Pharmazeutische Zeitung online

Apotheker Carl Leverkus

25.10.2004  00:00 Uhr
200. Geburtstag

Apotheker Carl Leverkus

von Christoph Friedrich, Marburg

Dr. Carl Leverkus (1804-1889) war ein erfolgreicher Chemieunternehmer und Namensgeber der Stadt Leverkusen. In Wermelskirchen eröffnete er 1834 die erste Fabrik zur Herstellung künstlichen Ultramarinblaus. Doch nicht nur als erfolgreicher Unternehmer machte sich Leverkus einen Namen; er und seine Frau waren für ihre „soziale Ader“ bekannt.

Carl Leverkus wurde am 5. November 1804 in Wermelskirchen als zweites von sechs Kindern des Apothekers Johann Wilhelm Leverkus (1776 -1858) geboren. Nach dem Besuch der Elementarschule seines Heimatortes wechselte er 1816 auf die Bürgerschule Remscheid (1). Im Alter von vierzehn Jahren begann er seine pharmazeutische Ausbildung beim Vater (2), die er 1822 in Winningen an der Mosel bei Apotheker Joseph Krahe in dessen erst zwei Jahre zuvor errichteten Offizin fortsetzte. Vermutlich auf Empfehlung Krahes, der in Marburg Pharmazie studiert hatte, immatrikulierte sich Leverkus dort im Wintersemester 1822/23. Noch 1823 trat Leverkus erneut für zwei Jahre in die väterliche Apotheke ein und war danach als Gehilfe in Trier bei Apotheker Joseph Gerling tätig, der seine Offizin in der Brotgasse betrieb (1, 3).

Studium an der Sorbonne in Paris

1826 ging Leverkus nach Paris, wo er sich an der Sorbonne einschrieb und Chemie studierte. Wie Justus Liebig (1803 - 1873), der hier gleichfalls seine Ausbildung fortgesetzt hatte (4), dürfte auch Leverkus diese Art der chemischen Forschung begeistert haben. Leverkus zeigte schon als Student Interesse an der praktischen Anwendung der Chemie. Seinen Lebensunterhalt finanzierte er in Paris mit der Fabrikation pyrotechnischer Blitzpulver, die er an französische Theater verkaufte. Neben dem Studium war er zudem in einer chemischen Fabrik tätig. In Paris erhielt er schließlich auch erste Einblicke in die Herstellung von Ultramarin, eine leuchtend blaue, ungiftige und in allen Lösungsmitteln unlösliche Mineralfarbe. Im Mittelalter wurde dieser Farbstoff aus dem Halbedelstein Lapislazuli oder Lasurstein nach einem sehr teuren und umständlichen Verfahren hergestellt, so dass er als außerordentlich kostbar galt. Da der Rohstoff von jenseits des Meeres (ultra mare) kam, erhielt er den Namen Ultramarin.

1828 kehrte Leverkus nach Hause zurück, wo er „sechs Monate damit verbrachte, all das zu lesen und zu wiederholen, was [...] jene hochgelehrten Herren im Verlauf von drei Jahren vermittelt hatten“(2). Im Frühjahr des gleichen Jahres setzte er seine Studien in Berlin fort und war anschließend zunächst als „practischer Apotheker“ in der väterlichen Apotheke tätig. Seine Bemühungen um die Erteilung einer Apothekenkonzession blieben ohne Erfolg, so dass er schon bald darauf als „practischer Chemiker“ in Barmen wirkte (2). Die staatlich reglementierte Anzahl von Apotheken führte zu Beginn des 19. Jahrhunderts dazu, dass viele und zum Teil eben gerade wissenschaftlich besonders engagierte Pharmazeuten, denen die pekuniären Mittel zum Erwerb einer eigenen Apotheke fehlten, den Apothekerberuf verließen (5). Eine nicht geringe Anzahl Pharmazeuten widmete sich unabhängig vom Apothekenbetrieb der Großherstellung chemischer Stoffe, wozu sie ihre im Apothekenlaboratorium erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten nutzen konnten. Auch Leverkus sah hierin eine interessante und zugleich finanziell lukrative Alternative zur Tätigkeit in einer Apotheke.

