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Wenn Käse und Wein kein Genuss sind

MEDIZIN

 
Histaminintoleranz

Wenn Käse und Wein kein Genuss sind

von Conny Becker, Berlin

 

Gelten Parmesan, Parmaschinken und Chianti für viele als Hochgenuss, müssen andere diese Speisen meiden. Schätzungsweise 1 bis 3 Prozent der Deutschen vertragen den hohen Histamingehalt in manchen Lebensmitteln nicht, sie leiden unter einer Histaminintoleranz.

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Wer nach dem Essen von Durchfällen, unangenehmen Blähungen und Kopfschmerzen heimgesucht wird, einen roten Kopf oder eine laufende Nase bekommt, leidet wohlmöglich an einer Histaminintoleranz (HIT). Betroffene haben bis zur tatsächlichen Diagnose ihrer Erkrankung häufig eine Odyssee von Arztbesuchen und Untersuchungen hinter sich. Denn sämtliche Tests auf häufig vermutete Nahrungsmittelallergien sind negativ, und die Unverträglichkeit auf Histamin ist noch relativ unbekannt. Zudem können die Symptome auch beim gleichen Gericht einmal auftauchen und beim nächsten Mal wegbleiben, was Arzt und Patient an einer Erkrankung zweifeln lässt.

 

Dass eine Histaminintoleranz zunächst für einer Allergie gehalten wird, liegt auf der Hand. Denn das biogene Amin ist Hauptvermittler der unangemessenen Immunreaktion. Bei der HIT spielt aber die Bildung von Immunglobulin E gegen bestimmte Strukturen in Nahrungsmitteln, die einer Allergie vorgeschaltet ist, keine Rolle. Vielmehr ist das Histamingleichgewicht gestört: In den meisten Fällen liegt dabei eine verminderte Konzentration des histaminabbauenden Enzyms Diaminooxidase (DAO) vor. Es kann aber auch nur die Histaminkonzentration erhöht sein, oder beide Parameter sind pathologisch verändert.

 

Lebensmittel frisch verzehren

 

Eine histaminreiche Nahrung ruft bei Patienten mit einer HIT neben gastrointestinalen Symptomen (Diarrhö, Stuhlunregelmäßigkeiten, Blähungen) auch Niesen, eine rinnende Nase und Kopfschmerzen hervor, die bei Frauen zum Teil verstärkt vor der Periode auftreten. Darüber hinaus leiden viele Frauen, die insgesamt deutlich häufiger von einer HIT betroffen sind, an verstärkten Unterleibsschmerzen während der Periode. Zusätzlich kann es zu Flushreaktionen wie Hautrötungen und Hitzewallungen, Urtikaria, Atembeschwerden und Herzrhythmusstörungen kommen.

 

Besonders histaminreich sind Lebensmittel, die lang gelagert oder gereift sind, da Histamin zumeist bei Reife- und Gärungsprozessen durch Bakterien über die Decarboxylierung der halbessenziellen Aminosäure Histidin entsteht (siehe Tabelle). Zu den prominentesten Beispielen zählen Salami, Sauerkraut, viele Käse- und Fischsorten, Wein und Sekt. Den Patienten ist zu raten, Lebensmittel möglichst frisch zu verzehren, nur kurz aufzubewahren und stets luftdicht zu verpacken. Fischvergiftungen gehen übrigens zumeist auf erhöhte Histaminkonzentrationen zurück, die auch gesunden Menschen zu schaffen machen.


Tabelle: Histaminreiche Lebensmittel

Nahrungsmittel besonders histaminreich  Beispiele Alternativen 
Fisch  geräuchert, gesalzen, mariniert Thunfisch, Sardinen, Sardellen, Makrelen, Konserven (fang)frischer Fisch (ununterbrochene Kühlung) 
Käse lang gereifte oder Rohmilch-Käse Hartkäse wie Parmesan, reifer Gouda, Emmentaler, Camembert, Brie Frischmilchprodukte, Butterkäse, junger Gouda 
Wurst getrocknet, geräuchert, gepökelt Dauerwurst, Schinken, Salami, Konserven frische, wenig verarbeitete Wurstwaren, Kochwurst wie Leberwurst 
Gemüse mikrobiell vergoren, in Essig mariniert  Sauerkraut, Spinat, Tomaten, Aubergine, Avocado  
Backwaren Hefegebäck luftige Brötchen, Kuchen, Gebäck und Süßigkeiten mit hohem Gehalt an Backtriebmitteln hefefreies Knäckebrot, hefefreie Biobackwaren, Schwarzbrot 
Alkoholika vor allem trübe, gefärbt, obergärig Rotwein, Weißwein, Sekt, Weizenbier in geringen Mengen klare Spirituosen, Pils/Kölsch zum histaminarmen Essen 

