infektionskrankheit, ohne es zu wissen. So liegen viele junge Männer in der Klinik, denen kürzlich ein Bein oder ein Arm oder gar mehrere Extremitäten amputiert werden mussten.

Die engagierten Ärzte der Klinik versuchen, dies in Zukunft zu verhindern, indem sie Dörfer in den entlegenen Bergregionen mit mobilen Teams aufsuchen. Die Mediziner untersuchen die Haut der Dorfbewohner auf Pigmentveränderungen. Zudem liefern sensorische Tests erste Hinweise darauf, ob ein Mensch an Lepra erkrankt ist. Bei einer leichten Infektion können die Patienten in ihren Dörfern bleiben und müssen einen Antibiotikacocktail einnehmen (siehe Kasten „Lepra ist heilbar“). Ist die Infektion jedoch weiter fortgeschritten, kommen sie in die Qui-Hoa-Lepraklinik.

 

Lepra ist heilbar Seit Menschengedenken fürchtete man die Lepra, den Aussatz, als eine Bestrafung von Sünden. Die Kranken wurden aus der Gesellschaft verstoßen, isoliert und erniedrigt. Erst 1873 zeigte der Norweger Armauer Hansen, dass Lepra weder eine Strafe Gottes noch ein Fluch ist. Der Arzt identifizierte Mycobacterium leprae als Erreger des Aussatzes und damit das erste humanpathogene Bakterium überhaupt. Um die Stigmatisierung der Patienten zu verhindern, wird heute auch die Bezeichnung Hansen-Erkrankung verwendet.

Der Erreger der Lepra ist mit dem Tuberkelbazillus nahe verwandt. Mycobacterium leprae ist ein säurefestes Stäbchen, das als obligat intrazellulärer Parasit außerhalb des menschlichen Körpers nur bis zu zehn Tage überleben kann. Es wächst auf keinem bekannten Nährboden, lässt sich aber in der Pfote der Maus und im neunbändigen Gürteltier anzüchten. Der Keim teilt sich nur etwa alle zwölf Tage und bildet keine Sporen. Infizierte Menschen sind die häufigste Infektionsquelle. Aber auch Gürteltiere, Schimpansen und andere Affenarten können die Bakterien übertragen. Der genaue Ansteckungsweg ist noch nicht bekannt, wahrscheinlich werden die Erreger hauptsächlich per Tröpfcheninfektion übertragen.

Lepra ist eine chronische Infektion, die vor allem Haut, periphere Nerven, Schleimhäute und obere Luftwege betrifft. Die Erkrankung tritt als tuberkuloide oder lepromatöse Lepra auf. Während die tuberkuloide Form gutartig, nicht progressiv verläuft und durch fleckige Depigmentierung der Haut gekennzeichnet ist, schreitet die lepromatöse, maligne Form ständig voran. Typisch sind zahlreiche knötchenartige Hautläsionen (Granulome) und Nervenverdickungen, in denen sich die Erreger massenhaft ansammeln.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) klassifiziert die Erkrankung nach der Erregerlast: Bei der paucibacillären Form weisen die Patienten bis zu drei Hautläsionen auf, bei der multibacillären Form sind mehr Regionen betroffen. Die Erkrankung verläuft meist nicht tödlich, gehört aber weltweit zu den Hauptursachen für Behinderungen. Dabei entstehen die Verstümmelungen meist nicht durch die Bakterien direkt, sondern sind eine Folge der Nervenschäden, die bei beiden Formen der Lepra auftreten. Es kommt zu Verletzungen und Wundinfektionen, die unbemerkt bleiben und bis zum Verlust der Gliedmaßen führen.

Die Inkubationszeit ist mit durchschnittlich vier Jahren sehr lang. Ob und in welcher Form sich die Krankheit nach einer Infektion manifestiert, hängt vor der zellulären Immunabwehr des Patienten ab.

Dank der in den 70er-Jahren entwickelten Kombinationstherapie (Multi Drug Therapy; MDT) ist eine Lepra in sechs bis zwölf Monaten vollständig heilbar. Die Behandlung verhindert auch die Ausbreitung des Erregers: Ab der ersten Dosis sind die Patienten für andere nicht mehr infektiös. Seit 1981 empfiehlt die WHO die Kombination der drei Wirkstoffe Dapson, Clofazimin und Rifampicin. Dauer und Zusammensetzung der Therapie richten sich nach dem Schweregrad der Erkrankung. Bei einzelnen Hautläsionen reicht sogar die einmalige Gabe von 600 mg Rifampicin in Kombination mit 400 mg Ofloxacin und 100 mg Minocylin. Die Behandlung mit einem einzigen Chemotherapeutikum ist nicht möglich, da sie zur Resistenzbildung führt.