Promotion ohne „besonderen Werth“

Um als Apotheker und Chemiker seine Qualifikation nach außen sichtbar werden zu lassen, strebte er eine Promotion an. Er wandte sich daher am 9. Oktober 1830 an den Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität Gießen mit der Frage, ob er als Externer „ohne über Thesen zu disputieren“ in absentia promoviert werden könne, da seine „jetzigen Verhältnisse eine Reise nach Gießen unmöglich“ machten. Nach einer positiven Antwort sandte er seine zehnseitige „Abhandlung über das Silber: Sein Vorkommen; seine Gewinnung; seine Reinigung und Eigenschaften«, eine Beglaubigung über seinen bürgerlichen Stand sowie einen Lebenslauf in lateinischer Sprache an die Fakultät. Der Dekan Joseph Hillebrand (1788 - 1871) ersuchte den „H. Kollegen Liebig um ein Gutachten. Der junge, erst 27-jährige Ordinarius der Chemie bemerkte dazu: „Eine flüchtige Durchsicht der Abhandlung des Herrn Leverkus giebt wohl zu erkennen, daß Herr Lev. etwas gelernt hat, sie ist ein wohl durchdachter Auszug aus chemischen und hüttenmännischen Schriften, von etwas neuem, ich will sagen, von eigenthümlichen Ansichten ist aber keine Spur darin zu finden. Einen besonderen Werth, welcher auf die Würde eines Doctors Anspruch gäbe, hat sie mithin nicht. Da aber Herr L. durch sein Examen zu Berlin sich das beste Zeugnis seiner Kenntnisse erworben hat, da er ferner ein Ausländer ist und es hier mehr um den Titel als um die Sache geht, so nehme ich demohngeachtet keinen Anstand, ihm meine Stimme zu geben“(2).

Obwohl Liebig wegen seines scharfen Urteils von vielen Chemikern gefürchtet wurde, erwies er sich in diesem Fall als konziliant und pragmatisch. In seinem Gutachten schwingt neben der Verehrung für die französische Chemie gleichsam der Sinn für praktische Unternehmungen mit, zeigte doch auch Liebig stets Interesse an der „Vermarktung“ seiner Forschungsergebnisse (4). Die anderen Professoren der Fakultät schlossen sich Liebigs Urteil an und am 7. November 1830 wurde Leverkus „die Doktorwürde einstimmig zuerkannt“, da seine „Abhandlung den Beifall der Kenner erhalten“ habe (4).

Erste Fabrik in Wermelskirchen

Einige Monate zuvor hatte Leverkus bereits einen Gesellschaftsvertrag mit der Firma Hoesch & Langenbeck in Barmen als Teilhaber für die Sodafabrikation abgeschlossen. Da der finanzielle Erfolg jedoch ausblieb und die Partnerschaft dem jungen Apotheker wenig zusagte, löste er nach drei Jahren vorzeitig den Vertrag. Unterstützt von seinem Vater und dessen Freund, Karl Anselm Joseph von Heinsberg (1776 - 1861) aus Linn, errichtete er 1835 in Wermelskirchen die „Chemische Fabrik Dr. Carl Leverkus“, in der er zunächst Zinnsalze und -beizen, Bleisalze, Eisenbeize, Borax und kristallisiertes Soda produzierte.

1837 begann er mit der Herstellung von Ultramarin, das sich vom französischen in der Qualität kaum unterschied. 1838 erwarb er ein „Patent auf ein durch Beschreibung erläutertes Verfahren zur Darstellung des künstlichen Ultramarins für den Zeitraum von zehn Jahren...“.

Die Fabrik erlebte einen schnellen Aufschwung, da man mit Ultramarin zunächst noch sehr hohe Preise erzielen konnte. Sie beschäftigte 80 Arbeiter, und Leverkus, der 1838 ein Mädchen „vom Lande“ geheiratet hatte, mit der er in einer sehr glücklichen Ehe lebte, zählte bald zu den Wermelskirchener Honoratioren (1).

Mit dem Entstehen weiterer Ultramarinfabriken in Deutschland und Europa erwies sich indessen die Lage Wermelskirchens – fern von den wichtigsten Land- und Wasserstraßen – zunehmend als Nachteil. Bereits 1843 hatte Leverkus die erste 12 bis 16 PS starke Dampfmaschine aufstellen lassen. Die dafür erforderliche Kohle musste jedoch stets von weit entfernten Orten herbeigeschafft werden. 1860 erwarb Leverkus daher in der Nähe der Station Küppersteg der Köln-Mindener Eisenbahn, auf dem so genannten Kahlberg zwischen Wiesdorf und Flittard, ein direkt am Rheinufer gelegenes Grundstück für seinen expandierenden Betrieb. 1861 wurde mit dem Neubau begonnen, dessen Überwachung in den Händen seines ältesten Sohnes Julius (1840 - 1890) lag. 1863 konnte der Betrieb zunächst zu einem Drittel, ein Jahr später jedoch voll aufgenommen und die Wermelskirchener Fabrik schließlich verkauft werden.

