Rund 10 Prozent der neuen Arzneistoffe des Jahrgangs 2025 adressieren neue Targets. / © Getty Images/asbe
Die neuen Targets umfassen überwiegend Enzyme – beispielsweise Kinasen – und ein tumorassoziiertes Antigen. Hinzu kommt ein Neurotoxin und das Phospholipid Cardiolipin. Sie werden durch sechs niedermolekulare Arzneistoffe, drei monoklonale Antikörper und ein Peptid moduliert. Im Fachjournal »Nature Reviews Drug Discovery« erschien nun ein Überblick über die Neulinge.
Von den sechs small molecules wirken drei als Inhibitoren. Brensocatib, ein Inhibitor der Dipeptidylpeptidase 1 (DPP1), wurde für die Behandlung von Bronchiektasien zugelassen. Defactinib hemmt zwei Mitglieder der FAK-Familie der Nicht-Rezeptor-Tyrosinkinasen und wurde in Kombination mit dem MEK1-Inhibitor Avutometinib zur Behandlung von KRAS-mutiertem Eierstockkrebs zugelassen. Das Prodrug Olgotrelvir, das für die Behandlung von Covid-19 zugelassen ist, zielt nach seiner Aktivierung auf humanes Cathepsin L (CTSL) ab, sodass das Eindringen des Virus in die Wirtszellen erschwert wird. Zusätzlich fungiert der aktive Olgotrelvir-Metabolit aber als Proteasehemmer der SARS-CoV-2-Hauptprotease, die die zunächst gebildeten großen Polyproteine in die funktionsfähigen Teilproteine des Virus spaltet.
Doxecitin und Doxribtimin sind Pyrimidin-Nukleoside, die jeweils als Substrate für die zytosolische Desoxycytidin-Kinase (DCK) beziehungsweise die Thymidin-Kinase (TK1) dienen. Die phosphorylierten Formen passieren die Mitochondrienmembran und stellen bei Patienten mit einem Mangel an mitochondrialer Thymidin-Kinase 2 (TK2) die Synthese der mitochondrialen DNA sicher, eine Voraussetzung dafür, dass die oxidative Phosphorylierung und Energieproduktion in den Mitochondrien funktionieren kann.
Dordavipron wird eingesetzt zur Behandlung von Gliomen mit einer bestimmten Mutation im Histon-H3-Protein. Es wirkt als Agonist an der proteolytische Untereinheit der mitochondrialen Clp-Protease (CLPP). Dadurch werden Stressreaktionen in den Tumorzellen ausgelöst, die die Proteolyse in den Mitochondrien aktivieren und Apoptose induzieren. Neben der Aktivierung der CLPP hemmt Dordavipron den Dopamin-D2-Rezeptor.
Drei der neuen Targets werden durch monoklonale Antikörper moduliert. Narsoplimab, das für die Behandlung der mit Stammzelltransplantationen assoziierten thrombotischen Mikroangiopathien zugelassen wurde, zielt auf MASP2 ab und blockiert auf diese Weise die lektinabhängige Aktivierung der Komponenten C3 und C4 des Komplementsystems. Dadurch werden Schäden der Endothelzellen in kleinen Blutgefäßen verringert.
Sibeprenlimab behandelt die Immunglobulin-A-Nephropathie durch Bindung an TNFSF13, ein Mitglied der Tumonekrosefaktor-(TNF-)Superfamilie. Durch die Bindung kommt es zu einer Senkung der Serumspiegel von galactosedefizientem Immunglobulin A1.
Siltartoxatug und Olgotrelvir wurden in China entwickelt und dort zugelassen. Siltartoxatug ist eine Sprunginnovation und der erste rekombinante monoklonale Antikörper gegen das Toxin von Clostridium tetani und stellt somit eine Alternative zur passiven Immunisierungstherapie mit aus Plasma gewonnenem humanem Tetanus-Immunglobulin dar.
Schließlich ist Elamipretid ein Peptid, das an Cardiolipin bindet und zur Behandlung des seltenen Barth-Syndroms eingesetzt wird. Diese auch als 3-Methylglutaconazidurie Typ 2 bezeichnete Erkrankung ist eine sehr seltene angeborene Stoffwechselstörung der Phospholipide, die unter anderem mit einer dilatativen Kardio- und Skelettmuskulatur-Myopathie einhergeht.
Aus therapeutischer Sicht war das Zulassungsjahr 2025 mit knapp hundert neuen Arzneimitteln mit definiertem Wirkmechanismus ein erfolgreiches Jahr. Rund 10 Prozent der neuen Arzneistoffe adressieren ein molekulares Target, für das es bisher keinen Arzneistoff gab. Allerdings schneiden wieder einmal Volkskrankheiten schlecht ab, ein Trend, der sich wahrscheinlich fortsetzen wird. Hier sind die niedrig hängenden Früchte offensichtlich geerntet und Innovationen in diesem Bereich werden es, auch aus pharmakoökonomischer Sicht, schwer haben. Von den Medikamenten mit innovativen Targets profitieren vor allem seltene Erkrankungen.
Die Zusammenstellung der Innovationen aus dem Jahr 2025 lässt vor allem aber auch die wachsende Bedeutung der forschenden pharmazeutischen Industrie Chinas erkennen. Zum ersten Mal überhaupt wurden zwei in China entwickelte Arzneistoffe mit innovativen Targets zunächst lokal zugelassen. Auch dieser Trend wird sich mit Sicherheit in den nächsten Jahren verstärkt fortsetzen.
Theo Dingermann, Senior Editor PZ
Das Virus SARS-CoV-2 hat unsere Welt verändert. Seit Ende 2019 verbreitet sich der Erreger von Covid-19 und stellt die Wissenschaft vor enorme Herausforderungen. Sie hat sie angenommen und rasch Tests und Impfungen, auch für Kinder, entwickelt. Eine Übersicht über unsere Berichterstattung finden Sie auf der Themenseite Coronavirus.