| Theo Dingermann |
| 28.04.2026 18:00 Uhr |
Die Mehrheit der befragten Experten sieht SARS-CoV-2 auf dem Weg zu einem endemischen Atemwegsvirus wie Influenza oder RSV, allerdings nicht ohne Vorbehalte. Dr. Malik Peiris, emeritierter Mikrobiologieprofessor an der Universität Hongkong und Mitentdecker zweier früherer Coronaviren, betrachtet SARS-CoV-2 inzwischen als saisonales Atemwegsvirus. Das Auftreten einer Variante mit erheblicher Krankheitslast sei zwar nicht ausgeschlossen, aber angesichts der globalen Immunlage unwahrscheinlich. Professor Dr. Vineet Menachery vom Emory University Vaccine Center sieht die neuen Stämme als immunevasiver, aber klinisch milder, vergleichbar mit gewöhnlichen Erkältungscoronaviren, die bei vulnerablen Personen gleichwohl schwere Verläufe auslösen können.
Vorsichtiger urteilt Professor Dr. Ben Cowling, Epidemiologe an der Universität Hong Kong. Er hält es für verfrüht, SARS-CoV-2 bereits heute mit den milderen saisonalen Coronaviren gleichzusetzen. Van der Hoek hingegen ist überzeugt, dass SARS-CoV-2 bereits jetzt funktional dem fünften Erkältungscoronavirus entspricht.
Einig sind sich die Experten darin, dass das Risiko für bestimmte Gruppen weiterhin substanziell ist. Zu diesen Personen zählen ältere Menschen, Kleinkinder und Immungeschwächte. Auch Long Covid und seltene Komplikationen wie Myokarditis oder das Multisystem-Entzündungssyndrom bei Kindern (MIS-C) kommen zwar seltener vor als in früheren Pandemiephasen, bleiben aber klinisch relevant, wobei Impfungen als mitursächlich für den Rückgang dieser schweren Komplikationen gelten.
Die Frage, wer sich noch impfen lassen sollte, ist zunehmend politisch aufgeladen. In den USA war das CDC-Beratungsgremium ACIP dabei, die universelle Impfempfehlung für alle ab sechs Monaten auf eine risikobasierte Empfehlung zu verengen, analog zu mehreren anderen Ländern, darunter auch Deutschland, die diesen Schritt bereits vollzogen haben. Doch das Gremium wurde von Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. aufgelöst und mit impfskeptischen Mitgliedern neu besetzt. Das neu zusammengesetzte ACIP stimmte im September 2025 dafür, dass alle ab sechs Monaten eine Covid-19-Impfung erhalten »können«, ohne aktive Empfehlung.
In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) für besonders gefährdete Personengruppen, insbesondere Menschen ab 60 Jahren, Personen mit Immundefizienz oder bestimmten Grundkrankheiten sowie Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen, eine jährliche Auffrischimpfung im Herbst, um den bestmöglichen Schutz während der erwartbaren Infektionssaison zu erreichen.
Die Impfbereitschaft der Bevölkerung spiegelt den schwindenden Stellenwert wider. In der Saison 2025/2026 hatten lediglich 9,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen sowie 17,5 Prozent der Erwachsenen in den USA eine Covid-Auffrischungsimpfung erhalten. Unter den über 65-Jährigen waren es 22,1 Prozent — gegenüber mehr als dem Doppelten bei der Grippeimpfung. International ist das Bild ähnlich: Die WHO berichtete, dass 2024 nur 13 Prozent der älteren Erwachsenen weltweit eine Auffrischung erhielten. In Niedrig- und Mitteleinkommensländern lag die Rate selbst in Hochrisikogruppen unter 1 Prozent. Konsequenterweise stellte Gavi, die internationale Impfallianz, Ende 2025 ihre Unterstützung für Corona-Impfstoffkäufe ein.
Für immungeschwächte und ältere Personen bleibt die Datenlage zur Schutzwirkung von Boostern positiv. Eine aktuelle niederländische Studie bestätigt weiterhin einen signifikanten Schutz vor schwerer Erkrankung.
Auch eine von CDC-Wissenschaftlern erarbeitete, aber bisher unveröffentlichte US-Studie soll belegen, dass Impfungen im vergangenen Winter das Risiko einer Notaufnahme oder Hospitalisierung um 50 Prozent reduzierten. Die Veröffentlichung dieser Studie wurde jedoch Medienberichten zufolge politisch blockiert.