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DGKPha-Jahrestagung

Herz und Niere zusammen betrachten

In Deutschland leben mehr als zwei Millionen Menschen mit einer eingeschränkten Nierenfunktion in verschiedenen Stadien, die von der chronischen Niereninsuffizienz über die Dialyse bis hin zur Nierentransplantation reichen. Apotheker können bei ihnen die Arzneimitteltherapiesicherheit erhöhen.
Christiane Berg
05.11.2018
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»Werden die Betroffenen durch Offizin- und Krankenhausapotheker mit den notwendigen Medikamenten versorgt, so können Pharmazeuten in der Beratung von Ärzten und Patienten mittels Kompetenz und klarer, verständlicher Kommunikation einen großen Beitrag zur Erhöhung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) leisten«: Das konstatierte der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Klinische Pharmazie (DGKPha), Professor Dr. Thilo Bertsche, Leipzig, bei der Begrüßung ihrer Jahrestagung in Hamburg. Der Kongress standie unter der Überschrift »Auf Herz und Nieren geprüft – Pharmakotherapie bei Niereninsuffizienz« stand.

Die Prävention und Therapie von Erkrankungen der Niere darf nicht losgelöst von Herz- und Stoffwechsel-Erkrankungen betrachtet werden. »Das Dreieck Herz, Niere, Metabolismus ist von der gegenseitigen Beeinflussung und Regulierung der drei Körper- und Organsysteme geprägt. Diese müssen daher stets im Kontext gesehen und behandelt werden, wobei jede Arzneimitteltherapie dem veränderten Wirkstoffhandling insbesondere bei Niereninsuffizienz Rechnung tragen muss«, bemerkte die Tagungspräsidentin und Moderatorin der zweitägigen Veranstaltung, Dr. Dorothee Dartsch, Hamburg. Dabei gilt es, arzneimittelbezogene Probleme (ABP) nicht nur im Rx-, sondern auch im OTC-Bereich zu berücksichtigen, betonte sie.

Übergreifend denken

»In den vergangenen 50 Jahren erleben wir in der Pharmazie und in der Medizin eine immer stärkere Subspezialisierung. Gleichzeitig müssen wir jedoch feststellen, dass die Erkrankungen und Organsysteme unserer Patienten dieser Subspezialisierung leider nicht folgen mögen. Vielmehr wird immer deutlicher, dass ein Organsystem-übergreifendes Denken erforderlich ist, um wirkliche Therapie-Erfolge zu erzielen«, unterstrich in einem Plenarvortrag Dr. Stephan Böhmen, Oldenburg, der detailliert Zusammenhänge zwischen Nieren-, Herz- und Stoffwechselerkrankungen aufzeigte.

Bei Schilderung dieser Zusammenhänge machte sich der Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie am »Teufelskreis der Herzinsuffizienz« fest, der nicht losgelöst von der Funktion und Aktivität des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) betrachtet werden könne. Sei noch bis in die 1980er-Jahre Digitalis als etablierte Therapieoption bei Herzinsuffizienz zum Einsatz gekommen, so setze die moderne medikamentöse Behandlung mit Beta-Blockern und ACE-Hemmern, Mineralcorticoid-Antagonisten beziehungsweise Sacubitril/Valsartan im Austausch gegen ACE-Hemmer bei Therapieversagen nicht am Herzen an.

»Stets im Kontext handeln«: Dr. Dorothee Dartsch und Professor Dr. Sebastian Wicha.
»Symptome niemals allein, sondern immer unter ganzheitlichen Aspekten betrachten«: Dr. Stephan Böhmen (r.). Neben ihm Kammerpräsident Kai-Peter Siemsen.
»Der heilberufliche Dialog ist unumgänglich«: Melanie Michel, Matthias Wriedt, Dr. Britta Goldmann, Christian Schulz und Dr. Gunar Stemer (v.l.n.r.).
»Kompetenz und Kommunikation«: Professor Dr. Thilo Bertsche.
Auch die Posterbesichtigungen in den Pausen boten reichlich Stoff für den fachlichen Gedankenaustausch.

»Dieser echte Paradigmenwechsel hat einen Durchbruch in der Herzinsuffizienz-Therapie bewirkt und dazu geführt, dass positiv inotrope Behandlungskonzepte verlassen und Akteure des RAAS als Angriffspunkte erkannt wurden. Wir nutzen heute also ein auf die Niere bezogenes System, um das Herz zu therapieren«, sagte er. Es gilt anderenfalls bei der Betrachtung von Nierenerkrankungen auch den Blick auf das Herz, sprich: KHK- und Stoffwechselerkrankungen nicht zu außer Acht zu lassen, so Böhmen.

