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Barmer-Analyse

Impfquoten in Deutschland mangelhaft

Deutschland gehört in Europa zu den Impfmuffel-Ländern. Laut einer Analyse der Barmer wird bei keiner der von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlenen Schutzimpfungen eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent und somit auch kein Herdenschutz erreicht.
Brigitte M. Gensthaler
19.12.2019  09:26 Uhr

Gemäß einer repräsentativen Umfrage der Krankenkasse wusste jeder fünfte Versicherte nicht genau, ob sein Impfschutz ausreicht, da er seinen Impfpass schon länger nicht mehr geprüft hatte. Weitere 16 Prozent hatten Zweifel, da sie die aktuellen Impfempfehlungen gar nicht kannten.

Die Impflücken beginnen bei den Kleinsten. »Während in Deutschland 3,3 Prozent der zweijährigen Kinder gar keinen Impfschutz haben, sind es in Bayern sogar 5,3 Prozent«, berichtet Professor Claudia Wöhler, Landesgeschäftsführerin der Barmer in Bayern, im Gespräch mit der PZ. Analysiert wurden die Datensätze von fast 60.000 Kindern, die 2015 geboren wurden und durchgängig bis Ende 2017 bei der Barmer versichert waren. Gegen Rotaviren ist nur gut die Hälfte der Zweijährigen in Bayern vollständig geimpft, in Deutschland immerhin rund 63 Prozent. Diese Impfung wird seit 2013 von der STIKO empfohlen.

Bei den sechsjährigen Kindern sieht es laut Barmer-Arzneimittelreport nicht viel besser aus: 2,3 Prozent bundesweit und 3,5 Prozent in Bayern haben keinerlei Impfschutz. »In Bayern haben nur drei Viertel der Zweijährigen eine vollständige Grundimmunisierung, bezogen auf die 13 STIKO-Impfempfehlungen«, konstatiert Wöhler.

Bei der Impfung gegen humane Papillomviren (HPV) ist Bayern trauriges Schlusslicht im Bund: Der Anteil der zwölfjährigen Mädchen mit vollständigem Impfschutz liegt hier nur bei 40 Prozent gegenüber 53 Prozent im bundesweiten Durchschnitt und 72 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern.

Die Krankenkasse hat zudem analysiert, welche Faktoren den Impfstatus der Kinder maßgeblich beeinflussen. Das Geschlecht des Kindes hat keinen Einfluss, wohl aber das Alter der Mutter und der Bildungsstand der Eltern. Wenn die Mütter jünger als 22 Jahre oder älter als 35 Jahre sink, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder vollständig geimpft werden. Dies gilt ebenso, wenn Mutter (oder Vater) entweder keinen oder einen hohen beruflichen Abschluss haben.

Was tun gegen Impfmüdigkeit?

Die Barmer-Landeschefin fordert daher strukturierte, leicht verständliche Kampagnen, die gezielt auf die jeweiligen Bevölkerungsgruppen ausgerichtet sind, aber auch ein Nationales Vorsorgeprogramm für Infektionskrankheiten. Kinder aus Familien, die am Kinder- und Jugendprogramm der Barmer Bayern teilnehmen, haben laut Wöhler eine 32 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit für eine vollständige Grundimmunisierung. Das Programm, das mit den Kinder- und Jugendärzten umgesetzt wird, beinhaltet zwei zusätzliche Untersuchungen zur physischen und psychischen Gesundheit im Kindesalter bis zehn Jahren sowie eine zusätzliche für Jugendliche von 16 bis 17 Jahren.

Erforderlich sei auch mehr Fortbildung für Ärzte, da diese die wichtigste Informationsquelle für Eltern sind. »Bundesweit sind etwa 15 Prozent der Ärzte Impfgegner«, stellt Wöhler fest. Um die Prävention zu stärken, könne man zudem, ähnlich wie bei der Krebsfrüherkennung, auch zum Impf-Screening einladen. Als vierte Säule sieht Wöhler eine Verbesserung der Gesundheitskompetenz, denn diese sei, zum Beispiel bezüglich der Gefahren des Nicht-Impfens, zu gering in der Bevölkerung.

 

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