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Insulin als Dopingmittel

17.02.2003
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Insulin als Dopingmittel

von Matthias Bastigkeit, Geschendorf

Das pharmazeutische Arsenal von leistungssteigernden Stoffen wächst, die Vorschriften der Sportorganisationen werden strenger und die analytischen Methoden genauer. Die „schwarzen Sportschafe“ sind deshalb stets auf der Suche nach neuen Mitteln. Insulin als Leistungssteigerer ist besonders bei Bodybuildern beliebt und hat bereits zahlreiche Todesopfer gefordert.

Insulin unterstützt die Wirkung von Anabolika wie Testosteron oder Wachstumshormonen, indem es den Muskelzuwachs konsolidiert. Die Steroide bewirken das Dickenwachstum der Zellen und Insulin verhindert, dass die gewonnene Masse wieder abgebaut wird. Das Hormon ist aber nicht nur bei Muskelmännern beliebt. Bei Mittelstrecken- und anderen Bahnläufern fördert es die Ausdauer und möglicherweise auch die Kraft durch vermehrte Einlagerung von Glykogen in die Muskelzellen.

Um den gewünschten Effekt zu erreichen, spritzen die Sportler Insulin, Glucose und/oder Glykogen als Mischinfusion. Die Glucoseaufnahme in die Muskeln kann um das Zwölffache gesteigert werden. Das exakte Mischungsverhältnis dieses Kraftcocktails zu finden, ist eine Gradwanderung zwischen extremer Kraft und hypoglykämischem Koma.

Auf der IOC-Dopingliste

Ein niedergelassener Arzt in England hat untersucht, wie viele der von ihm betreuten 450 Sportler zur Insulinspritze greifen. Mehr als 10 Prozent gaben einen Missbrauch zu. Den Stoff erhalten sie meist von Diabetikern aus der Verwandtschaft. Seit 1998 wird Insulin auf der Dopingliste des IOC geführt. Sportler mit Diabetes dürfen das Hormon selbstverständlich anwenden. Sie haben dadurch aber keinen Vorteil, da nur die richtige Insulin/Glucose-Mischung die gewünschten Dopingeffekte verspricht.

Wie weit Insulindoping in Deutschland verbreitet ist, ist unklar. Einige Notfallaufnahmen berichten über die Behandlung von hypoglykämischen Bodybuildern nach Missbrauch. Auch der ehemalige Radprofi Alberto Elli vom Team Telekom kam mit Insulin in die Schlagzeilen. Bei ihm wurden Spritzen mit Resten des Hormons sichergestellt; er wurde gesperrt und fristlos gekündigt. Ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft von Florenz gegen den deutschen Radsportstar Jan Ulrich wegen Insulindopings wurde eingestellt.

Missbrauch ist nachweisbar

Im Gegensatz zu der unter Anwendern oft verbreiteten Aussage, dass der Nachweis wegen der physiologischen Eigenschaften und der kurzen Halbwertszeit des Hormons nicht möglich sei, kann ein Abusus aufgedeckt werden.

Endogenes Insulin wird aus Pro-Insulin gebildet und zu einer definierten Menge an Fragment-C-Peptid umgewandelt, die nachweisbar ist. Wird reichlich Insulin von außen zugeführt, ändert sich das Verhältnis von Insulin zum C-Peptid. Obwohl es bereits vor fünf Jahren auf die Liste der verbotenen Präparate gesetzt wurde, wird bei Dopingkontrollen im Hochleistungssport nicht auf Insulin getestet. Die Therapie mit Insulin ist im Leistungssport jedoch genauso meldepflichtig wie die mit antiasthmatischen Betasympathomimetika. Darauf sollte die Apotheke ihre sportlichen Diabetiker hinweisen.

Die Gefahren des Insulindopings sind nicht unerheblich. Auch wenn eine schwere Hypoglykämie überlebt wird, sind Koma oder bleibende Hirnschäden durch die Mangelversorgung des Gehirns nicht auszuschließen.

Mehr Masse, nicht mehr Kraft

Die Angehörigen der Dopingszene verfügen zum Teil über ein erstaunlich profundes medizinisches Fachwissen. Berichte über die anabole Wirkung des Insulin-like growth factor-1 (IGF-1) führten zu einem regen Austausch in den entsprechenden Foren im Internet. Die Substanz ist auf dem Schwarzmarkt verfügbar und wird insbesondere von Bodybuildern eingesetzt. Was jedoch in vitro klappt, kann in vivo gefährlich werden.

Substanzen, die das Muskelzellwachstum im Sinne einer Hypertrophie stimulieren, regen auch andere Zellen zum Wachstum an. Der Muskel schwillt, die Prostata leider auch.

Unter IGF-1 nimmt zwar die Muskelmasse zu, dies bedeutet jedoch noch keinen Zugewinn an Kraft und Ausdauer. Um das Bindegewebe zu stärken, sind Fibroblasten notwendig und für die Versorgung des jetzt größeren Muskels werden mehr Kapillaren benötigt. Sowohl Fibroblasten als auch Kapillaren werden jedoch durch IGF-1 nicht aktiviert. Die lediglich geringe Zunahme der Muskelmasse bezahlt der Anwender mit Hypoglykämie, erniedrigter Sekretion von Wachstumshormonen, Störungen im Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel sowie im Insulin-Glukagon-Regelkreis.

Der Körper lässt sich nicht betrügen. Um funktionstüchtige Muskelmasse zu bilden, bedarf es körperlicher Anstrengung und nicht biochemischen Erfindungsgeistes.

 

Weltweiter Kampf gegen DopingPZ  Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) plant den nächsten Schritt im Kampf gegen unerlaubte Medikamenteneinnahme. Bei der zweiten Welt-Antidoping-Konferenz in Kopenhagen soll Anfang März die endgültige Fassung des neuen Code gegen Doping und Manipulation verabschiedet werden, meldet der Deutsche Sportbund. Bisher gab es dieses Gesetz in zwei Fassungen. In der dänischen Hauptstadt werden die Olympische Bewegung, die internationalen Sportverbände sowie Vertreter von Regierungen und öffentlichen Einrichtungen über eine Schlussversion beraten. Diese soll einheitlich und verbindlich für alle Nationalen Olympischen Komitees, Sportfachverbände und Regierungen werden. Wer diesen Code nicht unterzeichnet, soll künftig von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden. Die Gründung der WADA war bei der ersten Welt-Antidoping-Konferenz im Februar 1999 in Lausanne beschlossen worden.

Eine Liste von erlaubten Stoffen für häufige Indikationen haben der Deutsche Sportbund und das Nationale Olympische Komitee im März 2001 erstellt (www.dsb.de/news/bestand/adk-ml.pdf).

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