Ob aufgrund einer chronischen Niereninsuffizienz mit gegebenenfalls terminalem Nierenversagen oder nach Nierentransplantation: Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion weisen eine Vielzahl von Begleiterkrankungen wie Hypertonie, Diabetes oder KHK auf, die zum kontinuierlichen Nierenfunktionsverlust beitragen können und deshalb einer intensiven symptomorientierten Therapie bedürfen. Gleichermaßen ist zu beachten, dass durch die Abnahme der Nierenfunktion wiederum weitere Komorbiditäten wie renale Anämie, metabolische Azidose oder Störungen im Calcium-, Phosphat- und Vitamin-D-Haushalt entstehen, erläuterte in einem weiteren Referat Dr. Gunar Stemer, Wien.

»Das alles führt letztlich dazu, dass Nierenpatienten in der Regel eine extensive Polymedikation und dadurch ein deutlich höheres Risiko für arzneimittelbezogene Probleme aufweisen. Die Beurteilung der Nierenfunktion als Basis für entsprechend angepasste und somit im Individualfall korrekte Arzneimitteldosierungen ist unerlässlich, um unerwünschte Arzneimittelwirkungen und -interaktionen zu vermeiden«, betonte der klinische Pharmazeut.

Dosisfindung entscheidend

»Dysfunktionen der arzneistofflimitierenden Organe und hier insbesondere der Niere können die Pharmakokinetik und -dynamik der Wirkstoffe erheblich beeinflussen, was in individuellen Dosierungsentscheidungen berücksichtigt werden muss«, unterstrich in einem weiteren Vortrag Professor Dr. Sebastian Wicha. Mit Verweis auf die entsprechenden professionellen Schätzformeln zur Bestimmung der Nierenfunktion erläuterte er, »was der Apotheker wissen muss, um die richtige Dosis zu finden«. Neben manuellen Werkzeugen stellte der Juniorprofessor für Klinische Pharmazie an der Universität Hamburg auch Web-basierte Tools wie »TDMx« zur Dosisoptimierung spezifischer Arzneistoffe vor.

»Die Nieren sind an nahezu allen systemischen Regulationsvorgängen direkt oder indirekt beteiligt. Daher ist insbesondere die kardiol-renale Achse in den letzten Jahren in den wissenschaftlichen Focus gerückt«, bemerkte im Rahmen eines Workshops »Fallbesprechung im heilberuflichen Dialog« mit dem Nephrologen Privatdozent Dr. Tobias Meyer, Klinikum Barmbek, Hamburg, auch Matthias Wriedt, klinischer Pharmazeut am selben Krankenhaus.

Der Fachapotheker für Allgemeinpharmazie, Onkologische und Palliative Pharmazie verwies unter anderem auf einen veränderten Knochenstoffwechsel sowie die verminderte Erythropoese, die zentral mit einer abnehmenden Nierenfunktion verknüpft sind. Diverse Standardmedikamente helfen, den Stoffwechsel wieder zu regulieren. In der Regel nimmt ein Dialysepatient durchschnittlich 19 Tabletten pro Tag ein, sagte er.

Wriedt sprach von Tablettenlasten, die zu reduzierten Medikamentenadhärenzen und multiplen Medikamenteninteraktionen führen können und entsprechende Dosisanpassungen bei gleichzeitiger Vermeidung von Über- und Unterdosierungen unumgänglich machen. »Die enge interdisziplinäre Kooperation von Nephrologen und klinischen Pharmazeuten ist daher unerlässlich«, bemerkte er.

Gleiches gilt für die Zusammenarbeit zwischen Offizin- und Klinikapothekern mit Diabetologen und Kardiologen. Das machten in zwei Parallelworkshops zu Falldiskussionen rund um Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen Melanie Michel und Dr. Britta Goldmann aus Hamburg deutlich.

Eindringlich verwies im weiteren Verlauf der Tagung Christian Schulz, Horn-Bad Meinberg, auf die Gefahren der Selbstmedikation bei Niereninsuffizienz. Haben bundesweit zwei Millionen Menschen (darunter zahlreiche Diabetiker und Hypertoniker) eine chronische Nierenkrankheit, so sind viele Betroffene ahnungslos. »Nur jede Dritte weiß davon, nur jeder Sechste wird ärztlich betreut«, warnte Schulz.

Der Offizinapotheker nannte es »brisant«, wenn ein Patient mit (noch unbekannter) limitierter Nierenleistung und »nur geringem Risikobewusstsein« zu »hochrisikobehafteten« OTC-Arzneimitteln wie NSAIDs oder aber Nahrungsergänzungsmitteln wie Mineralsupplementen, Vitaminen, Phyto-Präparaten oder Teemischungen greift. Aufgabe des Apothekers sei es, in Kenntnis der Möglichkeiten und Grenzen der verfügbaren Fertigarzneimittel und NEM im Beratungsgespräch klare Empfehlungen für geeignete Wirkstoffe zu geben beziehungsweise vor Arzneistoffen mit dem Merkmal »Don't« (Tu's nicht!) zu warnen.

Fotos: Fotolia/Crystal light; PZ/Christiane Berg (Referentenbilder)

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