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SARS-CoV-2

In der Eindämmungsphase

Bislang gibt es in Deutschland nur Einzelfälle von Infektionen mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2. Das Robert-Koch-Institut (RKI) arbeitet dafür, dass das möglichst lange so bleibt. Derweil sammeln Virologen immer mehr wichtige Informationen über den neuen Erreger.
Annette Mende
14.02.2020
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Angesichts der aus China gemeldeten stark steigenden Zahlen von Erkrankten und Todesfällen durch das neue Coronavirus SARS-CoV-2 wächst im Ausland die Sorge, der Ausbruch könnte sich zu einer weltweiten Pandemie entwickeln. Vor diesem Hintergrund gab die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina gestern in Berlin ein Pressebriefing, bei dem führende Wissenschaftler zum aktuellen Stand des Wissens über den Erreger informierten.

»Wir sind momentan nicht in der Lage, die Dynamik des Ausbruchs zu prognostizieren«, sagte Professor Dr. Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI). Alle Prognosen beruhten auf Zahlen, die mit Unschärfe verbunden seien, weil in China, dem bei Weitem am stärksten betroffenen Land, die Behörden extrem gefordert seien. »Da sind sie momentan nicht in der Lage, alle möglichen Zahlen zu liefern«, so Wieler.

Um das Pandemiepotenzial, also die Ausbreitungstendenz des Erregers zu bewerten, sei allerdings die Lage außerhalb Chinas entscheidend. Bislang seien außerhalb Chinas in 24 Ländern 503 Fälle aufgetreten. Ein Patient auf den Philippinen sei gestorben. Er habe an Vorerkrankungen gelitten.

»In China sehen wir seit mehreren Wochen eine Sterberate von 2,0 bis 2,2 Prozent. Außerhalb Chinas liegt die Sterberate mit 0,2 Prozent deutlich darunter«, sagte Wieler. Deutschland befinde sich derzeit in der sogenannten Eindämmungsphase, in der man zu verhindern suche, dass es zu lang anhaltenden Infektionsketten kommt. »Das gelingt bislang auch.« Es gebe Anlass zum Optimismus, dass das Virus in Schach gehalten werden könne, so der RKI-Präsident.

SARS-Virus doch kein geeignetes Denkmodell?

»Vieles, was wir über den Erreger wissen müssen, wissen wir noch nicht«, sagte auch Professor Dr. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Charité Berlin. So sei etwa die wichtige epidemiologische Kennzahl der sogenannten attack rate noch unbekannt. Sie gibt an, wie viele Personen, die durch einen Kontakt hätten infiziert werden können, tatsächlich infiziert wurden.

Andere Eigenschaften von SARS-CoV-2 sind mittlerweile aufgeklärt. »Für mich ist die allerwichtigste Information, dass dieses Virus offenbar doch aktiv im Rachenbereich repliziert. Das ist ein großer Unterschied zu SARS«, erklärte der Experte. Das SARS-Virus sei bislang aufgrund seiner großen Ähnlichkeit mit dem neuen Erreger als Denkmodell verwendet worden. Das SARS-Virus nutze einen Rezeptor, der vor allem in den tiefen Atemwegen vorkomme. Es müsse also in die Lunge eingeatmet werden. »Dort startet es im Prinzip sofort eine Erkrankung. Dann dauert es aber eine ganze Zeit, bis das Virus in der Lunge eine infektiöse Konzentration erreicht hat und wieder ausgeschieden wird.«

SARS-CoV-2 repliziere dagegen auch »mit signifikanter Intensität« im Rachen, so wie etwa das Grippevirus. »Das begründet die gute Übertragbarkeit der Influenza: Es ist ein Virus, das von Rachen zu Rachen übertragen wird«, sagte Drosten. Bei Patienten, die mit dem neuen Erreger infiziert seien, könne man bereits in der Frühphase der Infektion, wenn sie erst leichte Erkältungssymptome haben, infektiöses, wachsendes Virus aus dem Rachen isolieren. Das sei bei SARS nie gelungen. »Das heißt: Dieses Virus muss anders bewertet werden als SARS«, so Drosten.

Der Virologe fasste weitere inzwischen bekannte Eigenschaften des neuen Erregers zusammen. Covid-19, die durch SARS-CoV-2 verursachte Lungenerkrankung, trete bei den meisten Infizierten lediglich als Erkältung in Erscheinung. Kinder seien praktisch nicht betroffen. Schwangere seien wahrscheinlich nicht speziell betroffen – ein wichtiger Unterschied zur Influenza. Die besondere Risikogruppe seien ältere Patienten mit einer »Betonung auf das männliche Geschlecht«.

Drosten geht davon aus, dass die Lage in China derzeit ein verzerrtes Bild von der Gefährlichkeit des Erregers liefert. »Ich glaube, dass es momentan eine vollkommen falsche Einschätzung der Zahlen gibt wegen einer Überlastung des Meldesystems in China. Das sieht man schon daran, dass wir in den letzten zwei Wochen lange Zeiträume hatten, in denen an jedem Tag praktisch gleich viele Fälle dazukamen. Die Fälle beziehungsweise die Sterberate außerhalb von China sind sicherlich die realistischere Zahl.«

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