Neben histaminreichen Nahrungsmitteln kann auch der Verzehr von Nahrungsmitteln, die die Freisetzung von Histamin fördern HIT-Symptome auslösen. Zu diesen so genannten Histaminliberatoren zählen Eiweiß, Fisch, Erdbeeren sowie Alkohol. Des Weiteren können auch Produkte, die reich an anderen biogenen Aminen wie Serotonin, Tyramin oder Phenylalanin sind, eine HIT-Reaktion begünstigen. Denn sie werden ebenfalls von der Diaminooxidase abgebaut, zu der sie in der Regel eine höhere Affinität haben als Histamin. Das bedeutet: Ist das Enzym noch mit anderen biogenen Aminen beschäftigt, kommt es schnell zu einer Histaminüberlastung des Körpers. Betroffene sollten daher zum Beispiel Bananen, Walnüsse, Schokolade und Sojaprodukte meiden.

 

Diät zur Diagnose und Therapie

 

Einer HIT kann ein Enzymdefekt zu Grunde liegen, bei dem die DAO nicht ausreichend produziert wird. In diesen seltenen Fällen erfolgt die Diagnose zumeist rasch. Häufiger, aber weniger gravierend ist eine geschwächte Aktivität der DAO auf Grund von Magen-Darm-Infekten. Denn das histaminabbauende Enzym befindet sich hauptsächlich in der Dünndarmschleimhaut, die durch den Infekt geschädigt sein kann. Diese Form der HIT klingt in der Regel mit der Erkrankung wieder ab.

 

Für die Diagnose einer HIT ohne auslösende Grunderkrankung brauchen Arzt und Patient jedoch ein wenig Gespür. Nach einer ausführlichen Anamnese und Ausschluss von organischen Erkrankungen oder einer anderen Nahrungsmittelunverträglichkeit ist eine Eliminationsdiät das Mittel der Wahl. Im Blut können zusätzlich der Histaminspiegel und die DAO-Aktivität gemessen werden, was allerdings noch nicht standardisiert ist.

 

Der sicherste Weg, eine HIT nachzuweisen ist, den Patienten rund vier Wochen auf eine histaminarme Kost zu setzen und ein Symptomtagebuch führen zu lassen. Denn bei vorhandener Intoleranz bessern sich die Symptome relativ rasch. Um die Diagnose zu erhärten, kann sich an die Diät eine doppelblinde placebokontrollierte orale Provokation anschließen.

 

Nach positiver Diagnose gilt es allerdings, die histaminarme Diät beizubehalten, was häufig eine drastische Umstellung der früheren Ernährungsgewohnheiten bedeutet. Doch so können die Beschwerden nach der Mahlzeit sicher vermieden werden. Patienten sollten viele Produkte einmal vorsichtig austesten, um nicht etwa auf alle Obstsorten verzichten zu müssen, die reich an biogenen Aminen sind. Allergologisch beraten lassen können sich Betroffene zum Beispiel bei der HIT-Sprechstunde der Uniklinik Bonn (Donnerstag Vormittag unter (02 28) 2 87 54 30) oder beim Deutschen Allergie- und Asthmabund (www.daab.de, info(at)daab.de), der Mitgliedern Informationen zum Histamingehalt einzelner Nahrungsmittel oder Tipps für eine ausgewogene Ernährung bei einer HIT anbietet. Alternativ ist auch der Patientenratgeber »Histamin-Intoleranz« (Thilo Schleip, Trias-Verlag, 12,95 Euro) zu empfehlen, der das Krankheitsbild laienverständlich erklärt und zudem nützliche Rezepte liefert.