Quelle: Wagner, U., Hohmann, Ch., Reise- und Infektionskrankheiten. Govi-Verlag Eschborn 2004; S. 93-97.

 

Im dortigen Labor wird mit Hilfe mikrobiologischer und immunologischer Tests, zum Beispiel auf spezifische Antikörper, das Krankheitsstadium genauer bestimmt. Mit diesen Untersuchungsmethoden lässt sich auch der Verlauf der Therapie überprüfen, erklärt Van. Drei Ärzte, ein angehender Mediziner und acht technische Angestellte arbeiten in der diagnostischen Abteilung. Auch in der benachbarten Stadt Qui Nhon gibt es eine dermatologische Klinik, die entsprechende Tests anbietet. Wird Lepra diagnostiziert, senden die Ärzte die Patienten direkt nach Qui Hoa.

In der chirurgischen Abteilung der Lepraklinik versuchen die Mediziner zu retten, was zu retten ist. Sieben bis zehn Patienten operiert Dr. Dinh Cong Phuc pro Woche. Dabei kommen verschiedene Operationstechniken zum Einsatz. Oft kann er die Funktion von Extremitäten wieder herstellen, zum Beispiel bei krallenartig verformten Händen oder Füßen und bei Lähmungserscheinungen. In der Abteilung für Physiotherapie lernen die Patienten, Hände und Füße wieder zu bewegen. Manchmal bleibt den Ärzten jedoch nur die Amputation der betroffenen Gliedmaßen.

Befall der Nerven

Ein solch drastischer Eingriff ist bei schweren Geschwüren erforderlich. Sie entstehen indirekt als Folge einer Infektion mit Mycobacterium leprae, weil das Bakterium Nervengewebe befällt und zerstört. Die dünneren Fasern der vegetativen und sensiblen Nerven sind dabei am empfindlichsten, daher können Schweißbildung und motorische Funktionen ebenso betroffen sein wie die Empfindungen für Berührung, Schmerz, Temperatur und Vibration. In der Folge nehmen die Patienten Fehlbelastungen sowie Verletzungen und Verbrennungen – am Feuer beim Wärmen der Hände oder beim Kochen – nicht mehr wahr. Dadurch entstehen Gewebeschäden, die in den ärmlichen Verhältnissen, in denen die Patienten leben, rasch zu Sekundärinfektionen führen. Wenn der Knochen befallen ist, ist die Extremität meist nicht mehr zu retten.

Glück im Unglück hatte die 14-jährige Nguyen Anh Tung. Im Alter von acht Jahren wurde bei ihr Lepra diagnostiziert, und sie erhielt in ihrer Provinz die entsprechende Antibiotikatherapie. Ihr linker Arm war durch die Infektion jedoch bereits in Mitleidenschaft gezogen, ihre Hand blieb gelähmt. Mit einem chirurgischen Eingriff in der Nähe des Ellbogens stellte Dr. Phuc die Funktion des betroffenen Nerven wieder her. Bis auf den kleinen Finger, der noch ein wenig hakt, kann Ngyuen die Hand wieder bewegen.

Operationen wie diese sind nur in spezialisierten Zentren möglich, die auch eine Vor- und Nachbehandlung anbieten. Daher musste Nguyen in die Qui-Hoa-Lepraklinik kommen. Ihre Mutter - ebenfalls Leprapatientin - wird auch hier behandelt. Sie hatte eine krallenartig verformte Hand und leidet unter Gesichtslähmungen. Der Vater kümmert sich um die beiden. Es ist in Vietnam durchaus üblich, dass Familienmitglieder ihre Angehörigen ins Krankenhaus begleiten, um sie zu versorgen.

Ngyuen kann die Klinik bereits in einigen Tagen wieder verlassen und an ihre Schule zurückkehren. Sie besucht inzwischen die neunte Klasse und gehört zu den besten Schülerinnen ihres Jahrgangs, berichtet Van stolz. Ohne Behandlung wäre dem aufgeweckten Mädchen eine längere Schulbildung wahrscheinlich verwehrt geblieben - wegen der Behinderungen und weil Leprapatienten auch heute immer noch ausgegrenzt werden.

Leiden die Patienten - im Gegensatz zu Nguyen - unter einer sehr schweren Lepraerkrankung, müssen sie mindestens zwei Jahre in Qui Hoa verbringen, erklärt Phuc. Dazu tragen auch die Reaktionen auf die Therapie bei. Damit sind nicht die Nebenwirkungen der Antibiotika gemeint, sondern die Reaktion des Immunsystems auf das Absterben der Erreger. Während der Infektion befinden sich Bakterien und Immunsystem in einer Art Balance. Wird dieses Gleichgewicht gestört, kommt es zu den charakteristischen Leprareaktionen. Typisch sind Nervenentzündungen, die letztlich zu den endgültigen Schäden führen, die den Patienten für den Rest seines Lebens zeichnen. Zahlreiche Patienten in der Qui-Hoa-Lepraklinik leiden unter diesen Symptomen und werden mit Corticosteroiden oder chirurgisch behandelt.

