| Alexandra Amanatidou |
| 18.03.2026 14:00 Uhr |
Georg Kippels (CDU), Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, sprach per Videobotschaft beim Kongress für Gesundheitsnetzwerker in Berlin. / © PZ/ Alexandra Amanatidou
In seiner Videobotschaft betonte Kippels, dass Deutschland in den letzten Jahren große Fortschritte bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens erzielt habe. Er listete die Vorhaben des BMG auf und nannte dabei auch die Apothekenreform als Beispiel. »Wir schreiten voran bei der Apothekenreform oder bei Maßnahmen zur erhöhten Resilienz unseres Gesundheitssystems«, so Kippels.
Das BMG plane, weitere Maßnahmen auf den Weg zu bringen, um Deutschland als Gesundheits-, Forschungs- und Wirtschaftsstandort zu stärken. »So wird der Alltag nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Leistungserbringer spürbar verbessert«, so Kippels. Mithilfe des im Oktober 2025 in Berlin eröffneten Forschungsdatenzentrums Gesundheit (FDZ) sollen Gesundheitsdaten »umfangreicher als je zuvor für Versorgung und Forschung« nutzbar gemacht werden. Das Zentrum stelle in großem Umfang Gesundheitsdaten zu Forschungszwecken bereit.
Angesichts geopolitischer Spannungen müssten Regierung und Gesundheitssystem auf zunehmende hybride Angriffe vorbereitet sein. Mit dem Arzneimittel-Lieferengpassbekämpfungs- und Versorgungsverbesserungsgesetz (ALBVVG) wurden erste Schritte unternommen, um Lieferketten zu diversifizieren und die Produktion nach Europa zu verlagern. Laut dem Staatssekretär sollen kritische Infrastrukturen, zu denen auch Krankenhäuser gehören, vor zunehmenden Bedrohungen geschützt werden. »Zur Vorsorge für Krisensituationen gehört auch eine sichere IT-Infrastruktur.«
In diesem Zusammenhang erwähnte Kippels das Anfang des Jahres beschlossene KRITIS-Dachgesetz zur Stärkung der physischen Sicherheit kritischer Infrastrukturen sowie das Ende 2025 beschlossene Nis-2-Umsetzungsgesetz, das das Schutzniveau der Cybersicherheit in Europa erhöhen soll.
Der Staatssekretär erwähnte auch die Lieferengpässe, die meistens Generika betreffen. »Dabei stellen uns die globalisierten Lieferketten weiter vor Herausforderungen, insbesondere in der aktuellen geopolitischen Situation«, so Kippels. »Sie sehen, die Sicherstellung einer angemessenen Versorgung der Patientinnen und Patienten mit Arzneimitteln ist eine Daueraufgabe sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene.«
Zum Primärversorgungssystem sagte er, dass es sich nicht um ein Primärarztsystem handle, »weil wir gute Versorgung als Teamarbeit ansehen, an dem sich die Ärztinnen und Ärzte, aber auch andere Gesundheitsberufe beteiligen«.
Christiane von der Eltz, Vorstandsmitglied von Berlin-Chemie, plädierte für mehr Vernetzung unter den Akteuren im Gesundheitswesen. / © PZ/ Alexandra Amanatidou
Auch Christiane von der Eltz, Vorstandsmitglied von Berlin-Chemie, hielt eine Keynote. »Wir alle haben die Corona-Pandemie erlebt, wir sind aber für ähnliche Situationen nicht vorbereitet«, sagte sie. Der Pharmadialog mit der Bundesregierung versuche zwar, Lösungen für die Pharmaindustrie zu finden und Deutschland als Standort zu stärken, doch immer mehr Unternehmen würden ihre Produktion ins Ausland verlagern, was die Situation in Krisenzeiten erschwere. Um die Arbeit der Pharmaindustrie zu erleichtern, plädierte sie für das wegen seiner Intransparenz umstrittene Verfahren der vertraulichen Erstattungspreise für Arzneimittel.
Außerdem will sie mehr Vernetzung unter den Akteuren im Gesundheitswesen. Auch das Primärversorgungssysteme sieht sie positiv: »Die Steuerung der Patienten schont die finanziellen Ressourcen.« Im Moment würden Risikofaktoren zu spät erkannt und die Präventionsangebote zu wenig in Anspruch genommen. »Auch wenn Apotheken mehr Tests anbieten, heißt das nicht, dass die Patientinnen und Patienten schneller behandelt werden«, so von der Eltz.