 

Medikamente können HIT verstärken

 

In der Regel begleitet eine medikamentöse Behandlung die Diät. In der Uniklinik Bonn erhalten die Betroffenen nach zwei Wochen zusätzlich ein H1-Antikistaminika, sagte Dr. Laura Maintz von der Bonner HIT-Sprechstunde im Gespräch mit der PZ. Im Folgenden erübrige sich die medikamentöse Behandlung bei histaminarmer Diät. Vor Diätsünden können HIT-Patienten aber auf Cetirizin oder Loratadin zurückgreifen.

 

H1-Antihistaminika, gegebenenfalls mit Steroiden kombiniert, sollten vor der Gabe von Röntgenkontrastmitteln gegeben werden, da diese Histaminliberatoren sind. Dasselbe gilt vor einer Operation, bei der das Muskelrelaxans d-Tubocurarin oder Plasmaersatzmittel wie Dextrane und Hydroxyethylstärke eingesetzt werden. Auch Opioide fördern die Histaminfreisetzung, weshalb HIT-Patienten auch kein Codein zum Hustenstillen erhalten sollten. Unter den freiverkäuflichen Arzneimitteln zählen zudem die Schleimlöser Acetylcystein und Ambroxol zu den Histaminliberatoren. Auch Acetylsalicylsäure, Diclofenac und Metamizol, verschiedene Antibiotika, Metoclopramid sowie Verapamil können die Histaminwerte erhöhen.

 

Dauerhaft sollten Antihistaminika nur eingesetzt werden, wenn nachweislich die Histaminwerte im Serum erhöht sind. Sie wirken bei den typischen allergischen Symptomen wie Schnupfen, asthmatische und Hautbeschwerden, Schwindelgefühl und Kopfschmerzen. Gegen Beschwerden des Magen-Darm-Trakts helfe der Mastzellstabilisator Cromoglicinsäure, bei Bauchschmerzen ein H2-Antihistaminikum, so Maintz.

 

Neu ist, dass seit wenigen Monaten auch das histaminabbauende Enzym selbst in Tablettenform gegeben werden kann. Zwar ist die Substitution nicht die Wunderwaffe, als die sie zunächst schien, erste Erfahrungen aus dem klinischen Alltag sind jedoch positiv. »Die Tabletten haben einen kurzfristigen Nutzen, wenn sie vor histaminreicher Nahrung genommen werden«, sagte Maintz. Bei Bedarf, etwa vor einem Restaurantbesuch genommen, können sie Betroffenen das gesellschaftliche Leben erleichtern, vergleichbar mit Laktase-Tabletten bei Laktoseintoleranz. »Sie helfen aber nicht jedem«, räumt Julia Weißkirchen vom Deutschen Allergie- und Asthmabund ein. Der Schwerpunkt der Therapie werde weiter auf der histaminarmen Diät liegen. Es spreche aber nichts dagegen, die Präparate auszuprobieren, sofern man es sich finanziell erlauben kann (um 1 Euro pro Mahlzeit).

 

Die Präparate Daopure® und PelLind® sind als diätetische Lebensmittel zur diätischen Behandlung bei histaminbedingten Nahrungsmittelunverträglichkeiten zugelassen. Beide enthalten DAO und darüber hinaus Vitamin B6 und Kupfer beziehungsweise Vitamin C, da auch deren Mangel mit einer HIT in Zusammenhang gebracht wird. Die Kapseln werden bei Bedarf bis zu dreimal täglich zum Essen eingenommen. Da es sich bei der Substitution um eine ergänzende bilanzierte Diät handelt, sollte stets ein Arzt hinzugezogen werden.

 

Eine kleine Anwendungsbeobachtung in Österreich mit Daocur®, das ebenfalls die Diaminooxidase enthält, bestätigt den Effekt der Behandlung. Die 48 Probanden nahmen im Mittel vier Wochen lang sowohl Verum als auch Placebo ein und bescheinigten in Fragebögen zu rund 90 Prozent dem Verum-Präparat eine Verbesserung der Symptome, dem Placebo hingegen zu rund 85 Prozent keinen Effekt. Eine Doppelbild-Studie in fünf Allergiezentren in Österreich soll noch in diesem Frühjahr starten. Die Ergebnisse werden im Sommer erwartet.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2006

 

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