Pharmazeutische Zeitung online Avoxa
whatsApp instagram facebook bluesky linkedin xign

Covid-19 in 2026
-
Harmlose Erkältung oder unterschätztes Risiko?

Sechs Jahre nach dem Ausbruch der Pandemie stellen Experten jetzt die Frage, wie gefährlich SARS-CoV-2 noch ist. Was einst Gesellschaften lahmlegte, hat seinen Schrecken für die meisten Menschen verloren. Zu Recht?
AutorKontaktTheo Dingermann
Datum 28.04.2026  18:00 Uhr

Sechs Jahre nach den beispiellosen Lockdowns des Jahres 2020 ist Covid-19 aus dem Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung gerückt. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Virus verschwunden ist. In einer aktuellen Analyse des US-amerikanischen Fachmediums »STAT News«, zeichnet die Wissenschaftsjournalistin Helen Branswell basierend auf Einschätzungen führender Infektionsepidemiologen und Virologen, ein differenziertes Bild. Danach ist die Bedrohung deutlich reduziert, aber nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen.

Immunität als entscheidender Faktor – mit Einschränkungen

Der wichtigste Grund für die veränderte Risikolage liegt in der nahezu universellen Immunisierung der Weltbevölkerung. Nahezu jeder Mensch hat inzwischen durch Infektion, Impfung oder beides eine immunologische Grundabwehr gegen SARS-CoV-2 aufgebaut. Ausnahmen sind natürlich Kleinkindern im ersten Lebensjahr. Selbst viele sogenannte »Novids«, also Menschen, die glauben, nie infiziert worden zu sein, haben nach Expertenmeinung höchstwahrscheinlich asymptomatische Infektionen durchgemacht.

Die niederländische Virologin Professor Dr. Lia van der Hoek, Entdeckerin des Coronavirus NL-63 und Leiterin der Virusforschungsgruppe am Amsterdam University Medical Center (UMC), widerspricht jedoch dem Narrativ, dass allein die Immunität für den Rückgang der Schwere der Erkrankungen verantwortlich ist. Sie verweist auf ihre langjährige Forschung zu Erkältungscoronaviren. Danach können Reinfektionen bereits nach weniger als einem Jahr auftreten, was gegen eine langanhaltende schützende Immunität spricht.

Van der Hoeks Erklärung für den Wandel ist eine andere: das Auftreten der Omikron-Variante Ende 2021. Obwohl Omikron-Stämme immunevasiver sind als die vorherigen SARS-CoV-2-Varianten, verursachen sie deutlich mildere Verläufe. Alle heute zirkulierenden Varianten sind Omikron-Nachkommen.

Nachweisbarer Rückgang der Schwere der Erkrankungen

Die Mortalitätsdaten der US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) sind aufschlussreich. Danach war Covid-19 in 2021 noch die dritthäufigste Todesursache bei Erwachsenen in den USA. 2023 fiel die Erkrankung auf Rang zehn, 2024 dann auf Rang fünfzehn, noch hinter Influenza, die auf Platz elf rangierte.

Die CDC schätzt, dass zwischen Oktober 2024 und September 2025 zwischen 45.000 und 64.000 Amerikaner an Covid-19 gestorben sind, verglichen mit jeweils über 100.000 in den beiden Vorjahreszeiträumen. Die frühere CDC-Epidemiologin und heute Professorin an der Emory University Dr. Fiona Havers, ordnet diese Entwicklung so ein: Der Rückgang sei konsistent und zeige, dass sich das Muster der Covid-19-Betroffenheit zunehmend dem anderer Atemwegserkrankungen angleiche, mit Risikogruppen unter sehr jungen und sehr alten Menschen.

Auch die Abwasserüberwachung des Projekts WastewaterSCAN, geleitet von Wissenschaftlern der Universitäten Stanford und Emory, zeigt, dass die aktuell nachgewiesenen SARS-CoV-2-Konzentrationen im kommunalen Abwasser den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebungen aufweisen. Die Stanford-Professorin Dr. Alexandria Boehm betont jedoch, dass offen bleibt, ob dies weniger Infektionen oder lediglich eine geringere Virusausscheidung Infizierter widerspiegelt und ob der in Vorjahren beobachtete Sommer-Peak auch 2026 wieder auftritt.

