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40 Jahre Aids

HIV-Positive leben immer noch mit Angst und Stigma

Eine HIV-Diagnose ist immer noch ein Schock für viele Betroffene. Dank Medikamenten ist mittlerweile zwar ein halbwegs normales Leben möglich. Aber die Angst vor Ausgrenzung macht vielen das Leben schwer.
dpa
04.06.2021  09:00 Uhr

Wenn Besuch im Haus ist, die Medikamente verstecken. Bei Kollegen wegen des regelmäßigen Kontrollbesuchs bei der Ärztin Ausreden erfinden. Auf dem Parkplatz vor der HIV-Klinik schauen, dass einen niemand sieht. Das ist leider immer noch der Alltag vieler HIV-positiver Menschen.

Vor genau 40 Jahren, am 5. Juni 1981, berichtete die US-Gesundheitsbehörde CDC erstmals über die mysteriöse neue Krankheit. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe gut wirksamer HIV-Medikamente, sodass die Infektion bei den meisten Infizierten kontrolliert werden kann. An der Diskriminierung, mit der viele Betroffene danach konfrontiert waren, hat sich zu wenig geändert. Dabei sinkt bei Infizierten unter einer adäquaten HIV-Therapie die Viruslast unter die Nachweisgrenze, sodass die Betroffenen nicht mehr als ansteckend gelten. Doch nach einer neuen Umfrage der Deutschen Aidshilfe erlebt gut die Hälfte der HIV-Positiven immer noch Diskriminierung.

Knapp 100.000 Menschen lebten Ende 2019 in Deutschland mit HIV/Aids, knapp 11.000 davon wissen nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) davon nicht. Wenn eine HIV-Infektion nicht behandelt wird, schwächt das Virus das Immunsystem so stark, dass lebensgefährliche Krankheiten auftreten. Man spricht dann von Aids (Erworbenes Immunschwäche-Syndrom).

«Menschen, die mit HIV leben, sind jeden Tag mit diesem Problem konfrontiert: «Sag ich's dem Arbeitgeber, den Freunden, verstecke ich die Medikamente vor den Kindern? Was, wenn ich jemand kennenlerne, soll ich es sofort sagen?»» sagt Annette Haberl von der Deutschen Aids-Gesellschaft. Auch im medizinischen Bereich gebe es nach wie vor Vorurteile. «Die Suche nach einem Zahnarzt kann schwierig sein. Und es gibt immer die Angst vor Ablehnung, die die Menschen begleitet.»

Diskriminierung treibt HIV-Pandemie an

«Stigma und Diskriminierung sind eine der Ursachen dafür, dass die HIV-Pandemie weltweit nach 40 Jahren noch nicht zu Ende ist», sagt der Virologe und Aids-Forscher Professor Dr. Hendrik Streeck, der sich zuletzt als Corona-Experte einen Namen gemacht hatte, der dpa. Er spricht von einem traurigen Meilenstein. «Wir könnten die Pandemie viel besser eindämmen, als es der Fall ist.»

In vielen Ländern müssten Menschen, die mit HIV infiziert sind oder ein erhöhtes Ansteckungsrisiko haben, im Verborgenen leben. Viele ließen sich aus Angst und Sorge vor den Folgen nicht testen, oder es gebe kaum Testmöglichkeiten. «So gibt es derzeit noch zu viele Infizierte, die das Virus weitergeben können», berichtet Streeck. In Osteuropa und in Ländern wie Ägypten, Südsudan und Pakistan oder in Westafrika steige die Zahl der Neuinfektionen weiterhin an. Besondere Risikofaktoren sind ungeschützter Geschlechtsverkehr und das Teilen von Spritzbesteck beim Drogenkonsum.

Die Folgen der Corona-Pandemie auf die HIV-Infektionen seien noch nicht abzusehen, sagte Streeck. Vielerorts hätten sich weniger Menschen testen lassen, und viele hätten ihre Medikamente nicht mehr regelmäßig bekommen. Das könne zu vielen Neuinfektionen führen, und viele Menschen könnten ernsthaft erkranken.

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