Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Hilfe für Sodbrennen-Geplagte

PHARMAZIE

 
Interview

Hilfe für Sodbrennen-Geplagte

von Elke Wolf, Rödermark

 

Arzneimittel gegen Sodbrennen werden in der Offizin oft verlangt. Da ist es gut, den einen oder anderen Tipp parat zu haben. So sollten sich Rechtsschläfer auf die linke Seite legen, da sie doppelt so häufig Sodbrennen wie Linksschläfer haben, riet Professor Dr. Wolfgang Rösch vom Nordwestkrankenhaus in Frankfurt am Main im Gespräch mit der PZ und gab Ratschläge für die Praxis.

ANZEIGE

 

PZ: Wie erklärt man sich, dass Reflux seit den 70er-, 80er-Jahren extrem zugenommen hat?

Rösch: Die Diagnosezahl hat sich zwar seitdem unterm Strich verzehnfacht, heute herrscht jedoch auch ein erhöhtes Bewusstsein der Bevölkerung gegenüber Sodbrennen. Außerdem wird heute vermehrt diagnostiziert, weil mehr endoskopiert wird. Die Zunahme der endoskopischen Untersuchungen und der Refluxkranken laufen parallel. Früher wurde geröntgt, dabei sieht man allerdings die Ursache der Beschwerden nicht.

 

PZ: Welche Rolle spielen die Apotheker Ihrer Ansicht nach bei der Therapie von Sodbrennen und seinen Folgen?

Rösch: Apotheker sind meist die ersten Ansprechpartner. Aber es müsste sich ein Wandel in der Beratung dahingehend vollziehen, dass man nicht mehr so häufig Antacida abgibt, sondern eher zu Ranitidin 75 mg und Famotidin 10 g greift. Die beiden OTC-H2-Blocker wirken effektiver als Antacida und sind letztendlich auch nicht viel teurer. Wenn man bedenkt, dass man Antacida sechs- bis achtmal am Tag einnehmen muss, tut sich preislich nicht viel zu einer ein- oder zweimal täglichen H2-Blocker-Einnahme.

 

Die OTC-H2-Blocker eignen sich zur Kurzzeitanwendung von maximal 14 Tagen bei Sodbrennen oder saurem Aufstoßen beziehungsweise Magenübersäuerung. Im Vergleich zu Antacida erfolgt der Wirkungseintritt der H2-Blocker zwar verzögert, erst nach 30 bis 60 Minuten, dafür wirken sie lang anhaltend: etwa sechs bis zehn Stunden.

 

PZ: Für wen sind dennoch Antacida und für wen H2-Blocker geeignet?

Rösch: Wenn Antacida nüchtern genommen werden, wirken sie nur relativ kurz, bis 30 Minuten. Zu den Mahlzeiten hält die Wirkung bis zu einer Stunde an. Antacida sind für diejenigen geeignet, die ihr Sodbrennen rasch los werden wollen. Sie wirken in Sekundenschnelle. Bei H2-Blockern und Protonenpumpenblockern dauert es ein bis zwei Stunden, bis der Effekt spürbar wird. Dafür ist er lange anhaltend.

 

In der Selbstmedikation bietet sich eine fixe Kombination (Pepciddual®) aus einem H2-Antihistaminikum plus zwei Antacida an, die die lange Wirkdauer des H2-Blockers mit dem schnellen Wirkungseintritt der Antacida vereint. Bereits nach einer Viertelstunde nach Einnahme einer Kautablette, die 10 mg Famotidin, 165 mg Magnesiumhydroxid und 800 mg Calciumcarbonat enthält, lassen die Beschwerden nach. Famotidin unterbindet dann die Salzsäurebildung im Magen bis zu zehn Stunden. Durch die lange Wirkdauer eignet sich die Fixkombination vor allem für Patienten, deren Beschwerden nachts auftreten.

 

PZ: Zunächst hört sich das Symptom Sodbrennen harmlos an. Ab wann sollte man hellhörig werden?

Rösch: Der Apotheker sollte den Kunden fragen, wie oft er Sodbrennen hat. Wenn er täglich oder mehrmals wöchentlich unter Sodbrennen leidet, sollte der Apotheker den Betroffenen an den Arzt verweisen. Tritt Sodbrennen nur gelegentlich auf, dann ist der Kunde beim Apotheker gut aufgehoben.

 

PZ: Besteht das Risiko, dass mit der Behandlung des Symptoms Sodbrennen eine schwerwiegende Erkrankung nicht entdeckt wird?

Rösch: Wer täglich Sodbrennen hat, ist in seiner Lebensqualität derart beeinträchtigt, dass man diese mit OTC-Arzneimitteln nicht wiedergewinnt. Die Therapie ist zu schwach. Nur rezeptpflichtige Medikamente können die Lebensqualität wieder herstellen. Die Gefahr, dass eine schwerwiegende Erkrankung nicht rechtzeitig behandelt wird, sehe ich nicht, weil der Arzt häufig eine Probetherapie macht, das heißt, er endoskopiert zunächst nicht, sondern setzt Protonenpumpenblocker ein, in der Hoffnung, dass der Patient nach einer Woche vom Sodbrennen befreit ist. So kann der Arzt auf die Diagnostik verzichten. Denn wenn der Patient auf die Protonenpumpenblocker anspricht, hat er definitiv eine Refluxkrankheit.