 

Mit zwei Euro die Ansteckung verhindern 700.000 Menschen erkranken jährlich neu an Lepra, stündlich werden etwa 80 neue Leprapatienten entdeckt. Durchschnittlich leiden fünf davon bereits unter schweren Behinderungen, elf sind Kinder unter 14 Jahren. Am schwersten betroffen ist Indien, hier leben 70 Prozent der Leprapatienten, gefolgt von Indonesien, Brasilien und Myanmar. Dabei reicht eine einmonatige Behandlung bereits aus, um die Ansteckung weiterer Menschen zu verhindern. Die entsprechende Therapie kostet zwei Euro. Acht Euro müssen für ein Paar Spezialschuhe aufgebracht werden, zwölf Euro kostet die sechsmonatige Behandlung bei einer weniger starken Infektion (paucibacilläre Lepra), 24 Euro die Antibiotikatherapie einer schwereren Erkrankung (multibacilläre Lepra) für ein Jahr.

Wer Leprapatienten helfen möchte, kann sich ans DAHW wenden und spenden, entweder per Internet unter www.dahw.de oder per Überweisung auf das Spendenkonto 9696, Sparkasse Mainfranken Würzburg, Bankleitzahl 790 500 00.

Quelle: Französische Kongregation des Malteserordens sowie DAHW

 

Schuhe und Prothesen

Die Lepraklinik kümmert sich nicht nur um die direkte medizinische Versorgung der Patienten. In einer eigenen Schuhmacherwerkstatt stellen sieben Angestellte maßgeschneidertes Schuhwerk aus Latex für die Patienten her. Deren Füße sind häufig stark verformt und müssen zudem vor weiteren Verletzungen geschützt werden. Bei den engagierten Angestellten der Schuhmacherwerkstatt handelt es sich um Kinder früherer Leprapatienten, die in der Leprakolonie aufgewachsen sind.

Auch eine Prothesenwerkstatt gehört zur Lepraklinik. Hier werden etwa 120 Prothesen pro Jahr hergestellt, erklärte Ngo Dung, Angestellter in der Werkstatt. Alle zwei Jahre brauchen die Patienten eine neue Prothese, die hier nach den Maßgaben des Internationalen Roten Kreuzes hergestellt werden, berichtet er nicht ohne Stolz.

Ohne die finanzielle Unterstützung durch internationale Hilfsorganisationen könnten viele Patienten in Qui Hoa nicht versorgt werden. So sponsert Handicap International zum Beispiel die Schuhmacher- sowie die Prothesenwerkstatt. Die französische Kongregation des Malteserordens finanzierte den Neubau von zwei Pavillons auf dem Gelände der Lepraklinik. Auch die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) unterstützt die Klinik sowie die ehemalige Leprakolonie. 2004 stehen dafür etwa 10.000 Euro zur Verfügung. Das Geld wird für die Lepra-Überwachung in den elf Provinzen sowie Broschüren für eine Reihenuntersuchung eingesetzt. Außerdem soll es die Nahrungsmittelhilfe für 195 schwer behinderte Patienten, die im Lepradorf leben, ergänzen und die Krankenhauskosten für 150 Patienten decken, so das DAHW auf Anfrage der PZ.

Ab Ende 2004 wird das Hilfswerk seine Unterstützung nicht mehr direkt, sondern über die niederländische Organisation Netherlands Leprosy Relief (NLR) abwickeln. Innerhalb der Internationalen Vereinigung der Leprahilfswerke (International Federation of Anti-Leprosy Associations, ILEP) betreut NLR derzeit die Einrichtungen in Vietnam. Vom Jahr 2005 an werden sich DAHW und NLR die Kosten für die Unterstützung von Qui Hoa teilen.

 

Die Autorin

Ulrike Wagner studierte Biologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Nach ihrer Promotion in molekularer Parasitologie absolvierte sie 1998 ein Volontariat bei der Pharmazeutischen Zeitung. Seit 1999 arbeitete sie als Redakteurin bei der PZ, wo sie unter anderem das Ressort Medizin leitete. Sie ist Co-Autorin des Buchs „Reise- und Infektionskrankheiten“, das in diesem Jahr in der PZ-Schriftenreihe erschienen ist. Im Dezember 2003 brach Dr. Wagner zu einer einjährigen Reise mit Ziel Sydney, Australien, auf. Neben vielen Ländern Asiens reiste sie auch durch Vietnam, wo sie für die PZ die Leprakolonie Qui Hoa besuchte.

 

Anschrift der Verfasserin:
Dr. Ulrike Wagner, Sydney
Ulrike.Wagner@gmx.de

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