(v.l.n.r.) Moderator Sascha Schiffbauer, Brenya Adjei (Geschäftsführerin der Gematik), Andreas Zaby (Bundesagentur für Sprunginnovationen), Susanne Johna (Vizepräsidentin der Bundesärztekammer), Thomas Ballast (Techniker Krankenkasse) und Han Steutel (Präsident von vfa). / © PZ/ Alexandra Amanatidou
Anschließend fand eine Diskussionsrunde mit dem Titel »Das Gesundheitswesen krankt« statt. Mit dabei waren Brenya Adjei (Geschäftsführerin der Gematik), Thomas Ballast (Techniker Krankenkasse), Susanne Johna (Vizepräsidentin der Bundesärztekammer), Han Steutel (Präsident des vfa) und Andreas Zaby (Bundesagentur für Sprunginnovationen).
»Innovation ist etwas Tolles und Wichtiges. Aber gleichzeitig haben viele Krankenhäuser oder Apotheken auf dem Land nicht einmal schnelles Internet. Wir müssen die technische Infrastruktur ausbauen«, sagte Adjei. Auch Johna sieht Verbesserungspotenzial. Sie wies auf die schlechten Umstände in Krankenhäusern hin. »Wir hätten gerne eine gute Digitalisierung«, sagte die Ärztin. Sie stellte auch eine ethische Frage in den Raum: »Gentherapie würde uns viel bringen, aber da stellt sich die Frage, wer davon profitieren würde.« Sie sieht die Notwendigkeit einer ethischen Diskussion. Einerseits werde über Medikamente diskutiert, die Millionen kosten, anderseits gebe es eine Debatte um Zahnarztkosten. Damit ist der Vorschlag des CDU-Wirtschaftsrats gemeint, Zahnbehandlungen als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen zu streichen, was die Bundsgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ausgeschlossen hat.
»Wir freuen uns über jede diagnostische Möglichkeit, die einen Nutzen mit sich bringt. Bei Arzneimitteln haben wir eine reale Nutzenbewertung, die dann oft ernüchternd ausfällt«, sagte Ballast. Steutel stellte ein weiteres Problem in den Raum. Er glaubt, dass sich die Pharmaindustrie in den nächsten Jahren neu erfinden muss, »ansonsten haben wir keine Zukunft«, sagte er und nannte die Automobilindustrie als Beispiel.
Deutschland neige zu einer Überregulierung und komme nur langsam voran. »Das liegt nicht nur an einem Faktor, sondern an mehreren. Etwa an der mangelnden Finanzierung von Innovationen«, sagte Zaby. Das Mindset in Universitäten und Forschungszentren sei gut, Probleme gebe es bei der Umsetzung.
Johna betonte, dass die Bevölkerung bei Änderungen im Gesundheitssystem mitgenommen werden müsse. Um neue Projekte schneller umzusetzen und nicht darauf warten zu müssen, bis sie bundesweit ausgerollt werden können, plädierte sie für Pilotprojekte, die zunächst in einem Bundesland stattfinden würden. »So könnte man aus den Fehlern lernen, bevor diese bundesweit ausgerollt werden.«
Im Digitalisierungszeitalter müsse sich das Mindset in Deutschland ändern. »Produkte kommen raus, auch wenn sie nicht perfekt sind. Sie werden getestet und im Laufe der Zeit verändert«, so Adjei. »Wir müssen mehr Toleranz entwickeln und wissen, dass wir nicht perfekt sein können. Denn im Bereich Digitalisierung entwickelt sich das Produkt jeden Tag weiter.«
Auch das Thema KI wurde angesprochen. Laut Ballast stellt KI traditionelle medizinische Vorgänge infrage und wird die Zukunft prägen. Doch Johna wies auch hier auf einen ethischen Aspekt hin: »Die KI kann sich auch verschlechtern, wir können so ein System nicht autonom arbeiten lassen. Wir müssen uns mit den ethischen Diskussionen zur Einsetzung von KI auseinandersetzen. Das müssen wir jetzt machen, weil es in fünf Jahren zu spät sein wird.«