Umzug an den Rhein

Das neue Anwesen, zu dem neben dem Betriebsgelände auch Felder und Wiesen gehörten, auf dem Leverkus Wohnungen für seine zum Teil aus Wermelskirchen übergesiedelten Arbeiter und Angestellten bauen ließ, nannte er nach dem Herkunftsort seines Geschlechtes, einem kleinen Weiler bei Lennep, Leverkusen. Die Anschrift des Unternehmens lautete nun „Rheinische Ultramarin-Fabrik Dr. Carl Leverkus, Leverkusen bei Coeln a. Rhein“.

Der Betrieb litt jedoch darunter, dass Leverkus seine hochwertigen Produkte zum großen Teil nach England, Russland sowie Nordamerika exportierte. Der amerikanische Sezessionskrieg (1861 - 1865) sowie die schlechte Finanzlage Russlands beeinträchtigten dieses Geschäft. Dass es Leverkus dennoch gelang, die Produktion zwischen 1862 und 1872 zu verdreifachen, spricht für sein unternehmerisches Geschick. Während der 1870er-Jahre erreichte die Produktion in Leverkusen ihren Höhepunkt. Die zehn Jahre später beginnende Wirtschaftskrise führte dann schließlich zu einer Einschränkung, nicht zuletzt wegen des zunehmenden Preisdumpings im Ultramarinmarkt.

Leverkus hatte indessen rechtzeitig für ein weiteres „Standbein“ gesorgt: Nachdem er bereits 1872 eine Konzession für eine Alizarinfabrik erhalten hatte, konnte diese zwei Jahre später die Produktion in Leverkusen aufnehmen. Das Unternehmen, in dem seine Söhne Julius und Carl (1845 - 1925) Teilhaber geworden waren, führte nun den Namen „Rheinische Ultramarin- und Alizarinfabrik von Dr. Carl Leverkus & Söhne“. Seine Söhne setzen, wenn auch nach 1891 nur teilweise in Leverkusen, sein Werk fort. 1890 erfolgte eine Fusion mit 14 Ultramarinfabriken zur „Vereinigten Ultramarinfabriken AG vorm. Leverkus, Zeltner und Consorten“. Unter Carl Leverkus jun. erfolgte jedoch bereits 1891 der Verkauf der Alizarinfabrik an die Elberfelder Firma Bayer. Bis 1917 beziehungsweise 1924 ging der restliche Grund- und Gebäudebesitz der Firma Leverkus in das Eigentum der Elberfelder Farbenfabrik über. Die Firma Bayer war von nun an mit dem Namen Leverkusen verbunden und bewahrte so das Andenken an den bedeutenden Apotheker. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Leverkusen der Hauptstandort von Bayer (6, 7).

 

Literatur

  1. Leverkus, E., Carl Leverkus 1804-1889. Leverkusen 2004.
  2. Promotionsakte C. Leverkus mit Lebenslauf, Universitätsarchiv Gießen Phil O 18 1830.
  3. Keune, J. B., Von Apotheken und Apothekern in Trier. In: Apotheker-Zeitung 46 (1931), 288-291.
  4. Friedrich, Ch., Justus von Liebig und die Pharmazie. In: Pharmazeutische Zeitung 148 (2003), 1634-1638.
  5. Hickel, E., Der Apothekerberuf als Keimzelle naturwissenschaftlicher Berufe in Deutschland. In: Medizinhistorisches Journal 13 (1978), 259-276.
  6. Bartmann, W., Zwischen Tradition und Fortschritt. Aus der Geschichte der Pharmabereiche von Bayer, Hoechst und Schering von 1935-1975. Stuttgart 2003.
  7. Bayer AG [Hrsg.], Fünfzig Jahre Bayer Arzneimittel 1888 -1938. Leverkusen 1938.

 

Dank: Der Autor dankt der Leiterin des Stadtarchivs Leverkusen, Frau Gabriele John, Herrn Thomas Dette vom Universitätsarchiv Gießen und Herrn Dr. Moritz Graf Strachwitz vom Deutschen Adelsarchiv Marburg für ihre freundlichen Auskünfte.

 

Anschrift des Verfassers:
Professor Dr. Christoph Friedrich
Institut für Geschichte der Pharmazie
Roter Graben 10
35032 Marburg
Top

© 2004 GOVI-Verlag
E-Mail: redaktion@govi.de

Mehr von Avoxa