Belästigung oder Gefahr? Eine Frage der Risikogruppe

Die Mehrheit der befragten Experten sieht SARS-CoV-2 auf dem Weg zu einem endemischen Atemwegsvirus wie Influenza oder RSV, allerdings nicht ohne Vorbehalte. Dr. Malik Peiris, emeritierter Mikrobiologieprofessor an der Universität Hongkong und Mitentdecker zweier früherer Coronaviren, betrachtet SARS-CoV-2 inzwischen als saisonales Atemwegsvirus. Das Auftreten einer Variante mit erheblicher Krankheitslast sei zwar nicht ausgeschlossen, aber angesichts der globalen Immunlage unwahrscheinlich. Professor Dr. Vineet Menachery vom Emory University Vaccine Center sieht die neuen Stämme als immunevasiver, aber klinisch milder, vergleichbar mit gewöhnlichen Erkältungscoronaviren, die bei vulnerablen Personen gleichwohl schwere Verläufe auslösen können.

Vorsichtiger urteilt Professor Dr. Ben Cowling, Epidemiologe an der Universität Hong Kong. Er hält es für verfrüht, SARS-CoV-2 bereits heute mit den milderen saisonalen Coronaviren gleichzusetzen. Van der Hoek hingegen ist überzeugt, dass SARS-CoV-2 bereits jetzt funktional dem fünften Erkältungscoronavirus entspricht.

Einig sind sich die Experten darin, dass das Risiko für bestimmte Gruppen weiterhin substanziell ist. Zu diesen Personen zählen ältere Menschen, Kleinkinder und Immungeschwächte. Auch Long Covid und seltene Komplikationen wie Myokarditis oder das Multisystem-Entzündungssyndrom bei Kindern (MIS-C) kommen zwar seltener vor als in früheren Pandemiephasen, bleiben aber klinisch relevant, wobei Impfungen als mitursächlich für den Rückgang dieser schweren Komplikationen gelten.

Impfempfehlungen im Umbruch

Die Frage, wer sich noch impfen lassen sollte, ist zunehmend politisch aufgeladen. In den USA war das CDC-Beratungsgremium ACIP dabei, die universelle Impfempfehlung für alle ab sechs Monaten auf eine risikobasierte Empfehlung zu verengen, analog zu mehreren anderen Ländern, darunter auch Deutschland, die diesen Schritt bereits vollzogen haben. Doch das Gremium wurde von Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. aufgelöst und mit impfskeptischen Mitgliedern neu besetzt. Das neu zusammengesetzte ACIP stimmte im September 2025 dafür, dass alle ab sechs Monaten eine Covid-19-Impfung erhalten »können«, ohne aktive Empfehlung.

In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) für besonders gefährdete Personengruppen, insbesondere Menschen ab 60 Jahren, Personen mit Immundefizienz oder bestimmten Grundkrankheiten sowie Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflegeeinrichtungen, eine jährliche Auffrischimpfung im Herbst, um den bestmöglichen Schutz während der erwartbaren Infektionssaison zu erreichen.

Die Impfbereitschaft der Bevölkerung spiegelt den schwindenden Stellenwert wider. In der Saison 2025/2026 hatten lediglich 9,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen sowie 17,5 Prozent der Erwachsenen in den USA eine Covid-Auffrischungsimpfung erhalten. Unter den über 65-Jährigen waren es 22,1 Prozent — gegenüber mehr als dem Doppelten bei der Grippeimpfung. International ist das Bild ähnlich: Die WHO berichtete, dass 2024 nur 13 Prozent der älteren Erwachsenen weltweit eine Auffrischung erhielten. In Niedrig- und Mitteleinkommensländern lag die Rate selbst in Hochrisikogruppen unter 1 Prozent. Konsequenterweise stellte Gavi, die internationale Impfallianz, Ende 2025 ihre Unterstützung für Corona-Impfstoffkäufe ein.

Für immungeschwächte und ältere Personen bleibt die Datenlage zur Schutzwirkung von Boostern positiv. Eine aktuelle niederländische Studie bestätigt weiterhin einen signifikanten Schutz vor schwerer Erkrankung.

Auch eine von CDC-Wissenschaftlern erarbeitete, aber bisher unveröffentlichte US-Studie soll belegen, dass Impfungen im vergangenen Winter das Risiko einer Notaufnahme oder Hospitalisierung um 50 Prozent reduzierten. Die Veröffentlichung dieser Studie wurde jedoch Medienberichten zufolge politisch blockiert.

Mehr von Avoxa