 

PZ: Die Häufigkeit von Komplikationen berechnen Experten mit der so genannten 10er-Regel: Gilt diese noch?

Rösch: Ja, obwohl sie immer wieder kritisiert wurde. Den Kritikern muss man sagen: Lest die Regelung aufmerksam. Denn das Ausgangskollektiv betrifft nur die Menschen, die täglich oder mehrmals wöchentlich Sodbrennen haben, und nicht die vielen, die sporadisch mal unter Sodbrennen leiden.

 

Die Regel lautet: Etwa 10 Prozent der ständig Reflux-Geplagten bekommen eine säurebedingte Entzündung der Speiseröhre, also eine Refluxösophagitis. Bei 10 Prozent der Patienten mit Refluxösophagitis verändern sich im Laufe der Zeit die Zellen derart, dass man sie als Vorstufe einer Krebserkrankung ansehen kann. Das ist jeder 100. Betroffene mit häufigem Sodbrennen. Wieder sind es rund 10 Prozent dieser Betroffenen, bei denen sich die Zellveränderung zu einem Adenokarzinom auswächst. Das ist dann also jeder 1000. ein Dauer-Reflux-Geplagter.

 

PZ: Eine Refluxösophagitis behandelt man mit Protonenpumpenblockern über vier bis acht Wochen. Wie geht man vor, wenn der Patient danach wieder symptomatisch wird?

Rösch: Hier ist eine Langzeittherapie mit der halben Standarddosis des Protonenpumpenblockers indiziert. Der Patient muss herausfinden, ob er die halbe Dosis jeden Tag, nur jeden zweiten oder dritten Tag braucht. Das kann man individuell ein wenig modulieren. Der Patient sollte die niedrigste wirksame Dosis, mit der er beschwerdefrei bleibt, herausfinden und mit ihr weitermachen.

 

PZ: Welche Arzneistoffe können Sodbrennen verstärken?

Rösch: Hierzu zählen Theophyllin, Nitropräparate, Calciumantagonisten, Acetylsalicylsäure, orale Kontrazeptiva, nicht steroidale Antirheumatika.

 

PZ: Was empfehlen Sie Schwangeren gegen Sodbrennen?

Rösch: Es gibt amerikanische Empfehlungen für Ranitidin oder Omeprazol, keine für Antacida. Denn Antacida enthalten zum Teil Aluminium. Dieses wird resorbiert und in parenchymatösen Organen gespeichert, also auch beim Kind.

 

Protonenpumpenblocker schädigen das Kind nicht. Da das Ungeborene noch keine Säure produziert, laufen Protonenpumpenblocker nur durch. Die Protonierung mit einem Wasserstoffion erfolgt nur bei der Mutter, nicht aber beim Ungeborenen.

 

PZ: Etwa 10 bis 24 Prozent der Reflux-Betroffenen leiden unter Schlafproblemen. Was sollten diese Patienten wissen?

Rösch: Rechtsschläfer haben doppelt so häufig Sodbrennen wie Linksschläfer. Deshalb sollten Patienten sich bei nächtlichen Beschwerden einfach auf die linke Seite legen. Das hat anatomische Gründe, weil der Mageneingang, der sich auf der rechten Körperseite befindet, dann nach links zieht.

 

PZ: In der Praxis eher unbekannt ist, dass jeder vierte Betroffene zusätzlich respiratorische Probleme hat. Könnten Sie etwas zu Reflux-assoziierten Atemwegserkrankungen sagen?

Rösch: Die Erkenntisse zu den Reflux-assoziierten Atemwegserkrankungen sind relativ neu, da diese erst seit etwa sechs Jahren bekannt sind. Räusperzwang, chronischer Husten, Globusgefühl, nächtliche oder morgendliche Asthmaanfälle sind typische Hinweise darauf. Zudem kann der Zahnarzt gelegentlich feststellen, dass Zahnschmelz erodiert ist, weil die Säure bis in den Mund fließt.

 

Diese Symptome gehen entweder auf Mikroaspirationen im Liegen oder auf über den Nervus vagus vermittelte Reflexbögen zurück. Denn Säure am falschen Ort, nämlich in der Speiseröhre, führt zu Kontraktionen der glatten Muskulatur im unteren Drittel. Über eine Fehlschaltung im Rückenmark wird diese Krampfbereitschaft der glatten Muskulatur auf die Bronchialmuskulatur sowie auf die Muskulatur der Herzkranzgefäße weitergeleitet, sodass ein Teil der Patienten über anfallsartig auftretende retrosternale Schmerzen klagt, die primär an eine koronare Herzkrankheit oder Angina pectoris denken lassen. Dieser nicht kardiale Thoraxschmerz spricht gut auf eine Therapie mit Protonenpumpenblockern an.


Weitere Themen im Ressort Pharmazie...

Beitrag erschienen in Ausgabe 51/2005

 

Das könnte Sie auch interessieren

 




PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 




ARCHIV DER HEFT-PDF

 
PDF der Druckausgabe zum Download
 







DIREKT ZU